Nur Herrn Cartlidge ist das egal, weil ihm da eine Sache unter den Nägeln brennt, die er jetzt unbedingt richtig stellen möchte. Herr Cartlidge hatte das Pech, das Fach Berufsberatung anzubieten. Auch Robbie Williams, der ein mieser Schüler war, saß eines Tages in seinem Zimmer. Ich brauche keinen guten Schulabschluss, ich will sowieso ins Showgeschäft, tönte er. Daraufhin hat Herr Cartlidge den Kopf geschüttelt und gesagt: "So ein Unsinn, mein Junge! Geh zum Militär!"
Herr Cartlidge hätte das Gespräch bestimmt vergessen, hätte er nicht eines Tages die erste Solo-CD "Life Thru A Lens" von Robbie Williams gehört. Dort zieht Williams im Song "Hello Sir" genüsslich über "einen Herrn mit Stirnglatze" und "gefaktem Sportwagen" her, der ihm in der Schule nie etwas zutraute. Jetzt möchte Herr Cartlidge das Kriegsbeil begraben und gesteht etwas kleinlaut: "Hätte er einen so ausdrucksstarken Text im Unterricht abgeben, ich hätte ihn ganz bestimmt mit sehr gut bewertet."
Steve Cartlidge war der erste, der Robbie Williams unterschätzte. Der Zweite war der Take-That-Sänger Gary Barlow. Der Dritte war der Take-That-Manager Nigel Martin-Smith. Sie alle hielten Robbie Williams für einen Pausenclown auf der Bühne. An allen rächte sich Robbie Williams mit zynischen und beleidigenden Popsongs. Er lebt von diesen Verletzungen. Sie sind die Quelle seiner Kreativität. Selbst heute, da niemand mehr das Können des Entertainers und Musikers Robbie Williams infrage stellt, kann er nicht mit seiner Vergangenheit Frieden schließen. Er ist ein Getriebener, der fast jedes Jahr eine neue CD rausbringt und auf Tournee geht, um sich in Fußballstadien voller Fans seinen Sieg immer wieder bestätigen zu lassen.
Seinen rasanten Aufstieg zum Superstar verdankt Robbie Williams vor allem dem britischen Songwriter Guy Chambers. Der studierte Musiker hatte als Solokünstler nur wenig Erfolg. Das änderte sich, als er 1997 Songwriter von Robbie Williams wurde. Zwischen beiden entstand eine ähnlich kreative Chemie wie zwischen John Lennon und Paul McCartney. Sie komponierten zusammen sämtliche Hits, berühmt wurden vor allem die zeitlos schönen und extrem eingängigen Popballaden wie "Angels", "Feel" oder "Eternity", die Robbie Williams weltweit an die Spitze der Hitparaden brachten.
In Stoke-on-Trent begegnet man einer Mischung aus Stolz und Enttäuschung, wenn es um den berühmtesten Bürger der Stadt geht. Stolz, weil es einer von ihnen so weit gebracht hat. Aber sie sind auch enttäuscht, weil sie sich zurückgelassen fühlen. Weil es nicht mehr viel gibt, das sie mit der Welt des Popmillionärs Robbie Williams verbindet.
Beim Fußballklub FC Port Vale ist man sauer, weil Robbie Williams niemals Geld gespendet hat, obwohl es doch sein Lieblingsverein ist. "Seine Mutter kam vergangene Woche, um für ihn das neue Port-Vale-Trikot zu kaufen, die Nummer 8", erzählt Andy Burgees vom Fanshop. Auch ein Herr vom Management hat angerufen, um ein Videoband mit den Spielen der vergangenen Saison zu bestellen. Aber selbst vorbeigeschaut hat Robbie schon seit Jahren nicht mehr. Dabei hatte er sogar einen Ehrenplatz im Stadion, mit Namensgravur auf der Sitzlehne. Doch als Robbie drei Jahre lang nicht mehr auftauchte, haben sie den Stuhl abmontiert und in eine Abstellkammer gestellt.
Inzwischen kommen nur noch 6000 Fans zu den Spielen, der Rest der 22.000 Plätze bleibt leer; der FC Port Vale ist in die dritte Liga abgerutscht. "Wir könnten seine Hilfe jetzt gebrauchen. Ich nehme morgen meinen Hut, wenn Robbie hier als Chef einsteigen will", sagt der Vorsitzende vom FC Port Vale, Bill Bratt. Ein anderes Vereinsmitglied, das nicht genannt werden will, sagt: "Robbie Williams hat uns benutzt, um sein Image als bodenständiger Junge aus Stoke-on-Trent aufzupolieren. Immer sagt er, er sei der größte Fan von Port Vale. Und was hat er für uns getan? Nichts!"
Drew Whelldon arbeitet als Taxifahrer und war ein guter Freund von Robbie Williams. Sie saßen in der Schule nebeneinander, sie spielten zusammen Fußball, sie waren auch mal in dasselbe Mädchen verliebt. Ein Lächeln huscht immer dann über sein Gesicht, wenn ihm noch etwas einfällt, von damals, als er mit seinem Kumpel Robbie Bier trank. Wie Robbie mit abrasierten Augenbrauen durch die Schule lief und niemand wusste, was das nun wieder sollte. Wie Robbie von den Mädchen einen Korb bekam, weil er mit 15 Jahren noch ziemlich viel Babyspeck im Gesicht hatte. Oder wie Robbie eines Tages in sein Taxi sprang und schrie: "Gib Gas! Die bringen mich sonst um!" Da waren ein paar besoffene Fans von Stoke-City, dem Lokalrivalen vom FC Port Vale, hinter ihm her.
Als Drew Robbie das letzte Mal sah, hat er ihm einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Hand gedrückt und gesagt: "Ey, Alter, vergiss mich nicht. Ruf mich mal wieder an!" Robbie hat nie angerufen. Er bedankte sich aber auf seine Art: Ein paar weibliche Take-That-Fans bekamen Drews Telefonnummer. "Für drei, vier Monate klingelte es bei mir zu Hause Sturm. Meine Mutter ist fast wahnsinnig geworden. Es riefen Mädchen aus Italien, Deutschland und Spanien an und fragten, ob ich Robbie Williams kenne."
Drew hat vor ein paar Wochen eine Robbie-Williams-Coverband gegründet, The Karma Killers. Beim Karaoke-Singen hat er festgestellt, dass er fast die gleiche Stimme wie Robbie hat. Sagt er jedenfalls. Bald wird er ein Konzert in Stoke-on-Trent geben. "Ich wünschte, Robbie würde mal wieder bei uns vorbeischauen. Er ist doch einer von uns." Vor ein paar Wochen hat Drew die Einladungen für ein Klassentreffen verschickt, das im November stattfinden soll. Es haben sich schon fast alle zurückgemeldet. Nur einer blieb stumm: Robbie Williams.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2005