Der Getriebene

27. November 2003, 11:52 Uhr

Krachendes Ende einer Weltkarriere: Wieder wird Michael Jackson sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen. "Sie wollen mich tot oder lebendig" - schon 1995 sang er davon, gejagt zu werden. Jetzt gibt es seinen Steckbrief.

"Ich möchte mich verhalten wie Gott": das Gesicht ein Bauwerk, die Haut gebleicht, die Augen aufgerissen.©

Die Geschichte, die Michael Jackson zerstören könnte, begann so märchenhaft, wie es der selbst ernannte "King of Pop" liebt. Sie begann auf der Kinderstation des Kaiser Hospitals in West-Los-Angeles. Dort kämpfte der zwölfjährige Krebspatient Gavin Arvizo, dessen Familie so arm war, dass sie einst in einem Stall leben musste, mit dem Tod. Die Ärzte hatten einen großen Tumor im Bauch herausoperiert und eine Niere entfernen müssen. Gavins großer Wunsch war es, einmal im Leben noch sein Vorbild Michael Jackson zu treffen. Und Jacksons großer Wunsch war es, dem armen Jungen einmal im Leben das Paradies zu zeigen. Der Superstar bezahlte Gavins Arztrechnungen, kaufte seiner Familie ein Auto - womöglich auch ein Haus - und brachte das Glück zurück in eine gepeinigte Kinderseele. So sah sich Jackson am liebsten - und so sollte die Welt ihn sehen: als Wohltäter, als Engel. Eine Figur, von der man sagt: Es gibt sie eigentlich nur im Märchen.

"Wann immer Kinder hierher kommen, wollen sie bei mir bleiben"

Der Superstar lud Gavin, dessen Geschwister Star, 11, und Davelin, 16, sowie ihre Mutter Janet auf seine Neverland-Ranch ein, eine Art Schlaraffenland, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles. Dort dürfen Kinder Eis und Bonbons essen, so viel sie wollen, es gibt Wasserrutschen, Karussells, ein eigenes Kino, sehr viele Disneyfilme und einen Privatzoo mit Tieren wie 'Muscles', der Boa Constrictor, 'Bubbles', dem Schimpansen, und 'Blackula', der Tarantel. Abends dürfen die Kinder zu Jackson in die Peter-Pan-Bettwäsche kriechen und die Nacht über bleiben. Ohne Aufsicht, ohne Verbote, angekuschelt an ein dürres, enthaartes, geschminktes, androgynes Kind von 45 Jahren.

Auch Gavin, ein hübscher Junge mit schwarzem Haar und dunklen Augen, übernachtete in diesem Bett. Das bestreitet heute niemand, auch Jackson nicht. In einem Fernsehinterview mit dem britischen Journalisten Martin Bashir im Februar dieses Jahres fragte Jackson empört, was daran so schlimm sei: "Die liebevollste Sache ist es, dein Bett mit jemandem zu teilen. Wann immer Kinder hierher kommen, wollen sie bei mir bleiben. Dann sage ich: klar. Wenn eure Eltern nichts dagegen haben."

Auch Gavin bestätigte in dem Film, wie schön die Nächte in Jacksons Bett seien. Er hielt Händchen mit dem 33 Jahre älteren, zweimal geschiedenen Mann und lehnte seinen Kopf zärtlich an dessen Schulter. Es sah merkwürdig aus. Aber selbst Mutter Janet, die auch auf der Ranch übernachtete, ihren Sohn aber allein in Jacksons Schlafzimmer zurückließ, fand nichts dabei. Von Jacksons pädophilen Neigungen hatte sie, die bettelarme einstige Kellnerin, angeblich nie etwas gehört. Britischen Zeitungen sagte sie: "Michael hat Kosenamen für alle meine Kinder, und Gavin nennt ihn sogar Daddy. Er ist der Vater, den sie nie hatten." Die Heilung des Kindes machte Fortschritte. Das Leben war schön. Das Märchen perfekt.

Anwälte und Psychologen

Anfang dieses Jahres kam es zur dramatischen Wende, deren Einzelheiten noch weitgehend unbekannt sind. Mutter Janet soll von Jacksons Leuten zunächst vertrieben und dann wieder zurückbeordert worden sein. Es heißt, Jackson habe die Familie nach Lateinamerika schicken wollen, um sie dem Medienwirbel nach Bashirs Film zu entziehen. Es heißt auch, dass sich die Mutter vor laufender Kamera positiv über Jackson äußern sollte - was sie wohl auch tat. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits einen Anwalt eingeschaltet.

Ihr Sohn verhielt sich merkwürdig, und Klassenkameraden hatten begonnen, Gavin wegen seiner Beziehung zu Jackson zu hänseln. Der Anwalt riet zum Besuch eines Psychologen, der wiederum zu dem Schluss kam, der Junge sei offenbar von Jackson missbraucht worden, möglicherweise nach Einflößung von Alkohol und Tabletten. Der Psychologe gab die Informationen an die Polizei weiter. Etwa die, die der 'Telegraph' aus London schrieb: Jackson soll den Jungen "rubba" genannt haben, weil eines ihrer Spiele "rubba rubba" hieß, reibe, reibe.

"Dom Sheldon is a cold man"

Die Ermittlungen fielen ausgerechnet in die Hände eines Mannes, den Jackson nur zu gut kannte, den er einst als Rassisten beschimpft und mit dem Ku-Klux-Klan in Verbindung gebracht hatte: Thomas Sneddon, Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara. Sneddon, 63, ist neunfacher Familienvater und ein Getriebener. Er führte bereits 1993 die Untersuchungen, als gegen Jackson erstmals wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch ermittelt wurde. Der Popstar widmete ihm später einen Song auf seinem 'History'-Album: "They wanna get my ass dead or alive, you know he really tried to make me down by surprise, I bet he missioned with the CIA, He don't do half what he say. Dom Sheldon is a cold man." So steht es im Text. Tatsächlich aber singt Jackson nicht "Dom Sheldon", sondern "Tom Sneddon". Und am Ende des Liedes fällt ein Schuss.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 49/2003

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