Seit zwei Jahren versteckt sich der italienische Autor Roberto Saviano vor der Camorra. Nachdem Attentatspläne gegen ihn bekannt geworden waren, lud ihn die Literaturnobelpreis-Jury nach Stockholm zum Gespräch mit dem von Islamisten mit dem Tod bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie. Dort sprach Saviano mit dem stern. Von Stephan Maus

Der italienische Autor Roberto Saviano, 29, schrieb sich mit seinem Reportage-Roman "Gomorrha" über die Camorra auf die Bestseller- und die Todesliste© Salvatore Laporta/AP Photo
Unter zehn Zentimeter Neuschnee ist die Stockholmer Altstadt in feierlicher Vorweihnachtsstimmung; auf dem Marktplatz vor der Schwedischen Akademie, in der alljährlich der Literaturnobelpreisträger gekürt wird, ist der Weihnachtsmarkt eröffnet worden. Jede der kleinen roten Schwedenhütten sieht aus wie die Bastelstube von Santa Claus persönlich. Eine Drehorgel kurbelt sich wieder und wieder durch "Jingle Bells". Zeit des Friedens und der Freude. Spätestens Weihnachten ist der italienische Schriftsteller Roberto Saviano tot.
Zumindest, wenn es nach der Camorra geht. Laut den Aussagen eines Überläufers soll Saviano bis zum Krippenfest ermordet werden. Zu sehr hat sein Reportage-Roman "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" (Hanser Verlag, 21,50 Euro) die Aufmerksamkeit auf die Machenschaften der neapolitanischen Spielart der Mafia gelenkt. Nach heftigen Auseinandersetzungen hat sich das höchste Literaturgremium der Welt schließlich zur Solidarität durchgerungen und ihn nach Stockholm eingeladen. In der traditionsreichen Schwedischen Akademie gibt er zusammen mit Salman Rushdie eine Konferenz zum Thema "Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt".
So spiegeln sich an diesem Novemberabend die Lichter von 200 Jahre alten Kronleuchtern in den blanken Schädeln zweier vogelfreier Autoren. Acht Bodyguards sind strategisch im Raum verteilt, alle in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten. Sie sehen eher nach einem Killerkommando aus "Pulp Fiction" aus als nach Akademiebesuchern. Aufmerksam behalten sie die 450 Zuhörer im Auge, die dicht gedrängt auf samtbezogenen Büßerbänkchen hocken.
Rushdie erweist sich als guter Pate für Saviano. Seit der Veröffentlichung seines Romans "Die satanischen Verse" vor 20 Jahren lebt der indisch-britische Autor mit den Todesdrohungen islamischer Fundamentalisten. Mit viel Humor erzählt er Anekdoten aus seinem Leben mit der "Fatwa", dem Todesurteil, das einst der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini gegen ihn aussprach. "Gewöhnlichen Mietern ist nicht so einfach zu erklären, warum vier physisch starke Männer unter einem Dach leben. Es war schwerer, die Leibwächter zu verstecken als mich." Der 61-Jährige wird dem 29-Jährigen Mut zusprechen: "Man darf diese Leute nicht stärker machen, als sie sind. Ihre Macht kennt auch Grenzen. Sie sind nicht überall."
Vor allem macht Rushdie deutlich, dass es nicht etwa die bewaffneten Gegner sind, die einem die größten Wunden zufügen. Am schmerzvollsten waren für ihn immer die Anschuldigungen seiner Mitbürger, er habe die Gläubigen nur aus Geltungsdrang provoziert. Man warf ihm sogar vor, dass für seine Sicherheit Steuergelder verschwendet worden seien. So ist diese Konferenz nicht ein netter Vorweihnachtsspaziergang über Allgemeinplätze, sondern ein Aufruf an die Zivilgesellschaft, sich das existenzielle Grundrecht auf freie Meinungsäußerung weder nehmen zu lassen noch es selbst auszuhöhlen.
Noch vor dieser Abendveranstaltung am "heiligsten Ort in der Welt der Literatur", wie Rushdie die politisch etwas naive Akademie mit feiner Ironie nennt, sprach Roberto Saviano mit dem. In seinem aufreibenden Kampf gegen die Camorra hat er sich ihre Gestik zu eigen gemacht. Der spielerische Umgang mit Mafia-Gebärden scheint für ihn ein notwendiges Überdruckventil zu sein. Schmächtig, aber geschmeidig tritt er aus dem Pulk seiner Personenschützer auf den Flur des Stockholmer Luxushotels, das alljährlich die Nobelpreisträger beherbergt, fixiert sein Gegenüber mit stechendem Blick, um dann plötzlich seinen ausgestreckten Zeigefinger hervorschnellen zu lassen wie eine Waffe: "Jetzt hat deine Stunde geschlagen!" Mit diesen Worten bittet er zum Interview, in dessen Verlauf er seinem mutmaßlichen Mörder den Fehdehandschuh hinwirft.
Ich habe eine höhere Sicherheitsstufe. Ich habe jetzt fünf Bodyguards in zwei gepanzerten Wagen. Außerdem macht es mich traurig zu sehen, wie sehr sich die Menschen von mir distanzieren.
Es hat nicht wirklich mein Leben geändert, denn ich bin schon lange in einer schwierigen Situation. Ich war enttäuscht darüber, dass die Nachricht zu schnell die Medien erreicht hat. Das war ein Problem für die Ermittlungen. Natürlich war es speziell zu erfahren, dass es jetzt ein festgesetztes Datum für meinen Tod gibt. Es ist unglaublich für einen Schriftsteller, mit einer solchen Situation konfrontiert zu sein.
Sie gehört jetzt einfach zu meiner allgemeinen Lebenssituation. Ich empfinde keine Angst. Nicht weil ich besonders mutig wäre. Ich weiß einfach, dass es ein besonderer Abschnitt in meinem Leben, in meiner ganzen Geschichte ist.
Ich werde nicht aufgeben. Aber ich bin Schriftsteller. Ich bin kein Historiker der Camorra. Oder der Mafia. Eines Tages werde ich vielleicht zu einem anderen Thema übergehen.
Manchmal träume ich tatsächlich davon, eine Liebeserzählung zu schreiben. Oder eine rein fiktive Geschichte. Aber das bleibt ein Traum. Ich bin unfähig, es zu tun, denn die Wirklichkeit überwältigt immer wieder die Fiktion. Deshalb werde ich immer weitermachen in diesem Bastard-Genre - halb Fiktion, halb Wirklichkeit.
Nein, es gibt nicht nur Hass und Ärger in meinem Leben. Es gibt auch Raum für Liebe. Ich möchte Liebe in meinem Leben haben! Aber das ist nicht immer einfach.
Ja, ich denke schon. Vor allem, weil ich mir davon erhoffe, wieder besser arbeiten zu können. Nicht so sehr aus akuter Todesangst.
Das wäre eine Niederlage für mich.
Ich habe zwei Jahre lang versucht, ganz normal in Neapel zu leben. Aber es war unmöglich. Niemand wollte mir eine Wohnung vermieten, deshalb musste ich in Polizeikasernen unterkommen. Dennoch werde ich die klassischen Reize meiner Heimat vermissen: das Klima zum Beispiel. Sowohl das meteorologische als auch das soziale.
Übernommen aus ...
Ausgabe 50/2008