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Wie viel Politik verträgt die Freundschaft?

Die Schlagzeilen von Flucht und Terror drängen sich in unsere Freundschaften. Bis vor Kurzem war Weltpolitik weit weg, jetzt ist sie ganz nah. Wir müssen neu streiten lernen, Verletzungen aushalten, vergeben können.

Wir schauen uns ins die Augen, sie kaut mit dem rechten Frontzahn auf ihrer Unterlippe. Das macht sie immer, wenn sie nervös ist. Ich hingegen knibble an der Nagelhaut meines Daumens. So sitzen wir da, tief in den alten, ausgeleierten Polstern eines Sofas versunken, und danken innerlich der Selbstbedienungskultur. Denn wir können einfach gehen und unsere halb vollen Cappuccinos in dem Coffeeshop stehen lassen. Zu sagen haben wir uns, in diesem Moment, nichts mehr. Zum ersten Mal in unserer fünfjährigen Freundschaft. Nicht, weil das Repertoire erschöpft ist, wir haben lediglich über Politik geredet. In unseren Zeiten, den veränderten Zeiten, ist das schwierig geworden.

„Mir macht das alles Angst“, sage ich.
„Blödsinn, wie hoch ist denn bitte die Wahrscheinlichkeit, bei einem Attentat zu sterben?“, antwortet sie.
„Es geht doch hier nicht um Mathematik, das passiert doch alles gerade wirklich. Wieso bist du so passiv?“


„Ach, das ist alles nur Futter für die Rechten.“
„Also gibt es für dich nur Schwarz oder Weiß?“, möchte ich wissen.
„Die Zeiten waren nie sicherer, schau dir die Statistiken an“, sagt sie nach kurzer Stille.
Ich will keine Statistiken sehen.
„Sollen wir?“, fragt sie.
„Ja, wir sollten“, antworte ich.

Wir umarmen uns halbherzig. Ihr Körper liegt wie ein toter Fisch in meinem Arm, mein Herz schlägt mir vor Ernüchterung, Enttäuschung und einer nicht unerheblichen Portion Wut bis zum Hals. Auf dem Nachhauseweg ahne ich, dass sich die aktuellen Schlagzeilen – Flucht, Angst, Terror – auch in unserer Freundschaft eingenistet haben.

An meinem Schreibtisch. Ich klicke mich durch fünf Jahre Gemeinsamkeit 

Fünf Sommer, fünf Winter, Bikinifotos vom Tag am See, im Sommer 2011. Wir schworen uns ewige Freundschaft. Das ganze Programm. Durch dick und dünn, über alle Männer, alle Hürden und alle Arbeitsplätze hinweg. Wir schworen uns Verständnis, Empathie, Loyalität. Jene Dinge eben, die man sich versichert, wenn der Himmel wolkenlos ist. „Ich glaube, nein, ich bin mir sicher“, sagte ich damals: „Wir beide, das ist für immer!“ Während ich das sagte, so fühlt es sich heute an, drehte irgendjemand am Rad der Zeit und lachte sich tot.


An diesem Nachmittag scheint er mir unendlich weit weg, unser „Wir gegen den Rest der Welt“-Plan. Zum ersten Mal erscheint es mir als Problem, dass wir so unterschiedlich sind. Unsere Rollenverteilung, über die wir immer lachten, sie die Mutige, ich die Zögernde, bekommt plötzlich ein politisches Gewicht. Denn ich fühle mich bedroht, wenn Nachrichtensprecher mir von Charlie Hebdo erzählen, von Brüssel, von Nizza. Wenn Freunde in München nicht mehr auf die Straße gehen können, weil man Anschläge von Terroristen befürchtet. Ich fühle mich bedroht, und das ist eine Emotion, kein politisches Statement. Natürlich können wir immer noch diskutieren, aber das Politische ist jetzt eben auch persönlich. Von meiner Freundin erwarte ich deshalb, dass sie mit mir fühlt. Doch als ich ihr am Tag nach dem Anschlag in Nizza von meiner Angst erzählte, sagte sie nur kühl: „Das ist doch genau das, was die Terroristen wollen.“ Ich fühlte mich von ihr, meiner Freundin, im Stich gelassen.

Bis vor Kurzem war es einfach, über Politik zu sprechen 

 In der Wohngemeinschaft, im Hörsaal, im Büro: Politische Diskussionen gehörten bisher zum guten Ton, zum bildungsbürgerlichen Knigge. Man tat seine Sicht der Dinge kund. Christliche Milizen im Kongo? Furchtbar, sollte die Nato schleunigst intervenieren. Nahost? Aber bitte, von A wie Assad bis Z wie Zaun, alles schon gehört. Solange Politik – ich rede von der großen, der weltverändernden, nicht von unfertigen Flughäfen oder Straßenbau in Bad Salzuflen – noch weit weg war, galt eine politische Meinung als luxuriöser Anhang zur europäisch-pazifistischen Identität.

Solange Politik nicht hier stattfand, sondern woanders, fiel es auch nicht schwer, andere Meinungen auszuhalten. In unserer Clique spielte es bisher keine Rolle, ob man in der dritten Generation SPD oder FDP wählte. Bei der CSU wurde manch einer skeptisch, aber seis drum. Auch ein blindes Huhn verläuft sich mal in den Alpen. Jetzt aber wird Politik persönlicher, schmerzhafter, unmittelbarer. Die Zeiten einer distanzierten Meinung über eine in der Ferne stattfindende Eskalation sind vorbei. Was bedeutet es für unser Zusammensein, wenn wir plötzlich hier mit Situationen konfrontiert werden, die für uns, die Generation Y, völlig neu sind? Wie viel Politik verträgt die Freundschaft?

Einst reichten derselbe Unikurs und ein ähnlicher Musikgeschmack, damit jemand für die Qualifikation Freund oder Freundin infrage kam. Wird es heute wichtiger, zu wissen, wie der andere politisch gepolt ist? Lieber unter seinesgleichen bleiben, um jeglicher Diskussion aus dem Weg zu gehen? Eine radikale Selektion meiner Freunde auf ein homogenes Minimum – das ist für mich keine Option. In meinem Freundeskreis sind unterschiedlichste politische Positionen vertreten, und genau das schätze ich auch als riesige Bereicherung.

Dann also das Thema Politik großräumig umfahren?

Man würde nur noch über Olympia-Ergebnisse, Urlaubsziele und neu entdeckte Musik sprechen. Nein.

Auch Stillschweigen ist für mich ganz sicher keine Lösung, möchte ich mich doch gerade mit jenen Menschen, die mir nahestehen, über das austauschen, was mich bewegt. Das heißt, wir müssen weiter diskutieren, weiter streiten. Doch wie geht das, wenn Politik plötzlich Emotion wird? Wenn Diskussionen über Merkels Flüchtlingspolitik schneller aus dem Ruder laufen, als man „Integrationsdebatte“ sagen kann? Wie gehen wir damit um, wenn aus freundschaftlichem Esperanto ein feindseliges Babel wird?

Bisher haben meine Freunde und ich, ehrlich gesagt, noch keine gute Art gefunden, die neuen politischen Diskussionen zu führen. Es scheint, dass wir die hysterische Art, wie wir in sozialen Netzwerken miteinander streiten, im wahren Leben nicht ablegen können. Es reicht doch gegenwärtig schon, wenn der vermeintliche Freund den falschen Post liked. „Wer Soundsos Fanpage folgt, der kann mich gleich löschen.“ Diese und ähnliche Aufforderungen lese ich mehrmals wöchentlich in meinem Facebook-Feed. Auch ich bekenne mich dazu, bereits einen dieser Wut-Posts in den Äther gejagt zu haben. Aber anders als bei Facebook hat in der WG-Küche nicht jener gewonnen, der am lautesten „Nazi“ mit zehn Ausrufezeichen schreit.

Wir alle wünschen uns die Titten-Thesen-Temperamente-Zeiten zurück

Neulich saßen wir bei einem Glas Wein zusammen, der Streit kam plötzlich. Daniel argumentierte, Flüchtlinge dürften es sich nicht mit Hilfsangeboten bequem machen, sondern müssten aktiv selbst an ihrer Integration arbeiten.

Meine Freundin Merve, die sich mit Herzblut für eine Flüchtlingsinitiative engagiert, nannte Daniel daraufhin einen „reaktionären Sofapolitiker mit neokonservativem Gedankengut“. Die Zuhörer, inklusive mir, verstummten, während sich beide in apodiktischen Aussagen verstrickten. Merve schaute Daniel mit einem Blick an, als hätte sie Bill Cosby auf frischer Tat ertappt. Er hatte sie genau dort getroffen, wo es am meisten wehtut. Merves Eltern waren selber als kurdische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, kurz bevor sie geboren wurde. Das war bisher weder für sie noch für uns von Bedeutung. Merve war Deutsche, Merve fühlte sich als Deutsche. Wieso auch nicht? Doch mit der Flüchtlingskrise schien ihre Herkunft an ihren Nerven zu kitzeln, ihr Engagement im Auffanglager wurde für sie auch eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Und das ist genau der Punkt, an dem Politik Emotion wird. An dem nicht über etwas gesprochen, sondern durch Gefühle kommuniziert wird.

„Du übertrittst gerade eine Grenze, Daniel!“
„Ach, und du entscheidest, wo diese Grenze gezogen wird?“
„Du weißt doch, dass mich das trifft. Diese Menschen, das hätten genauso gut meine eigenen Eltern sein können.“
„Wie soll ich mich denn mit dir über Flüchtlinge unterhalten, wenn du alles, aber auch alles persönlich nimmst?“
„So kann sich nur ein weißer, privilegierter Mann äußern.“
„Das typische Mundtotmachen einer Teilzeit-Feministin. Lass uns lieber mal über Erdogan und seinen Umgang mit Kurden reden.“

Wir alle hofften, nicht über Erdogan reden zu müssen. Wir alle wünschten uns die Titten-Thesen-Temperamente-Zeiten zurück.
Aber der Elefant war im Raum.

Politik und Emotionen, die gehören jetzt zusammen

Mit ihm müssen wir jetzt umgehen lernen, das ist tatsächlich die einzige für mich richtige Option. Wieder streiten lernen, vergeben können, diskutieren wollen, reden dürfen. Denn Politik und Emotionen, die gehören jetzt zusammen. Ich freute mich, als ein Freund das kluge Zitat von Evelyn Beatrice Hall postete: „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was du sagst, aber ich werde bis zum Tode dein Recht verteidigen, es zu sagen.“ Aber bei der nächsten politischen Meinungsverschiedenheit unter Freunden veranstaltete er dann doch wieder einen Eiertanz. Wir sollten doch wenigstens dazu in der Lage sein, dass wir als Freunde wieder nach Hause gehen, auch wenn beim Wein die Fetzen fliegen.


Es ist drei Uhr morgens. Ich liege wach, schaue Youtube-Videos, arbeite mich von Katzen über Liebeslieder auf Panflöte bis zu meinem Idol Louis C.K. durch. Bei einem Video mit ihm und Jon Stewart bleibe ich hängen. Louis und Jon, Meister der Debatte, Genies ihres Fachs und oft, sehr oft, politisch inkorrekt. Einige Sätze des zwanzigminütigen Dialogs haben mich besonders gepackt:

Stewart: „Wie gehst du mit dem Kampf zwischen Comedians und Bloggern um? Mit der Kritik von Feministinnen?“

Louis C.K.: „Jeder Dialog ist positiv. Ich lerne, ich versuche mich in die Kritiker hineinzuversetzen und zu verstehen, woher der Hass, die Angst oder die Wut kommen.“

Stewart: „Ich mag es überhaupt nicht, wie du dich als Mensch weiterentwickelst, wie du als Individuum wächst. (Louis C.K. lacht, alle lachen) Ich möchte, dass du genau der Mensch und Freund bleibst, den ich vor zwanzig Jahren kennengelernt habe.“

Louis C.K.: „Ich weiß. Es ist nicht fair.“

Wenn Politik zu viel für eine Freundschaft wird, ist das auch ein Indikator dafür, dass man die Beziehung prüfen muss

Folgendes ist mir nach dem Schließen des Laptops bewusst geworden: Debattieren unter Freunden bedeutet, die Entwicklung des anderen, sei sie noch so heftig und plötzlich, nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen – als eine Chance, aneinander und miteinander zu wachsen. Wenn Politik zu viel für eine Freundschaft wird, ist das auch ein Indikator dafür, dass man die Beziehung prüfen muss. Eine Freundschaft verträgt meiner Meinung nach so viel, wie man bereit ist, in diese Freundschaft zu investieren. Die Frage sollte nicht lauten: In welchem Team spielst du? Sie sollte heißen: Wie spielen wir weiter zusammen, auch wenn wir zwei unterschiedlichen Teams angehören?

Ein Monat später. Wir sehen uns wieder, zum ersten Mal seit der Stille und der Fisch-Umarmung. Es ist komisch, keine Frage. Die ersten Minuten unseres Gesprächs, wir sitzen auf einer Wiese in einem Berliner Park, fühlen sich an wie Bullshit-Bingo. So balancieren wir auf unseren gegenseitigen Hemmschwellen, konzentrieren uns auf Floskeln und scheinen nur darauf zu warten, bis ausreichend Zeit vergangen ist, um zurück auf null zu gehen. Können wir das? Trotz unserer offensichtlichen politischen Differenzen? An der Tatsache, dass wir beide hier sind, bereit, zuzuhören, es auf einen Knall ankommen zu lassen, um dann gemeinsam daraus zu lernen, erkennen wir, dass unsere Freundschaft am Ende doch mehr verträgt, als wir dachten.
„Wir schaffen das“, sagt sie und hält das kühle Bier in die Luft. „Wir schaffen das“, antworte ich.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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Von:

Linda Sabiers