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„Erziehung vererbt sich“

Woher kommt der deutsche Muttermythos? Und warum bekommen gerade die Deutschen so wenige Kinder? Die Historikerin Miriam Gebhardt sagt: Es liegt an unserer – sehr besonderen – Erziehungsgeschichte.

Frau Gebhardt, die wenigsten Eltern heute kennen den vermutlich erfolgreichsten Erziehungs-Bestseller Deutschlands mit einer Gesamtauflage von über 1,2 Millionen Exemplaren …

Ja, das ist „Die Mutter und ihr erstes Kind“, geschrieben von der Ärztin Johanna Haarer, einer fünffachen Mutter …

… und überzeugten Nationalsozialistin.

Als das Buch 1934 erschien, hieß es auch noch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Nach dem Krieg hat sie ihr Buch einfach von NS-Vokabular bereinigt, und dann ist es bis 1987 aufgelegt worden, natürlich immer wieder in leicht überarbeiteter Version. Ich denke, am Ende hat es sich nicht mehr besonders gut verkauft, aber in der Gesamtzahl ist die eine Hälfte der Auflage während des Krieges und die andere nach dem Krieg verkauft worden.

Das bedeutet: Unsere Eltern sind damit noch großgezogen worden.

Ich bin damit noch großgezogen worden! Ich bin 1962 geboren, und meine Mutter hat das Buch von Johanna Haarer damals von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Sogar noch die NS-Version. Was jetzt nicht heißt, dass ich wie ein Nazi-Kind aufgewachsen bin.

Aber Ihre Mutter hat die Ratschläge beherzigt?

Es gibt Bilder aus der Zeit, mit meiner Mutter und mir als Baby, und die sind erschreckend: Sie hält mich genau wie in dem Buch empfohlen – in so einer unnatürlichen Haltung.

Man sollte nicht zu viel Blickkontakt mit dem Baby haben, es könnte ja verweichlichen.

In den ersten Ausgaben empfiehlt Johanna Haarer sogar, das Kind nach der Geburt nachts in einen schalldichten Raum zu sperren, damit die Mütter nicht das Schreien des Babys hören. Und das nächtliche Schreien des Kindes ist in der Lehre Haarers, die ja keine Kinderärztin, sondern Lungenärztin war, keine Gefühlsäußerung, sondern dient vor allem der Stärkung der Lungen. Es ist sozusagen die erste Abhärtung in einem Leben, das gemeistert werden muss.

In einer viel zitierten Passage schreibt Haarer, wie mit einem unruhigen, weinerlichen Kind zu verfahren sei: „Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unheimlich rasch … – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Ja, in ihrem Weltbild ist das Kind ein anarchisches Wesen, das es zu zähmen und disziplinieren gilt, das nicht verwöhnt werden, dem man ja nicht nachgeben darf.

Wenn man das Buch liest, meint man, eine Betriebsanleitung für eine Maschine vor sich zu haben: Babys sollen nach festem Plan gefüttert und gewogen werden und zu bestimmten Zeiten eine „Ausfahrt“ machen.

Die Erziehung eines Kindes gleicht einem Kampf, von der Geburt an, und der muss unbedingt gewonnen werden. Und deswegen auch diese Metapher der Kraftprobe, die man in deutschen Erziehungsratgebern bis heute noch findet, verbunden mit der Empfehlung, der Machtkampf müsse so früh wie möglich gewonnen werden.

Sie sind Historikerin und behaupten: Das Gift dieses unheimlichen Bestsellers wirkt bis heute nach.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen, dass die Erziehung alles ist, was einen Menschen prägt und später beeinflusst, wenn er eigene Kinder hat. Auch die Demokratisierung der Gesellschaft, die Horizonterweiterung durch Reisen, der größere Konsum haben sich bestimmt in den Nachkriegsjahren so ausgewirkt, dass man vielleicht nicht mehr ganz so strikt gewesen ist. Aber Tatsache ist eben auch: Erziehung vererbt sich. In Familien werden Traditionen weitergegeben.

Inwiefern, glauben Sie, wirkt sich dieses Erbe auf die Gegenwart aus?

Man kann das an ganz verschiedenen Punkten festmachen. Wenn Sie sich die aktuelle Ratgeber-Literatur anschauen, dann ist da immer noch sehr häufig von „Tyrannen“ die Rede.

Sie haben Ihr Buch selbst „Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen – Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert“ genannt.

Gesellschaften haben ganz klare Vorstellungen über das Wesen des Kindes. Und in Deutschland wurde das Kind sehr lange als potenziell tyrannisches Wesen wahrgenommen, der Begriff ist heute noch in Gebrauch. Ich glaube auch, damit erklären zu können, warum die Deutschen so wenige Kinder bekommen: Kinderkriegen hängt nicht nur von materiellen Faktoren ab, dann würden ja ganze Kulturen untergehen, sondern das hat auch damit zu tun, wie man seine eigene Kindheit empfunden hat und welches Bild vom Kind an sich und vom Elternsein man vermittelt bekommen hat.

Und da meinen Sie: In Deutschland werden Kinder eher als Belastung gesehen denn als Quell reiner Freude?

Bei vielen Frauen der Generation meiner Mutter war die unterschwellige Botschaft: Ich musste unheimliche Opfer bringen, ich musste ja die Windeln im Keller noch im Zuber wringen, was war es für eine Mühsal, dich großzuziehen. Wer das zu hören bekommt, überlegt sich sehr genau: Soll ich mir das wirklich antun?

Sie selbst haben keine Kinder bekommen.

Richtig.

Aus Angst, sich zu sehr aufzuopfern?

Da spielen viele Gründe eine Rolle. Aber den deutschen Muttermythos gibt es natürlich. Da kann man auch wieder bis zu Johanna Haarer zurückgehen, bei der die Mutter zu Hause das Monopol in der Erziehung hat und bereit sein muss, für ihr Kind jedes Opfer zu bringen. Dieser Mythos ist immer noch zu spüren, wenn es um Fremdbetreuung geht, jede Debatte darüber wird hochemotional und erbittert geführt. Und viele Mütter opfern sich immer noch bis zur Selbstaufgabe auf, wenn auch auf eine andere Weise als früher. Ich habe eine Freundin gehabt, die ist im Krankenhaus gelandet mit einer Lungenentzündung, weil sie sich noch mit hohem Fieber hoffnungslos überanstrengt hat.

Die unterschwellige Botschaft kompletter Selbstaufgabe ist ja auch: „Nur ich als Mutter weiß, wie mein Kind versorgt werden kann.“

Und jetzt kommt das Perfide bei Johanna Haarer und ihren geistigen Gefährten: Sie haben die Mutter nicht nur erhöht, ihr ein Monopol in der Familie zugewiesen, sondern sie gleichzeitig erniedrigt. Der Tonfall des Buches ist sehr schulmeisterlich, von oben herab; die Aufgaben, die eine gute Mutter zu bewältigen hat, in der Erziehung wie im Haushalt, sind kaum zu bewältigen. Und auch das hat sich bis heute in Deutschland erhalten: Der Glaube, es gäbe jemanden, der es besser weiß als die Mutter selbst.

Sie meinen so eine Art Expertenhörigkeit?

Absolut. Ich habe für mein Buch Tagebücher ausgewertet, da gab es einen Satz über ein Kind, das in den Sechzigern aufgewachsen ist, der mir nicht aus dem Kopf geht: „Das Kind sieht fast so aus, als wollte es auf den Arm genommen werden.“ – Aber man nimmt es dann trotzdem nicht auf den Arm, weil im Ratgeber steht: Es wird sonst verdorben. Der eigene Impuls, die eigene Intuition wird unterdrückt und einer vermeintlichen Expertenmeinung untergeordnet. Es gibt eine deutsche Sehnsucht, eine klare Botschaft zu bekommen, und die äußert sich auch darin, dass es, glaube ich, kaum ein anderes Land gibt, in dem so viele Erziehungsratgeber gekauft werden.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einer „deutschen Anomalie“, zu der neben den angesprochenen Punkten auch furchtbare, kaum bekannte Tatsachen gehören, wie zum Beispiel, dass bis in die Siebzigerjahre hinein Neugeborene zum Teil ohne Narkose operiert worden sind.

Ja, man ging hierzulande einfach davon aus, das seien noch unfertige Menschen, passiv, empfindungslos, asozial. Weswegen man ja auch ihrem Schreien keine Bedeutung beimessen sollte.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Ursache dieser deutschen Anomalie soll ein einziger Erziehungsbestseller sein?

Die Beliebtheit des Buches ist Ausdruck eines Zeitgeistes, der sich in Deutschland bis 1968 gehalten hat. In den angloamerikanischen Ländern änderte sich schon in den Dreißiger-, Vierzigerjahren etwas, damals erschien das berühmte Buch von Dr. Spock, „Baby and Child Care“ …

… über fünfzig Millionen Mal verkauft, darin wird ein positives Bild vom Kind gezeichnet: „Jedes Kind wird geboren, um ein vernünftiges und freundliches menschliches Wesen zu sein.“

Genau. Spock stellte auch die elterliche Intuition über fremdes Fachwissen, das war für viele Mütter und Väter eine Befreiung. In diesen Ländern gab es sehr viel früher eine Weiterentwicklung des Menschenbildes, der Idee: Was ist überhaupt ein Kind, was braucht ein Kind? Das ging woanders voran, in Deutschland aber nicht. Und das liegt nicht nur an dem technischen Problem, dass die Bücher erst mal übersetzt werden mussten. Es lag auch an der Übermacht einer anderen Ideologie hierzulande. Es hat bis 1968 gedauert, bis diese neuen Ideen überhaupt erst mal zu uns gekommen sind.

Die Ideen haben sich aber zum Teil durchgesetzt: das Kind als eigenständige Persönlichkeit, die sich nicht bedingungslos unterordnen soll – das ist heute eine gängige Vorstellung.

Ich bin mir da nicht ganz sicher, dieser Ruf nach Disziplin und die Warnung vor der kindlichen Tyrannei, das ist momentan wieder sehr en vogue. Ich denke, dass das, was mit unserem Erwachsenenleben passiert, einfach auf die Kinder übertragen wird. Wir können uns ja selbst kaum abgrenzen gegen die Anforderungen der Berufswelt. Wir sind daran gewöhnt, dass die Arbeit in unser Leben reinplatzt, wann immer sie will. Wir können uns heute selbst kaum noch Grenzen setzen, und dass wir auf einmal diese Metapher der Grenzziehung im Umgang mit unseren Kindern wieder so intensiv nutzen, scheint mir etwas mehr mit uns zu tun zu haben als mit unseren Kindern.

Sie würden also sagen: Wie eine Gesellschaft auf ihre Kinder blickt, so blickt sie auch letztendlich auf sich selbst?

Ja. Und momentan leben wir in einer Zeit extremer Kontrollsucht. Das fängt bei unserem Aussehen und Gewicht an und geht bei unseren Kindern weiter. Dazu kommt diese Unsicherheit, Erziehung in Deutschland ist ja mit vielen Ängsten behaftet. Kaum eine Familie kann sich heute von der Vorstellung freimachen, ihr Kind würde womöglich nicht fit genug für das harte Arbeitsleben. Auch hier wieder diese Expertenhörigkeit: Obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass Entwicklung nicht linear und das Gehirn plastisch ist, wird wieder geglaubt, es muss zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Bestimmtes gekonnt werden. Weil es in irgendwelchen Ratgebern steht.

Klingt nicht nach dem idealen Zeitpunkt, um Kind zu sein.

Ich werde oft gefragt, wann ich gerne ein Kind in Deutschland gewesen wäre. Und dann antworte ich: Na ja, die Siebzigerjahre, das war so eine Zeit, zumindest im liberalen Milieu, in dem die Selbstentfaltung das oberste Ziel war und es nicht so sehr um Disziplin und Anpassung und Leistung ging, sondern man Kindern auch zugetraut hat, die Welt selbst zu entdecken. Es gab meines Erachtens auch noch nicht die Hybris der Eltern, den Irrglauben, sie könnten alles kontrollieren. Meine Mutter hat 1978 meine Halbschwester bekommen, so konnte sie alles bewusst noch mal machen und reparieren. Sanfte Geburt, Rooming-in, Stillen nach Bedarf.

Die Sorgen waren damals auch andere als heute. Wenn man die Erziehungsgeschichte betrachtet, dann muss man sich vermutlich auch immer fragen: Welche Kinder braucht eine Gesellschaft gerade?

Absolut. In der NS-Zeit brauchte man zukünftige Soldaten, Übermütter in der Volksgemeinschaft, und heute sollen sie fit für die liberale Wirtschaftsordnung werden. Deswegen bin ich auch so dagegen, wenn immer auf die 68er geschimpft wird, denn: Die hatten immerhin die Vision, dass über die Erziehung Freiheit und Demokratie in die Gesellschaft einziehen und so aus Kindern mündige Staatsbürger werden können. Die große Angst der 68er war ja, dass es so etwas wie einen Volkscharakter geben könnte, der sich durch die Erziehung, vor allem die Säuglingserziehung der NS-Zeit eingeschlichen hat.

Teilen Sie denn die Sorge um einen Volkscharakter?

Wenn ich mir so meine Eltern anschaue, beide Jahrgang 1939, sehe ich schon, dass es ihnen sehr schwer fällt, Nähe zuzulassen. Es gibt da eine starke Tradition mit jährlichen Familientreffen, aber gleichzeitig ist die Emotionalität nicht sehr ausgeprägt. Wenn ein Geschwister in der Familie meines Vaters stirbt oder schwer krank wird, denke ich immer: „Huch, das wird zur Seite gedrängt.“ Da wird nicht darüber geredet, das wird fast als Charakterfehler behandelt, wenn jemand jammert oder nicht mehr so fit ist und nicht mehr so toll auf die Berge rennen kann.

Wer in der NS-Zeit, in dieser emotionalen Ödnis aufgewachsen ist, ist zwangläufig ein Sonderfall?

Ich glaube, sie werden immer eine emotionale Bedürftigkeit mit sich herumtragen. Es gibt bestimmte Bedürfnisse, die können nur in der Kindheit befriedigt werden, da kann man später noch so viel Therapie machen, das werden sie nicht mehr los. Und die Frage ist: Wie bewertet man das? Solange eine Gesellschaft sich einig ist, wie ein Kind groß werden soll, gibt es auch kein großes Leiden darunter. Ich denke, viele aus der Kriegsgeneration merken aber heute schon für sich: Huch, das war nicht unbedingt schön, dass ich nie weinen durfte oder mich meine Mutter nie in den Arm genommen hat.

Diese Kriegs – und Nachkriegsgeneration, das sind die heutigen Großeltern. Wie, glauben Sie, schauen die auf ihre Enkel?

Wenn ich für mein Buch mit älteren Frauen gesprochen habe, dann waren die immer hin- und hergerissen, sie fanden ihre Enkel oft zu libertär erzogen, verwöhnt und undiszipliniert. Gleichzeitig hörte man heraus, dass sie bedauern, wie sie es zum Teil selbst erlebt und auch weitergegeben haben. Sie sehen, wie viel wärmer, intuitiver Kinder heute großgezogen werden. Aber sie sehen auch die Kehrseiten.

Welche meinen Sie?

Ich beobachte das ja auch in meinem Freundeskreis: Dass vor lauter Empathie und Eingehen auf das Kind die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt werden. Und auch das ist nicht gut. Wir sind noch weit davon entfernt, in Deutschland einen entspannten Umgang mit Erziehung zu haben.

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