Ein tödliches Déjà-vu

13. Februar 2013, 14:12 Uhr

Zwei flüchtende Motorradfahrer erschossen im November 2011 einen Augsburger Polizisten. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter ist die Begegnung mit einem alten Bekannten mit dunkler Vergangenheit. Von Malte Arnsperger

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Bei einer Polizeikontrolle und anschließenden Verfolgungsjagd wurde Mathias Vieth erschossen©

Helmut Schmidt ist seit wenigen Monaten Bundeskanzler, der Vietnam-Krieg ist fast zu Ende. Mathias Vieth aus Puchheim ist im März 1975 fünf Jahre alt, als im nahen Augsburg Rudolf R. bei einer nächtlichen Kontrolle einen Polizisten erschießt. Als der Mörder 1994 aus der Haft entlassen wird, ist Mathias Vieth bereits selber Polizist. Und während der arbeitslose Rudolf R. seinen Lebensunterhalt die nächsten Jahre angeblich mit Raubüberfällen in Augsburg und Umgebung bestreitet und wegen Körperverletzung wieder hinter Gittern landet, heiratet Vieth, bekommt Kinder und wird Polizeihauptkommissar in Augsburg. In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 2011 kontrolliert er zwei verdächtige Motorradfahrer und wird nach einer wilden Verfolgungsjagd erschossen. Die mutmaßlichen Täter: Raimund M. - und sein Bruder Rudolf R. Ein tödliches Deja-Vu.

Wenn Polizisten im Dienst zu Tode kommen, ist die Anteilnahme der Bevölkerung groß. Auch der Mord an Mathias Vieth beherrschte tagelang die Schlagzeilen, zur Trauerfeier war der Augsburger Dom bis auf den letzten Platz besetzt. Ab dem 21. Februar müssen sich die beiden angeblichen Mörder vor dem Landgericht Augsburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen nicht nur die Tötung des Polizisten, sondern auch noch eine Reihe von Raubüberfallen und den illegalen Besitz zahlloser Waffen vor. Die Ermittler haben ein dichtes Netz an Indizien um die beiden Brüder geknüpft. Doch die Verteidigung sieht Lücken. Es wird wohl ein langer, erbittert geführter Prozess um winzige Details werden.

Eine lange kriminelle Karriere

Dabei scheinen Teile der Öffentlichkeit ihr Urteil bereits kurz nach der Festnahme getroffen zu haben. "Die Polizisten-Mörder von Augsburg sind gefasst", schrieb die "Bild-Zeitung". Und Bayerns Justizministerin Beate Merk assistierte: "Das Verbrechen ist aufgeklärt."

Vor allem der heute 59-jährige Rudolf R. scheint mit seiner einschlägigen kriminellen Vergangenheit der perfekte Angeklagte zu sein. Bereits als Jugendlicher wird der gelernte KFZ-Mechaniker wegen Waffenbesitzes und Unfallflucht verurteilt. 1975 klaut er dann mit einem Komplizen ein Auto, fährt zu einer Kaserne in Landsberg und nimmt einem Wachposten die Dienstpistole ab. Wenig später entdeckt ein Polizist das gestohlene Auto auf einer Autobahnraststätte. Rudolf R. und sein Kumpan erschießen den Beamten. Rudolf R. bekommt trotz seiner jugendlichen 19 Jahre eine lebenslange Haftstrafe. Auch im Gefängnis sorgt er für Schlagzeilen: 1990 ist er einer der Meuterer, die in der JVA Straubing aus Protest gegen die Haftbedingungen auf das Anstaltsdach steigen.

Nach seiner Entlassung 1994 macht Rudolf R. offensichtlich da weiter, wo er 1975 aufgehört hat. Laut Staatsanwaltschaft wird er wegen einer Prügelei und Betrugs zu Geldstrafen verurteilt, dann muss er von 2004 bis 2006 zwei Jahre wegen Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung absitzen. Die Ermittler verdächtigen Rudolf R., zwischen 1999 und 2011 auch noch fünf brutale Raubüberfälle auf eine Bank, einen Supermarkt und Werttransportunternehmen verübt zu haben, obwohl er teilweise sogar unter Führungsaufsicht stand. Fast immer soll ihm dabei sein zwei Jahre älterer Bruder Raimund M. geholfen haben.

Der ist für die Ermittler ein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als nicht vorbestraft. Raimund M. arbeitete jahrelang als Metzger und lebte mit Frau und Tochter nicht weit entfernt von seinem Bruder Rudolf. In den vergangenen Jahren arbeitete er im Sportverein in seinem Heimartort. Eine Parkinson-Erkrankung setzte Raimund M. stark zu, er ist seit einiger Zeit Frührentner.

Bilderbuchpapa und Vorzeigeehemann

Einige Kilometer südlich wohnte Matthias Vieth mit Frau Sandra und zwei Söhnen. Er war ganz offensichtlich ein Bilderbuchpapa und Vorzeigeehemann. Mit seinen Kindern ging er angeln und engagierte sich in der Jugendarbeit des Fischereivereins. Vieth leitete Kindergruppen seiner Kirchengemeinde, begleitete Sternsinger. In einem sehr emotionalen Brief, der stern.de von ihrem Anwalt überlassen wurde, schreibt seine Frau: "Er war unserer Söhnen das beste Vorbild und hat ihnen mit viel Liebe und Geduld vermittelt, auf was es im Leben ankommt: Er hat ihnen vorgelebt, was einen guten Ehemann und Vater ausmacht, wie man seinen Beruf mit Freunde und Überzeugung ausübt und wie man sein Leben gelungen gestaltet." Seiner Ehefrau war er der beste Freund, wie ihr Anwalt Walter Rubach stern.de sagte. "Sie hat mir gesagt, er habe sie behandelt wie eine Königin." Wie sehr Sandra Vieth an ihrem Ehemann hing, zeigt auch der Brief: "Mein Mann war ein verständnisvoller aufmerksamer und humorvoller Partner, der mein Leben bereichert und vervollständigt hat. (…) Unsere Trauer und Verzweiflung ist mit Worten nicht zu beschreiben."

In dem Schreiben geht Sandra Vieth auch auf den Job ihres Mannes ein. "Seinen Beruf hat mein Mann von Anfang an mit größter Überzeugung und Pflichtbewusstsein ausgeübt. Auch wenn es immer zu belastenden Ereignisse während seines Dienstes gab (sic), hat er doch nie an der Sinnhaftigkeit seines Berufes gezweifelt." Vieth sei ein umsichtiger und vorsichtiger Polizist gewesen, der sich nie unnötig in Gefahr begeben hätte, berichtet Anwalt Rubach aus Gesprächen mit Kollegen und Freunden.

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