Eine gute Schulnote wird hierzulande mit Begabung verwechselt. Wer in Deutschland Arzt werden will, muss in Mathe besser sein als im Mitgefühl. Das muss sich rasch ändern. Von Uli Hauser

Ohne Fleiß kein Preis? Schulnoten bestimmen nicht immer über die Fähigkeiten des Kindes.© Armin Waigel/DPA
Bayerns Grundschüler sollen besser lesen, rechnen und schreiben können als gleichaltrige Klassenkameraden im Norden der Republik. Das ist das Ergebnis der jüngsten Pisa-Studie, die alle paar Monate den Tabellenstand in Sachen Bildung mitteilt. "Bayerns Grundschüler lernen am besten" - so heißt es oft in Zeitungen.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück war so schlecht in der Schule, dass er mehrfach wechseln und zweimal die Klasse wiederholen musste. Damit reiht er sich ein die Galerie großer Geister, für die eine bestimmte Art von Unterricht immer eine Nummer zu klein geriet. Thomas Alpha Edison, einer der größten Erfinder der Menschheitsgeschichte, war stets der Schlechteste in seiner Klasse. Pablo Picasso konnte sich nie an die Reihenfolge des Alphabets erinnern. Und die Lehrer von Marcel Proust fanden seine Aufsätze zum Schreien.
Wenn wir mal genauer hinschauen, wann erkannt worden ist, dass jemand außergewöhnliche Leistungen hinlegt oder ein großes Talent mit sich bringt, stellen wir oft fest: Gerade diese Menschen waren als Schüler keine Überflieger. Sie galten als, nun ja, "lernschwach". Vielen, die heute unser Leben bereichern, wurde in ihrer Kindheit das Leben schwer gemacht. John Lennon flog aus dem Kindergarten, und Woody Allen achtete in der Schule auf alles, nur nicht darauf, was seine Lehrer sagten.
Was diese Genies allerdings erfolgreich unter Beweis stellten, war ihr Charakter. Ihr Eigensinn. War ihre Beharrlichkeit, an das zu glauben, was sie bewegte. Waren Ausdauer, Kreativität, Leidenschaft. Sie konnten sich so lange Fragen stellen, bis sie Antworten fanden. Statt: Du sollst! sagten sie: Ich kann! Sie waren einfach sie selbst und genügten ihren eigenen Ansprüchen. Darunter taten sie es nicht.
Doch in der Schule wird Eigensinn selten positiv gewertet. Zwar wird zum Beispiel im bayerischen "Erziehungs- und Unterrichtgesetz", formuliert, die Schule solle "Herz- und Charakterbildung und alles Wahre, Gute, Schöne" fördern. Gleichzeitig aber muss nach der bayerischen Schulordnung ein 14-jähriger Gymnasiast innerhalb eines Jahres 70 Mal benotet werden. Wie soll sich da Persönlichkeit entwickeln? Denn erste Aufgabe der Lehrer bleibt, eine irgendwann formulierte Leistung einzufordern und mit einer anderen zu vergleichen. Dafür gibt es ein Zeugnis, es wird ein Durchschnitt errechnet. Soll sich die Durchschnittsnote verbessern, muss vor allem in den Fächern gelernt werden, die am wenigsten Spaß machen und wo die größten Defizite sind. So gibt es Nachhilfe in Französisch, um von "mangelhaft" auf "ausreichend" zu kommen. Nicht in Englisch, um sich von "befriedigend" auf "sehr gut" zu verbessern. Es ist ein absurdes System, viel Zeit mit dem zu verbringen, was man nicht so gut kann. Wer bis dahin dachte, sein Leben sei dazu da, nach Höherem zu streben, dem wird schnell beigebracht, sich am Mittelmaß zu orientieren.
Bei der Jagd nach Zahlen bleibt kaum Zeit, sich darum zu kümmern, wer welche Talente mit auf die Welt bringt. Einen Menschen in seiner Begabung zu bestärken, zu ermutigen, zu ermuntern. Schlecht in Schreiben, aber gut im Trösten: Was, bitte, ist wichtiger? Nach wie vor wird Begabung mit einer guten Schulnote verwechselt. Die Fähigkeit zur Anteilnahme oder die Kunst des Zuhörens sind keine Kategorien, die im Zeugnis oder bei der Besetzung des Studienplatzes eine Rolle spielen. Wer in Deutschland Arzt werden will, muss in Mathe besser sein als im Mitgefühl.