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12. November 2009, 14:05 Uhr
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Es muss einen Prozess geben

Die Justiz wird in den nächsten Tagen entscheiden, ob Jörg K., der Vater des Amokläufers von Winnenden, vor Gericht muss. Dieser Prozess ist zwingend nötig, um den Hinterbliebenen zu helfen, mit dem Unfassbaren umzugehen - in den Familien der Opfer und in der Familie des Täters. Ein Kommentar von Ingrid Eißele

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Trauernde Schüler der Albertville Realschule von Winnenden wenige Tage nach dem Amoklauf: Der Schock ist weg, "jetzt ist die Realität da."© Michael Probst/AP

Nachts braucht Gudrun Hahn jetzt immer Licht. Sie kann nicht mehr im Dunkeln schlafen. Die immer gleichen Fragen und Bilder quälen sie. Sie denkt an ihre Tochter Jaqueline, wie sie getroffen auf einem Stuhl im Klassenzimmer in sich zusammensinkt. Jaqueline, genannt Jacky, ist ihr erster Gedanke beim Aufwachen, ihr letzter beim Einschlafen und mitten in der Nacht, wenn sie aus dem Schlaf hoch schreckt.

Warum ist Tim K. in seine alte Schule zurückgekehrt, die er doch schon ein halbes Jahr zuvor verlassen hatte? Was hatte ihn so gemacht? Was war los in seiner Familie? Gudrun Hahn hat bis heute keine Antworten auf ihre Fragen gefunden. Sie erhofft sie sich mit großer Dringlichkeit vom Prozess gegen Jörg K., den Vater des Amokläufers. So wie auch andere Angehörige. Denn acht Monate nach der Tat ist der Schock der ersten Monate weg. "Jetzt ist die Realität da", sagt Christoph Nalepa, der Vater der getöteten Nicole. Jetzt kommen all die Fragen. Warum? Warum wurde ihre Steffi von so vielen Schüssen getroffen? fragt Doris Kleisch, deren Tochter Stefanie zu den Opfern zählt. "Wir möchten alles erfahren!", fordert Barbara Nalepa.

Die Fragen der Eltern der ermordeten Kinder sind quälend. Für die Familie des Amokläufers, am meisten aber für sie selbst. Die zuständige Staatsanwältin soll allerdings dazu neigen, sich gegen ein öffentliches Verfahren zu entscheiden, um beide Seiten zu schonen, die Angehörigen des Amokläufers wie die der Opfer. Ein Prozess, so heißt es, werde die Fragen nach dem Warum auch nicht beantworten können. Er könnte vielmehr sogar neue Opfer bedeuten - auch Jörg K., Tims Vater, gilt schon jetzt als psychisch stark angeschlagen. Ein Prozess würde eine erhebliche zusätzliche Belastung bedeuten.

Auch sie, entgegnen die Opfereltern, kämpfen jeden Tag um ihr Leben, das nur noch Überleben ist. Wem nützt, wem schadet eine öffentliche Aufarbeitung? Ein Dilemma, das nun der Generalstaatsanwalt entscheiden soll. Und nach ihm ein Richter.

Wir alle brauchen diesen Prozess

Diese Menschen sind nicht zu beneiden. Denn die Justiz ist mit der menschlichen Dimension dieses Verfahrens völlig überfordert. Es geht ja um weit mehr als nur darum, ob der Vater gegen das Waffengesetz verstoßen hat, weil er seine Beretta im Kleiderschrank aufbewahrte statt im Tresor. Das hat er im Übrigen nie bestritten. Es geht um die Frage, ob der Vater angesichts der psychischen Labilität seines Sohnes schwere Fehler gemacht hat - vor allem, ihm das Schießen mit einer scharfen Waffe bei zu bringen. Die Psychiaterin will sie nicht nur über psychische Probleme, sondern auch über Mordgedanken informiert haben - die Eltern bestreiten dies. Vielleicht steht am Schluss im Gerichtssaal Aussage gegen Aussage.

Dennoch: Dieser Prozess muss sein. In erster Linie für die Angehörigen der Opfer. Sie wollen keine Schonung. Jede Beschwichtigung ist für sie wohlmeinende Bevormundung. Sie brauchen diese Chance, selbst fragen zu können, und daraus Schlüsse zu ziehen, für ihr Überleben. "Dann erst kann ich sagen, jetzt darf das aus meinem Kopf raus", sagt Doris Kleisch.

Auch Justiz und Polizei brauchen diesen Prozess. Nur durch die Transparenz eines Verfahrens lässt sich verhindern, dass der Eindruck entsteht, es wurde irgendetwas unter den Tisch gekehrt werden. Christoph Nalepa sagt: "Wir haben unsere Kinder dem Staat anvertraut, der Schule. Jetzt erwarten wir auch vom Staat, dass er das Seine dazu tut, ihren Tod aufzuklären."

Drittens: Wir alle brauchen diesen Prozess. "Wir wollen, dass die Gesellschaft etwas daraus lernt", sagen die Opfereltern. Dass Eltern Verantwortung haben für ihre Kinder, auch dann noch, wenn sie 17 Jahre alt und sehr verschlossen sind. Gerade dann.

Und viertens: Auch für den Vater von Tim K. könnte der Prozess wichtig sein. Zwar würde ihn ein "diskreter" Strafbefehl erst mal schonen, aber es würde ihm immer der Makel des Unaufgeklärten anhaften. "Es wird ihn sonst nie mehr los lassen", glaubt Gisela Mayer, die Mutter der getöteten Nina Mayer und Sprecherin des Aktionsbündnisses der Eltern. Noch ist nicht bewiesen, dass die Eltern wirklich von Tims Mordplänen wussten. Möglicherweise könnte sie der Prozess von diesem schweren Vorwurf entlasten.

Ein menschlich fähiges Gericht könnte sogar etwas Undenkbares bewirken: eine Brücke zu bauen zwischen den Eltern von Opfern und Täter. Denn bemerkenswert ist, dass es den Opfereltern nicht um Rache oder Vergeltung geht - ihnen ist das Strafmaß für den Vater fast gleichgültig. "Ich will, dass mir der Vater in die Augen schaut", sagt Gudrun Hahn. Und zu seiner Verantwortung steht.

Verantwortung übernehmen kommt vor dem Verstehen oder gar Vergeben. Erst dann hofft Gudrun Hahn "ein Stückchen von meinem inneren Frieden zu finden." So viel wenigstens, dass sie eines Tags wieder schlafen kann. Ohne diese Fragen. Und ohne Licht.

Ein Kommentar von Ingrid Eißele
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