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"Alarmsignale ziehen sich wie ein roter Faden durch Gerwalds Leben"

Gerwald Claus-Brunner hat erst einen jungen Mann umgebracht und dann sich selbst. Dietwald Claus, Bruder des Piraten-Politikers, hat sich entschieden, die Geschichte seiner Familie zu erzählen. Er spricht über Gewalt, Suizid und verschmähte Liebe.

Er war das Gesicht der Berliner Piratenpartei: Gerwald Claus-Brunner, 2,06 Meter, 135 Kilogramm. Latzhose und Kopftuch wurden sein Markenzeichen.

Er war das Gesicht der Berliner Piratenpartei: Gerwald Claus-Brunner, 2,06 Meter, 135 Kilogramm. Latzhose und Kopftuch wurden sein Markenzeichen.

Die ersten Nachrichten über den toten Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner erreichten dessen jüngeren Bruder Dietwald, 40, in Kanada. Er ist vor vielen Jahren ausgewandert, spricht heute Deutsch mit Akzent. Er buchte sofort ein Ticket Richtung Deutschland. Gleich nach der Landung antwortete er auf die Anfrage des stern

Herr Claus, Sie haben das Gespräch mit uns gleich zugesagt. Warum?

Mein Bruder hat einen jungen Mann umgebracht. Ein Mann, der noch ein ganzes Leben vor sich hatte. Eigentlich müsste er und nicht mein Bruder im Mittelpunkt stehen. Alle Welt redet über Gerwald. Ich denke an die Familie von Jan Mirko L., es tut mir sehr leid. Ich möchte ihnen mein Mitgefühl aussprechen. Das, was mein Bruder getan hat, ist unentschuldbar.

Und doch wollen Sie mit uns über Ihren Bruder sprechen?

Meine Familie wollte eigentlich nicht mit Journalisten reden. Ich werde nun, auch im Namen meiner Eltern, mit ihnen sprechen und danach kein Interview geben. Aber ich habe ein Anliegen, das ich loswerden möchte.

Und das wäre?

Alles, was man jetzt noch tun kann, ist aus diesem etwas zu lernen und Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.

Was bedeutet das konkret?

Nach all dem, was bekannt ist, muss man die Frage stellen, ob die Polizei das Opfer ernst genug genommen hat. Der junge Mann  hat Ende Juni Anzeige gegen meinen Bruder wegen Nachstellung erstattet. Es soll auch eine Anzeige von meinem Bruder gegen das Opfer gegeben haben. Wegen Verleumdung. Und dann verlief die Sache im Sande. Angeblich weil das Opfer den Fragebogen an die Polizei nicht zurückgeschickt hatte. War Jan Mirko L. womöglich nur durch die Anzeige meines Bruders eingeschüchtert?

Was fordern Sie?

Dietwald Claus

Dietwald Claus, das jüngste von fünf Geschwistern, ist aus Kanada angereist, um seinen Bruder Gerwald Claus-Brunner zu beerdigen. Mit dem stern sprach er über seine Familiengeschichte.

Ich hoffe sehr, dass die diesen Fall noch einmal eingehend untersucht und aus möglichen Fehlern lernt. In der Presse las ich außerdem, dass die Immunität meines Bruders ein Hemmnis gewesen sein soll. Mit Verlaub: Wenn das stimmen sollte, darf es nicht sein. Ist mein Bruder, womöglich weil er Abgeordneter war, mit Samthandschuhen angefasst worden?

Bundesjustizminister Heiko Maas () will den Schutz von Stalkingopfern verbessern. Das Bundeskabinett hat einen entsprechenden Gesetzesentwurf gerade im Juli beschlossen.

Das habe ich auch gelesen. Und ich finde, dass das ein Schritt in die richtige Richtung ist.

War ihr Bruder schon früher auffällig?

Ja. Mein Bruder hat eine gewalttätige Geschichte. Er  rastete schon als Kind aus. Er trat in der Schule Türen ein, wenn er wütend war. Er quälte Tiere, ersäufte Katzen, erschlug einen Vogel mit einer Holzlatte. Einmal setzte er seinen Hund in den Stall, damit er Schafe reißen konnte. Sein Hund riss drei Tiere. Mein Bruder bekam von meinem Vater dafür die Tracht Prügel seines Lebens.

Wurde er auch gegen Menschen gewalttätig?

In der Schule verliebte er sich in ein Mädchen. Als sie ihn abblitzen ließ, schikanierte er sie, warf Steine an die Fassade ihres Elternhauses. Aus der Bundeswehr wurde er unehrenhaft entlassen. Er hatte sich in einen Unteroffizier verliebt, der ihn abblitzen ließ. Als der Mann ihn auslachte, schlug Gerwald zu. So jedenfalls hat mein Bruder es mir damals erzählt. Und auch, dass er deshalb unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen wurde.

Ihr Bruder hat behauptet, er sei mit 14 aus dem Haus geprügelt worden, weil er homosexuell war.

Unsinn. Gerwald lebte mit 14 noch zu Hause. Er ging auf die Realschule, zog erst ein paar Jahre später aus, als er in die Lehre zum Telekommunikationstechniker ging. Mein Bruder hatte schon immer ein kompliziertes Verhältnis zur Wahrheit. Es ist auch nicht auf der Autobahn bei Harrislee geboren, wie er behauptet hat. Er kam im Dissener Krankenhaus zur Welt.

Akzeptierten Ihre Eltern seine Homosexualität denn?

Nein, sie haben deshalb mit ihm gebrochen. Es gab eine unschöne Szene. Gerwald war Anfang 20. Er kam nach Hause und erzählte meinen Eltern unter Tränen, dass seine große Liebe - ein Mann - bei einem Unfall gestorben wäre. Er outete sich bei dieser Gelegenheit, suchte Trost. Doch meine Mutter wurde laut, Gerwald schrie, ging auf meine Mutter zu. Mein Vater stellte sich dazwischen und sagte: Raus. Das war der Bruch.   Und ein großer Fehler. Später haben meine Eltern versucht, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen, aber er reagierte nicht auf ihre Briefe. 

Warum verhielten sich ihre Eltern so?

Meine Eltern haben rechtsradikale Ansichten. Sie leugnen den Holocaust. Sind für Rassentrennung und gegen Homosexuelle.

Wenn man Ihren Namen googelt, stößt man auf die Information, dass auch Sie in rechtsradikalen Kreisen aktiv waren.

Das stimmt leider. Meine Geschwister und ich wurden in diese Szene hineingeboren und  sind rechtsradikal erzogen worden. Wir wurden von klein auf indoktriniert. Schon als Kinder schickten unsere Eltern uns zum Bund heimattreuer Jugend. Hausdurchsuchungen wegen Volksverhetzung kamen bei uns häufig vor. Meine Eltern waren polizeilich bekannt. Mit Anfang 20, da war ich war schon mit meinen Eltern nach Kanada ausgewandert, lebte aber nicht mehr mit ihnen zusammen, las ich das Buch von Michael Shermer: "Why people believe weird things" (Warum Leute seltsame Dinge glauben). Das letzte Kapitel war Holocaustleugnern gewidmet. Shermer hat mir die Augen geöffnet. Ich musste einsehen, dass alles, an was ich über 20 Jahre geglaubt hatte, falsch gewesen war. So stieg ich aus der Szene aus. Heute betrachte ich meine rechte Vergangenheit als intellektuelle Zeitverschwendung und bedauere sie sehr.

War auch Ihr Bruder Gerwald in der rechten Szene?

Ja, er war beim Bund heimattreuer Jugend. Als er in die Lehre ging, zog er sich aus diesen Kreisen aus Zeitgründen zurück. Später ging er ja zu den Piraten, hatte also auch den Absprung gefunden.

Sie haben beide den Ausstieg aus der rechten Szene geschafft, hatten eine problematische Kindheit und Jugend. Haben sie darüber je miteinander geredet?

Nein, leider nicht. Der Kontakt brach ab, als ich mit meinem Eltern nach Kanada ging. Ich habe ihm geschrieben, als er Abgeordneter wurde. Aber er wollte keinen Kontakt, glaubte, ich würde ihn nur sehen wollen, weil er nun Politiker sei. Das war aber Quatsch. Deshalb wollte ich es nach seiner Abwahl noch mal versuchen. Nun ist es zu spät.

Dietwald Claus mit stern-Reportern

Blick in die Familie: Dietwald Claus traf in Hamburg die stern-Reporter Kerstin Herrnkind und Dominik Stawski

Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Ihren Eltern?

Ihre politischen Ansichten finde ich untragbar und falsch. Aber es sind meine Eltern. Das ist kein einfacher Spagat. Doch unabhängig von ihren Ansichten, tut es auch meinen Eltern sehr leid, was Gerwald getan hat. Sie grämen sich und wissen, dass sie einiges falsch gemacht haben.

Sie haben vorhin davon gesprochen, dass ihr Bruder verprügelt wurde.

Ja, das ist richtig. Er hatte sicher keine einfache Kindheit und Jugend. Aber ich will hier keine Sympathy for the devil.

Sie sagten, ihr Bruder sei schon als Kind auffällig gewesen. Haben Ihre Eltern etwas dagegen unternommen?

Meine Mutter wollte ihn zum Psychiater schicken, weil er immer so ausrastete. Doch Gerwald weigerte sich, sagte: Ich gehe doch nicht zum Irren-Doktor.

Auch als Abgeordneter soll er auffällig gewesen sein und Mitarbeiter angepöbelt haben.

Offenbar nicht nur das. Ich sprach mit einem Piraten, der mir erzählte, die Partei hätte Gerwald einen Betreuer zur Seite gestellt, damit er während des Wahlkampfes nicht ausrastete. Er soll sogar  mal jemanden mit einem Backstein bedroht haben. Auch die Parteikollegen wollten ihn offenbar zum Psychiater schicken. Wieder hat er abgelehnt.

Alarmsignale gab es also offenbar.

Die Alarmsignale ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Deshalb treibt mich die Frage um, ob und wie diese Tat hätte verhindert werden können. Aber ich kann sie nicht alleine beantworten. Deshalb mein Appell an die Polizei und die Piraten, die Akten nicht zu schnell zu schließen, sondern aufzuarbeiten, was da genau geschehen ist. Und an Eltern, ihre Kinder anzunehmen. Sich nicht mit ihnen zu überwerfen, weil ihnen ihre sexuelle Orientierung nicht passt. Aber nochmal: Mein Mitgefühl - und auch das meiner Familie - gilt in allererster Linie der Familie des Opfers. Denn selbst wenn die Gesetze jetzt geändert werden und die Polizei Fehler einräumt, für Jan Mirko L. ist es zu spät. Er ist tot. Ermordet von meinem Bruder, durch mein Fleisch und Blut. Und das ist sehr, sehr traurig.

Die ausführliche Geschichte über den Piraten-Politiker Gerwald Claus-Brunner, der einen jungen Mann erwürgte und anschließend Suizid beging, lesen Sie im neuen stern.



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