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Made in Heaven – Die Geschichte einer großen Liebe

Sie waren ein Toilettenteam, aber auch ein Ehepaar. Über ein Jahrzehnt saßen Inge Teubner und Frank Lenze vor den Klos der Disco "Heaven" in Münster. Dann wurde Inge krank.

Liebe "made in heaven": Klofrau Inge liebt Klomann Frank

Klofrau und Klomann: Inge Teubner und Frank Lenze bei der Arbeit auf den Toiletten im Heaven. Bei den Gästen der Diskothek in Münster waren die beiden beliebt

Die Klofrau Inge Teubner ist in ihrem Leben oft gefallen, das erste Mal aus den Armen ihrer Mutter, da war sie kaum ein paar Monate alt. Inge fiel mit dem Kopf voran auf den Boden, während ihre Mutter zuckte, kurz darauf die Diagnose: Epilepsie. Die Inge, sagt ihr Mann, der Frank, "die hat eigentlich viel Pech gehabt im Leben, also außer mit mir". Vielleicht hat Inge auch deshalb nie gern über ihre Vergangenheit gesprochen. Wenn man Inge traf, sagte sie meistens: "Ich muss schaffen!" Nicht quaken, machen, das war Inge Teubner. Obwohl sie so wirkte, als könnte ein Wind sie davonwehen, war sie so robust wie ihr gestärkter Kittel.

"Wer eine Ecke wischt", sagte sie immer, "der muss sich dabei bücken." In ihrer rechten Tasche trug sie ein weiches Tuch gegen die Wasserflecken, und die Urinalsiebe legte sie jede Nacht über in Klorix ein. Schmierte jemand was an die Fliesen, wusch sie es mit Bleiche ab, bis alles wieder blank war. Sie schrubbte, polierte, wischte mit unermüdlichem Ehrgeiz, und wenn Frank sagte: "Inge, lass doch", dann sagte sie: "Lass mich doch."

Zehn Damenklos, zehn Männerklos, zehn Euro die Stunde

Inge hat ihr ganzes Leben viel gearbeitet. Die letzten zwölf Jahre, bevor sie krank wurde, saß sie mit ihrem Mann Frank Lenze in einer Diskothek in vor den Toiletten. Wobei Inge nur saß, wenn sie eine Zigarette rauchte. Die Diskothek trägt den Namen "Heaven", was sich für Frank seltsam anfühlt, jetzt, wo Inge wirklich im Himmel ist.

Während sich also Hunderte Menschen auf der Tanzfläche des Elektroclubs vergnügten, kümmerten sich Inge und Frank um die wesentlichen Dinge. Zehn Damenklos, zehn Männerklos, davor ein Klapptisch mit zwei Stühlen, zehn Euro die Stunde.

Fand Inge beim Putzen kleine Tütchen mit Pulverresten auf den Spülkästen, schmiss sie das Zeug ins Klo. Inge Teubner hasste Drogen, das war natürlich auch wegen ihres Sohns, aber daran durfte sie während der Arbeit gar nicht erst denken. Übergab sich eine Frau auf ihren Klos, kam es vor, dass Inge ihr die Haare aus dem Gesicht hielt. Weinte eine wegen eines Manns, sagte Inge ihr, dass man sich auf die nie verlassen dürfe. Wankte einer zu stark, schenkte sie ihm ein Snickers.

Inges Urne in der Kapelle des Friedhofs von Lengerich. Frank trug sie selbst, das wollte er so

Inges Urne in der Kapelle des Friedhofs von Lengerich. Frank trug sie selbst, das wollte er so

Inge Teubner wurde 1948 geboren, Nachkriegsdeutschland. Ihre kam ins Pflegeheim, nachdem sie an Epilepsie erkrankt war, und Inge wuchs bei ihrem Vater auf. Der Vater heiratete schnell eine neue Frau, aber die konnte Inge nicht gut leiden.

Nach der Volksschule putzte Inge in einer Klinik in Münster. Sie bekam dort ein Zimmer. Eine Lehre machte sie nie. Sie sollte Geld verdienen, und deshalb putzte Inge. Krankenhäuser, Kneipen, Büros, Hotels, Dreck gab es überall. In einem Hotel verliebte sie sich in einen Mann, aber darüber hat sie später fast nie gesprochen, denn am Ende war Inge schwanger, und der Mann wollte nichts mehr von ihr wissen. Sie bekam einen Sohn und zog ihn allein groß. Die beiden schlugen sich so durch, aber leicht war es nicht. Inge war selten zu Hause, der Sohn trieb sich auf der Straße rum, das Geld war immer knapp.

"Mit Scheiße kann man Gold verdienen"

Und dann kam dieser Tag vor 38 Jahren. Inge arbeitete in einer Bar, während ihr Sohn schlief. Eines Abends setzte sich ein Typ an den Tresen, er hieß Frank Lenze, und bestellte sich ein Bier. Er schaute Inge lange an, dann lehnte er sich zu ihr rüber und sagte: "Ich bin geschieden. Meine alte Frau hat mir nur Unglück gebracht. Ich suche eine neue Frau, sie sollte lieb sein und dünn und kurze Haare haben, so wie du."

Frank Lenze blieb die ganze Nacht bei Inge am Tresen sitzen, danach fuhren die beiden Hand in Hand zu ihr. Am nächsten Tag holte Frank seine Sachen und zog bei Inge ein. Anfangs hatte Inge Angst, dass auch Frank irgendwann wieder weg ist, aber Frank legte seine Hand aufs Herz und schwor, dass er ein Treuer sei. Er nannte sie "Sissi", wie die Kaiserin. Als Kind war Frank von zu Hause abgehauen, weil er unbedingt den Film im Kino sehen wollte. Er bekam dafür Schläge, aber seine Sehnsucht nach Sissi blieb.

Jetzt, wo Frank bei Inge wohnte, gab er seine Stelle auf. Der gelernte Bäcker brauchte also einen neuen Job. In der Zeitung lasen die beiden eine Annonce, es wurde Personal für einen Toilettenwagen auf einem Stadtfest gesucht. Frank sagte: "Wär das nicht was für uns? Mit Scheiße kann man Gold verdienen", und Inge nickte. Sie bewarben sich und bekamen den Job. Das war der Anfang.

Nach fast 30 Jahren Beziehung gaben sich Inge und Frank 2007 das Jawort in Lengerich. Frank war der Laute, Inge die Stille

Nach fast 30 Jahren Beziehung gaben sich Inge und Frank 2007 das Jawort in Lengerich. Frank war der Laute, Inge die Stille

Es waren die Neunziger, die Menschen hörten Techno und trugen Plateauschuhe. Inge und Frank verstanden nichts von Techno, aber als die Besitzer des Cosmic Clubs in Münster fragten, ob sie die Toiletten machen könnten, sagten sie zu. Von nun an saßen Inge und Frank jedes Wochenende dort und bestaunten all die jungen Menschen mit ihren bunten Haaren und durchstochenen Zungen. Manchmal stahl sich Frank kurz auf die Tanzfläche und wippte ein bisschen zu der Bumm-Bumm-Musik, und der DJ winkte ihm zu.

Frank war der Laute in der Beziehung, Inge die Stille. Fast 30 Jahre waren sie zusammen, bis sie heirateten. Frank drängelte, vor zehn Jahren gab Inge endlich nach. Sie heirateten standesamtlich in Lengerich, dort wohnten sie, nicht weit von Münster. Als der Beamte nach Trauzeugen fragte, antwortete Frank: "Brauchen wir nicht." Inges Hochzeitsanzug war das teuerste Kleidungsstück, das sie sich je gekauft hat: 150 Euro.

Venedig war zu teuer, also fuhren sie nach Tecklenburg

Eigentlich wollte Inge von nun an auch Lenze heißen, aber das kostete insgesamt mehr, das fanden sie unverschämt. Sie gingen zum Fotografen und in ein Restaurant. Ihre Hochzeitsreise wollten sie nach Venedig machen, weil Inge davon träumte, mit einer dieser Gondeln zu fahren. Sie fragten in einem Reisebüro nach, aber Venedig war viel zu teuer, also fuhren sie nach Tecklenburg.

Außer der Arbeit und Frank hatte Inge Teubner wenig Hobbys. Ihre Lieblingssendung war "Lindenstraße", ihr Leibgericht Königsberger Klopse. Sie strickte gern und guckte sich in der Stadt die Schaufenster an, meistens, ohne was zu kaufen.

Wenn Inge und Frank freihatten, fuhren sie manchmal mit ihren Rädern in die Stadt und aßen ein Stück Torte. Aber meistens fuhren sie nach Münster ins Heaven und schrubbten und schafften bis morgens um sechs, und die Gäste freuten sich, sie zu sehen, und Inge und Frank freuten sich auch, besonders wenn jemand ein paar Groschen extra auf ihr Tellerchen legte.

Frank und Inge auf dem Balkon ihrer Wohnung. Sie träumten davon, mal mit einem Segelboot zu fahren

Frank und Inge auf dem Balkon ihrer Wohnung. Sie träumten davon, mal mit einem Segelboot zu fahren

Inge Teubner hat nicht nur gern, sondern auch viel geraucht. Es gab diesen Spruch: Entweder hat Inge einen Schrubber in der Hand oder eine Kippe auf dem Zahn. Vor sieben Jahren fing sie an zu husten, erst ein bisschen, dann immer stärker. Fragte jemand, was los sei, winkte sie ab. "Kleine Erkältung" , "Raucherhusten". Aber irgendwann, da krümmte sich Inge beim Husten, und die Gäste fragten: Was ist denn mit eurer Klofrau? Ist die krank? Die hustet ja und kann kaum noch.

Und wenig später riefen die Betreiber des Heaven Inge und Frank ins Büro. Es tat ihnen leid, aber auch sie hatten gesehen, wie Inge sich quälte, und sie hatten ja recht. Der Weg von Lengerich nach Münster, dann die ganze Nacht durcharbeiten bis morgens früh und dann wieder den ganzen Weg zurück, es war einfach zu anstrengend geworden.

Die Ärzte stellten COPD 4 fest, eine Lungenkrankheit im Endstadium

Eine kleine Abfindung und erst mal zum Arzt. Etwas Erholung für Inge. Kräfte sammeln, dann weitersehen. Die Ärzte stellten bei Inge COPD 4 fest, eine Lungenkrankheit im Endstadium, lebensbedrohlich. Warum sie denn nicht früher gekommen sei, fragten die Ärzte. "Ich musste ja schaffen", antwortete Inge.

"Die Inge", sagt Frank, "die hat jahrelang geklebt für wenig Geld, nicht mal für eine Rente ohne Aufstockung hat es gereicht. 571 Euro, um genau zu sein. Sie wollte nicht viel, die Inge war bescheiden, nur ein bisschen Glück. Ich hätte es ihr gegönnt und mir dazu. Und als sie im Krankenhaus lag, da hat sie niemand besucht, nicht ihre Schwester, nicht ihr Sohn. Die hatten ja eh keinen Kontakt mehr. Aber nun, ist halt so."

Haben sich in Münster beim Toilettenputzen kennengelernt, dann geheiratet

Haben sich in Münster beim Toilettenputzen kennengelernt, dann geheiratet

Frank, hat Inge dir eigentlich mal einen Liebesbrief geschrieben? "Nein", sagt Frank, "die Inge konnte doch kaum schreiben." Aber die Inge, sagt Frank, die musste auch nicht schreiben, denn er konnte ja alles in ihrem Gesicht ablesen. "Zum Schluss", sagt Frank, "wurde Inges Gesicht immer düsterer, das kam von den Schmerzen und von den dunklen Gedanken." Oft saßen sie schweigend auf der lilafarbenen Couch im Wohnzimmer, zwischen all den Kissen und Spitzendecken, und guckten Fernsehen. Manchmal sagte Inge in den Werbepausen: "Ich halt die Schmerzen nicht mehr aus, ich nehm mir bald 'nen Strick und häng mich dran, dann bin ich endlich mausetot."

"Das machst du nicht", sagte Frank, "denn ich pass auf." Inge: "Dann nehm ich meine Schlaftabletten, wenn du schon eingenickt bist, die ganze Packung fress ich heimlich auf." Frank: "Dann pumpen die deinen Magen aus, und du wachst wieder auf und hast viel schlimmere Schmerzen als jetzt. Du stirbst nicht einfach, Inge, nicht so, denn ich pass auf." Inge: "Nein, ich leb auch noch ein bisschen, für uns mach ich das, ja, ist gut."

Nachts versteckte er die Packung mit den Schlaftabletten

Heute sagt Frank, die Inge, die hätt' das nicht gemacht mit dem Strick, die war bloß so verzweifelt. Nachts versteckte er trotzdem die Packung mit den Schlaftabletten. Wenn er aufwachte, hörte er das Summen der Beatmungsmaschine. Solange die summte, atmete Inge. Und solange Inge atmete, war alles gut.

Zum Schluss bekam Inge die höchste Pflegestufe. Frank wusch sie, setzte sie auf den Toilettenstuhl, wechselte ihre Sauerstoffflaschen, kochte ihr Essen, kämmte ihre Haare. Inge lag im Bett wie ein Vögelchen, dünn und zerbrechlich, und weinte ganz viel und ganz leise. Als sie kaum noch weinte und auch nicht mehr antwortete, bekam Frank Angst und rief einen Krankenwagen.

Am 24. Mai dieses Jahres schlief Inge Teubner im Krankenhaus in Ibbenbüren ein. Sie wurde 68 Jahre alt. Auf Facebook schrieb Frank: "Meine Inge ist gerade verstorben." Und Inges Chef schrieb: "Inge, mach da oben schon mal klar Schiff, wir kommen nach und rocken dann gemeinsam den Himmel."

Inge und Frank fuhren immer gemeinsam zur Arbeit und frühmorgens gegen sechs, wenn alle Gäste weg waren, wieder zurück

Inge und Frank fuhren immer gemeinsam zur Arbeit und frühmorgens gegen sechs, wenn alle Gäste weg waren, wieder zurück

Inge wurde auf dem Friedhof in Lengerich beerdigt. Es kamen auch ein paar aus dem Heaven, darauf war Frank stolz. Von ihren Verwandten kam niemand.

Als die Trauergemeinde aus der Kapelle auszog, ging Frank voran, er trug die kupferfarbene Urne, in der Inges Asche lag, das wollte er so. Als die Urne ins Grab gelassen wurde, hielt Frank eine Rede, er hatte sie immer wieder geübt: "Liebe Inge, du warst mir eine treue, ehrliche, zuverlässige und starke Frau. Als du schwer krank wurdest, habe ich dich gepflegt. Das würde ich immer wieder tun. Und du hättest es für mich genauso getan. Ich danke dir für deine Liebe, Ruhe in Frieden."

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

In Franks Wohnung ist es jetzt so ruhig, keine Inge mehr, keine "Lindenstraße", kein Summen der Beatmungsmaschine. Mittags wärmt sich Frank manchmal was aus dem Gefrierschrank auf. Es sind die letzten Essen, die Inge für Frank gekocht hat. Am Kühlschrank kleben noch die Notizzettel mit ihren Arztterminen. Im Kleiderschrank hängen Inges Sachen, ganz ordentlich sortiert. Nur ihr Hochzeitsanzug fehlt, in ihm wurde ihr Leichnam verbrannt.

Frank steht morgens früh auf, und wenn er eine Ecke putzt, dann bückt er sich. Jeden Nachmittag geht er zum Grab, danach isst er zu Abend und schaut Fußball. Auf Inges Seite des Ehebetts hat Frank eine Rose aus Plastik gelegt. Frank träumt fast jede Nacht von Inge. Im Traum hat seine Sissi keine Schmerzen mehr und keine Sorgen, und sie öffnet ihm von innen die Himmelstüre. Der Gemeindepfarrer hat zu Frank gesagt, die letzten Worte eines Sterbenden seien ganz besonders wertvoll. Man müsse sie sich einprägen und im Herzen behalten. Die letzten Worte Jesu waren: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Frank hat sich dann erinnert, was Inge ihm gesagt hat, ganz am Ende. Sie sagte: "Wasch die Gardinen regelmäßig, halt die Wohnung rein und das Geld zusammen."

Es war ihre Art zu sagen, leb wohl, du wirst mir furchtbar fehlen.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:


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