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Weggekehrte Gräber für die Queen

Nach dem vom Zentrum für politische Schönheit initiierten "Marsch der Entschlossenen" ragten mehr als hundert Gräber vor dem deutschen Bundestag auf. Am nächsten Tag waren sie wieder verschwunden. Schließlich kommt die Queen zu Besuch.

Von Anna-Beeke Gretemeier

Blumenschmuck, Kerzen, Trauerkränze, ein Sarg und Holzkreuze - alles zusammengekehrt und bereit für den Abtransport

Blumenschmuck, Kerzen, Trauerkränze, ein Sarg und Holzkreuze - alles zusammengekehrt und bereit für den Abtransport

Dauerregen. Normalerweise kein Lieblingswetter von Landschaftsgärtnern. Irgendwann ist jede Hose durchnässt, sind die Socken klamm und Brillengläser vom ewigen wegwischen der Tropfen verschmiert. Doch heute tut der Regen gut. Heute hilft er bei der Arbeit. Hier vorm Bundestag - mitten in Berlin - fluten herab prasselnde Wassermassen mehr als hundert Grabhügel. Was für eine Ironie, dass selbst das Gedenken an die im Mittelmeer verstorbenen Flüchtlinge nun von Wasser überrollt wird.

Aktivisten reißen den Bauzahn um den Rasen vor dem Bundestag in Berlin ein

Aktivisten reißen den Bauzahn um den Rasen vor dem Bundestag in Berlin ein. Zusammen mit dem Zentrum für Politische Schönheit wollen sie gegen die europäische Flüchtlingspolitik demonstrieren

Noch am Sonntag bebte hier für einen kurzen Moment die Erde. Tausende Demonstranten kamen zum vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) initiierten "Marsch der Entschlossenen", stürmten den von der Polizei errichteten Bauzaun und türmten Erdmassen auf. Mitten in Berlin wurden kleine Gräber mit bloßen Händen und Schaufeln ausgehoben. Trauerzüge mit Leichenwagen und Särgen zogen am Regierungsviertel vorbei und stellten Kerzen und Kreuze auf. Berlin trug schwarz. Die Reichstagswiese wurde zum Friedhof. Und wir wieder einmal davon Zeuge, dass es vielen eben doch nicht egal ist, was da vor den Grenzen der Europäischen Union passiert.

Stundenlang wurde in Berlin gegen die europäische Flüchtlingspolitik protestiert. Die Gedenk-Aktion sollte unsere Politiker dazu bringen, Verantwortung für das Sterben auf dem Mittelmeer zu übernehmen. Tage zuvor hatte das ZPS bereits medienwirksam zwei Syrer auf Berliner Friedhöfen beerdigt - mit Ehrenplätzen für Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Thomas de Maizière (die natürlich nicht kamen). Wochen zuvor waren die beiden toten Körper angeblich in Italien aus Massengräbern "befreit" worden. Die 34-jährige Syrerin und ihr 60 Jahre alter Landsmann sollten in Deutschland ein ordentliches Begräbnis bekommen. Mit Iman und muslimischem Brauch. Mit Trauergästen und Blumenschmuck.

Die Toten kommen: In den Rasen vor dem Berliner Bundestag werden mit Schaufel und Händen symbolische Gräber für verstorbene Flüchtlinge gebuddelt

Die Toten kommen: In den Rasen vor dem Berliner Bundestag werden mit Schaufel und Händen symbolische Gräber für verstorbene Flüchtlinge gebuddelt

Als abschließenden Festakt dieser monatelang geplanten Kunst- und Polit-Aktion plante das ZPS nun dieses Mahnmal - bestehend aus über hundert Gräbern - vor unserem Bundestag. Ist das wirklich Kunst? fragten sich viele Bürger, Journalisten und Politiker. Oder kann das weg? Weg aus Berlin, weg aus Deutschland. Weg aus ganz Europa. 

 Das hätten einige gerne so. Sie wollen nichts zu tun haben mit dem Elend unserer Welt. Deutschland geht es gut, titelt die FAZ noch am vergangenen Donnerstag über ein Wirtschaftsartikel mit den einleitenden Worten: "Die Einkommensungleicheit ist zuletzt nicht größer geworden, und die deutsche Wirtschaft wächst und wächst." Na, dann. Können wir ja alle wieder ruhig schlafen.

 Schlaf, etwas woran für Maya mehr als zwei Tage und Nächte, wartend auf das "Go" der Schleuser, nicht zu denken war. Als sie ihrem Mann die gemeinsamen beiden kleinen Jungs - der eine vier, der andere sechs Jahre alt - entgegenstreckte, damit er sie über die Reling des 30 Meter langen Schleuserbootes hievte, war sie voller Hoffnung. Jetzt würde es losgehen. Nachdem sie es bereits von Syrien nach Ägypten geschafft hatten, nachdem sie Schleuser gefunden hatten, die sie vier für die noch verbliebenen 3000 Euro nach Europa bringen würden. 

Anstatt der prognostizierten drei Tage verbrachten sie mehr als sechs auf dem offenen Meer. Alle zwei bis drei Stunden viel der Motor aus, erschöpft und überbeansprucht von der Last von 310 Flüchtlingen. Die Wellen spielten mit dem Boot. Und mit der Gesundheit der Familien, die dicht beieinander gedrängt, weinend und sich übergebend ausharrten. 5 Schleuser, etwa 1500 Liter Trinkwasser, dazu soviel zu essen, dass jeder zwei kleine Mahlzeiten am Tag bekam.

Am Ende schaffte es das Boot nicht nur an die italienische Küste, die Familie von Maya schaffte es sogar bis nach Essen. Sie wird geduldet und darf jetzt - zumindest erst einmal - in Frieden und ohne Krieg leben. Wenn Maya die vielen Nachrichten und Bilder über die Todesopfer auf dem Mittelmeer sieht, wird ihr ganz anders. Das hätte auch sie sein können. Zusammen mit ihrer Familie.

Symbolische Gräber auf dem Rasen vor dem Bundestag in Berlin

Symbolische Gräber auf dem Rasen vor dem Bundestag in Berlin


Doch was haben wir schon für eine Verbindung zu den Geschehnissen? Was geht es uns an, wenn in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten Krieg geführt wird? Wenn Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder wegen ihrer Stammeszugehörigkeit verfolgt werden. 

Wenn die Politiker und ihre Wähler darauf keine Antwort finden, vielleicht muss das Problem dann abstrahiert und Themen wie Krieg, Flucht und Tod inszeniert werden. Der Berliner Theatermacher Philipp Ruch und seine Kollegen haben dabei eindrucksvoll Regie geführt. Und Bilder geschaffen, die wir hier in Europa brauchen, um endlich zu verstehen, dass wir handeln müssen.

Unter den Teppich kehren - das können Politiker gut. Auf der Reichstagswiese müssen Landschaftsgärtner stellvertretend für Deutschland den Schein wahren. Und für Touristen, die Queen und die Kanzlerin alles wieder schön herrichten

Unter den Teppich kehren - das können Politiker gut. Auf der Reichstagswiese müssen Landschaftsgärtner stellvertretend für Deutschland den Schein wahren. Und für Touristen, die Queen und die Kanzlerin alles wieder schön herrichten


Gehandelt wird. Zumindest hier. Gärtner rücken an, um die Reichstagswiese wieder ansehnlich zu machen. Als sie die Trauerkränze aufsammeln, rieseln Tannennadeln herab und verstecken sich zwischen den Grashalmen der Kanzlerwiese. Wäre da nicht der Regen - zumindest sie hätten eine Chance gehabt, als heimliches Zeugnis der Gedenkaktion zurückzubleiben. Doch das Wetter kehrt sie samt verstreuter Blumen zusammen. Und die Gärtner türmen pflichtbewusst den Blumenschmuck zusammen mit den abmontierten Gedenkkreuzen am Rande der Kanzlerwiese auf. "EU kills" steht auf den daraus hervorragenden, abgebrochenen Holzplanken geschrieben. Oder "in tiefer Trauer & voller Wut" und "Grenzen töten". 

Die Wiese inmitten des wieder aufgerichtet Bauzaun sieht fast wieder so aus, als wäre nichts gewesen. So als gäbe es kein Andenken an die auf dem Mittelmeer verstorbenen Flüchtlinge in Deutschland. Aus #dietotenkommen wird in weniger als ein paar Stunden #dieQueenkommt. Schließlich muss ja alles hergerichtet sein - für den Staatsbesuch von Elisabeth II. 

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