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Eine Russland-Reise - und was sie über Grenzen in Europa verrät

Die Neuntklässler Julius Marn, Benita Bartels und Cosima von Wackerbarth reisten mit einer Schülergruppe des Internats Louisenlund nach Russland. Echte Grenzkontrollen und Visa-Schwierigkeiten sind sie nicht gewohnt. Seit sie geboren sind, gibt es so etwas in Europa nicht. Hier erzählen sie ihre Geschichte über eine neue Erfahrung - und eine wichtige Erkenntnis.

Von Julius Marn mit Unterstützung von Benita Bartels und Cosima von Wackerbarth

Julius Marn und Cosima von Wackerbarth auf ihrer Reise durch Russland

Julius Marn und Cosima von Wackerbarth auf ihrer Reise durch Russland

Das erste Mal in Russland und dann auch noch das. Ich befinde mich auf Klassenfahrt in Russland, sitze im Zug von Nishnij Novgorod nach St. Petersburg und mein Reisepass ist weg. Etwas panisch bin ich schon, durchsuche mit meinen Klassenkameraden das ganze Zugabteil. Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor, ohne Dokumente in einem fremden Land mit einer komplett anderen Sprache und Schrift dazustehen, mich nicht ausweisen zu können. Für Reisen in Europa sind Reisepass und Visum vielleicht nicht so wichtig. Aber in Russland? Da geht's gar nicht ohne. Unser Austausch war wunderschön, aber er ist auch die Geschichte eines Abmühens mit Reisedokumenten. Und das hat uns wiederrum viel über Europa erzählt. 

Für mich und meine Mitschüler war das ganze Bohei um Visum, Reisepass und Co. etwas vollkommen Neues. Wir sind in nach Schengen aufgewachsen, kennen kaum richtige Grenzen. Bei der Einreise nach Frankreich, Spanien oder Italien merken wir in der Regel nur an der Sprache, dass wir in einem anderen Land sind.

Viel bürokratischer Aufwand vor der Russland-Reise

Los ging alles schon bei der Vorbereitung unserer Russlandfahrt zu unseren Partnerschulen in Nishnij Novgorod und St. Petersburg. Um überhaupt nach einreisen zu können, brauchten wir natürlich Visa. Doch das ist leichter dahergesagt als beantragt. Klar, wir hatten eine Einladung unserer Partnerschule. Das hat es einfacher gemacht. Trotzdem haben wir stundenlang Zettel ausgefüllt.

Im Antrag mussten wir unsere genaue Reiseroute, unseren Unterkünften und den genauen Ein- und Ausreisedaten angeben. Für eine Mitschülerin aus Saudi-Arabien die in Ecuador geboren wurde und sechs Jahre in den USA lebte, war es besonders schwer den Antrag auszufüllen. Als amerikanische Staatsbürgerin musste sie ihre kompletten Reiseziele und Reisezeiten der letzten zehn Jahre sowie den Reisegrund angeben. Nachdem die Anträge ausgefüllt und an die Konsularabteilung des Auswärtigen Amtes der Russischen Föderation in Hamburg geschickt wurden, erhielten wir zwei Wochen später die Visa. Ziemlich viel bürokratischer Aufwand, um überhaupt in ein Land einreisen zu können.

Kontrollen selbst im Zug

Und dann noch die ständigen Kontrollen auf der Reise: Schon als wir den internationalen Bereich des Flughafens erreichten, mussten wir erstmals unseren Reisepass vorzeigen. Ein Beamter der Bundespolizei hat jeden von uns gefragt, wo es hingeht. Von Flügen innerhalb Europas kenne ich das gar nicht, und war schon etwas verwundert und überrascht. Auch in Moskau erwartete uns eine Passkontrolle – eine für Einheimische, die andere für Ausländer. Man musste seinen Pass einer russischen Grenzbeamtin geben. Sie hat dann genauestens geschaut, ob mit dem Visum alles okay ist und ob der Reisepass auch wirklich einem selbst gehört. Von der Dame erhielt ich die sogenannte Immigration Card, die man während der Reise immer dabeihaben musste. Auf dem kleinen weißen Zettel musste akribisch genau eingetragen werden, in welchem Hotel wir übernachteten und von welcher Schule wir für die Reise eingeladen wurden. Mit der Immigration Card kann das Amt für Migration sehen, wann wir wo waren.

Wo ist mein Reisepass?

Und dann ist da ja noch das kleine Malheure im Zug. Bei jeder Zugfahrt mussten wir nicht nur unsere Tickets zeigen, sondern auch unsere , unser Visum und unsere Immigration Card. Und ich bin ja auch der Suche nach meinem Reisepass. Auch meine Immigration Card ist weg. Was das bedeutet?

Der Verlust muss natürlich bei der Polizei gemeldet werden, mit dem Anzeigenprotokoll ginge es dann zum Deutschen Konsulat in St. Petersburg und klar: Ich würde einen vorläufigen Reisepass für meine Auseise beantragen müssen. Und dann müsste ich nachweisen, wann ich wo in Russland war, damit die Immigration Card neu ausgefüllt werden kann. Als hätten wir nicht ohnehin genug Bürokratie erlebt.

Zum Glück kam dann alles doch anders. Es war ganz einfach: Eine unserer Lehrerin hatte den Reisepass (sicherheitshalber) in ihre Handtasche gesteckt. Doch kein zusätzlicher Stress. Doch keine weitere Bürokratie-Schleife.

Europa ohne Grenzen: Ein ganz schönes Privileg

Bei der Ausreise aus St. Petersburg hat der russische Zoll dann genau geschaut, ob man irgendetwas schmuggelt. Danach haben wir eingecheckt und mussten vor der Sicherheitskontrolle noch einmal alle unsere Tickets, Reisepässe und Visa zeigen. Beim Zwischenstopp in Moskau und der Ausreise aus Russland mussten wir uns wieder in eine ewig lange Schlange anstellen und unsere Reisepässe und Visa vorzeigen. Allen wurde die Immigration Card von den russischen Grenzbeamten abgenommen. Die Leute die uns kontrollierten waren alle sehr streng zu uns. In Hamburg mussten wir unsere Pässe dann noch ein letztes Mal vorzeigen.

Die Reise war ohnehin lehrreich, aber was sie auch gelehrt hat: Reisen mit ständigen Passkontrollen kann ganz schön anstrengend sein. Es war uns klar, dass es nicht leicht wird nach Russland zu reisen, aber dass wir so oft unsere Pässe und unser Visa vorzeigen mussten, war uns nicht bewusst. Ich bin froh, dass man in Europa ohne Visum einfach so von einem ins nächste Land ein- und ausreisen kann. Ich hoffe, dass das auch im Zuge der Flüchtlingskrise und der damit verbundenen Grenzkontrollen so bleibt. Es wäre eine riesen Aufwand und total nervig, wenn wir auch beim Reisen innerhalb Europas ständig Visa beantragen müssten. Unkompliziert zu reisen, das ist schon ein ganz schönes Privileg.

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