Deutschland verschrumpelt

10. Oktober 2012, 18:27 Uhr

Schlimmer geht's nimmer (außer bei den Japanern): Deutschland ist das Altenheim Europas. Selbst die Geburtenrate unter Migranten kann das nicht ändern. Die amtlichen Zahlen. Von Elias Schneider

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Sie haben uns auf die Welt gebracht - aber kaum Enkel: Rentnergeneration in Deutschland©

Im Jahr 2010 war nicht einmal jede siebte Person in Deutschland jünger als 15 Jahre und mehr als jede fünfte Person 65 Jahre und älter. Im weltweiten Vergleich schneidet laut Berichten der Weltbank einzig Japan noch schlechter ab.

Bei der Vorstellung der neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts am Mittwoch in Berlin wurde dann auch vor allem eines deutlich: Deutschland altert. In zum Teil erschreckendem Ausmaß. Die junge Generation schrumpft dramatisch, während der Anteil älterer Menschen stetig zunimmt.

Bezogen auf die Gesamtbevölkerung werden durchschnittlich nur acht Kinder pro 1.000 Einwohner geboren - die niedrigste Rate weltweit. Ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärken wird. Die Gruppe der 40- bis 60-jährigen stellt aktuell noch den Großteil der deutschen Bevölkerung. 2030 werden diese Babyboomer-Jahrgänge allerdings in die höheren Altersgruppen rücken und die Bevölkerung wird noch stärker altern als bisher. Die zahlenmäßig immer kleiner werdende junge Generation müsste die älteren Jahrgänge mit mehr und mehr Kindern ausbalancieren. Das funktioniert aber schon lange nicht mehr.

Baby-Soll: 2,1 - Baby-Fakt: 1,4

"Schon seit etwa 40 Jahren reichen die Geburten nicht mehr aus, um die Elterngeneration zu ersetzen", sagt Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes (Destatis), auf einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Statistischen Jahrbuchs 2012. Seit dem Rekordjahr 1964 mit 1,4 Millionen Babys hat sich die Geburtenzahl bis heute mehr als halbiert: Nur 663.000 Kinder wurden 2011 geboren - Ein Rückgang von 15.000 im Vergleich zum Vorjahr. Für ein ausgeglichenes Verhältnis müsste jede Frau durchschnittlich 2,1 Kinder gebären. "Tatsächlich liegt diese Zahl inzwischen relativ konstant bei etwa 1,4 Kindern je Frau." Diese Zahl hat sich seit 1990 trotz vieler familienpolitischer Reformen nur geringfügig verändert. In der Konsequenz gibt es immer weniger Frauen, immer weniger potentielle Mütter.

Auch die positiven Effekte der Migration bremsen die Altersspirale nur - stoppen können sie sie nicht. Die knapp 800.000 im Jahr 2010 nach Deutschland Eingewanderten waren im Durchschnitt 31,7 Jahre alt, während der Altersdurchschnitt der 671.000 fortgezogenen bei 34,9 Jahren lag. Die Geburtenrate ausländischer Mütter liegt bei durchschnittlich 1,6 Kindern.

Drohender Rentenkollaps

Durch die Alterung der Bevölkerung steigt auch die Herausforderung an das staatliche Rentensystem sowie die Anzahl pflegebedürftiger Menschen. Insgesamt waren in Deutschland im Jahr 2009 rund 2,3 Millionen Menschen über alle Altersgruppen hinweg auf häusliche Pflege angewiesen. Laut Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird sich diese Zahl im Jahr 2030 auf bis zu 3,4 Millionen Pflegebedürftiger erhöht haben - Rund eine Million mehr als 2009. Zur Abwendung des drohenden Rentenkollaps gibt es verschiedene Vorschläge. James Vaupel, geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, sagt gegenüber "Zeit" Online: "Ein Alter von 65 oder 67 Jahren zu einer magischen Zahl zu machen, ab der man plötzlich nicht mehr arbeiten kann, scheint mir ein Fehler zu sein." Derzeit sei die Arbeitszeit sehr ungleich auf die verschiedenen Altersgruppen verteilt. Bereits im Jahr 2007 hat Vaupel mit seinem Team ein Modell hierzu errechnet: "Es würde ausreichen, wenn alle im Alter von 20 bis 65 nur 25 Stunden pro Woche arbeiteten - vorausgesetzt, Menschen bis 70 Jahren beteiligen sich auch zu einem kleineren Teil." Mehr Zeit für die jungen Generationen, Kinder zu kriegen - dies wäre nur einer von vielen Vorteilen eines solchen Modells.

Nur ein Drittel lebt in Familien

Dass das höhere Alter nicht immer gleichbedeutend mit einer Verschlechterung der gesundheitlichen Lage und dem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt ist, beweisen auch die aktuellen Zahlen. Den stärksten Zuwachs aller Altersklassen bei der Erwerbstätigenquote verzeichneten Personen der Gruppe von 60 bis 64 Jahren. Während sich die Quote für Männer auf 52% verdoppelte, verdreifachte sie sich für Frauen auf 36%. Im Jahr 2011 waren 5% der Generation 65+ noch erwerbstätig. Für jeden Dritten dieser Gruppe war diese Tätigkeit auch die Quelle des überwiegenden Lebensunterhalts. Gründe für dieses Arbeiten im hohen Alter verraten die Zahlen nicht - eine magere Rente erscheint aber wahrscheinlich. Der Arbeitsdrang der Älteren beschränkt sich aber nicht nur auf bezahlte Tätigkeiten: Mehr als jede vierte Person der Generation 65+ engagierte sich 2009 ehrenamtlich.

Die Alterung der Gesellschaft reflektiert sich nicht zuletzt auch in veränderten Lebensformen: Es gibt weniger Familien, viele Alleinstehende, mehr Paare ohne Kinder. Nur 29% der Deutschen leben in Familien mit Kindern, die restlichen 71% haben entweder keinen Nachwuchs (28%) oder leben ganz allein (um 5 Prozentpunkte auf 43% angestiegen). Anders ausgedrückt: Im Jahr 2012 gibt es in Deutschland 1,4 Millionen weniger Familien als noch vor 15 Jahren. Während derselben Zeitspanne ist die Zahl der minderjährigen Kinder um 2,6 Millionen gesunken: Das ist mehr als die kombinierte Einwohnerzahl Münchens, Stuttgarts und Frankfurt am Mains zusammen.

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