"Bitte nicht mehr diese Anstalt"

11. Juni 2013, 19:12 Uhr

Zehn Jahre fragte keine Behörde nach. Nun ist Gustl Mollath als Zeuge im Untersuchungsausschuss zu seinem eigenen Fall aufgetreten. Er berichtete klar und sachlich - und bat um eine Art von Gnade. Von Lisa Rokahr, München

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Vor dem Landtags-Untersuchungsausschuss in eigener Sache: Gustl Mollath©

Acht Minuten dauert es, bis Gustl Mollath endlich das Wort hat. "Mein Name ist Gustl Ferdinand Mollath", gibt er zu Protokoll. "Zurzeit gegen meinen Willen untergebracht in der Psychiatrie Bayreuth." An diesem Dienstag durfte er raus - und vor dem Untersuchungsausschuss zu seinem eigenen Fall sprechen. Die Abgeordneten wollen prüfen, warum verschiedene Behörden Mollaths Hinweisen auf Schwarzgeldgeschäfte nicht ausreichend nachgegangen sind. Es geht in diesem Saal nicht darum, zu urteilen, ob Mollath zu Recht oder Unrecht in der Psychiatrie sitzt. Die Abgeordneten werden auch an seiner Unterbringung nichts ändern können. "Wir sind kein Gericht", sagt der Vorsitzende Florian Herrmann. Mollath nickt. Er weiß das.

Aber er spielt das Theater mit, es könnte ihm dennoch nutzen. Seinen Text kennt er, jeden Satz hat er schon einmal aufgesagt. Aber jetzt hat er Publikum. Das Drama ist zusammengefasst in einer Szene mit Florian Streibl, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses:
Streibl: "Hat jemals jemand von einer Steuerbehörde oder Staatsanwaltschaft mit ihnen über ihre Hinweise gesprochen?"
Mollath
: "Nein."
Streibl: "Hat jemals jemand nachgefragt, ob Sie weitere Beweise haben?"
Mollath: "Nein."
Streibl: "Hätten eine Behörde weitere Unterlagen bekommen können, wenn sie gefragt hätte?"
Mollath: "Ja." Streible: "Haben Sie noch mehr Namen, außer den in Ihrer Anzeige genannten?"
Mollath: "Mehr Namen wären nicht nötig gewesen. Hätte man damals ermittelt, wäre man in ein Wespennest gestoßen."

Erwas tun gegen dieses "System der Willkür"

Mollath fühlt sich sicher vor dem Ausschuss, er orientiert sich an seinen Unterlagen, erinnert sich an Namen, an Daten. Aber er fühlt sich nicht wohl. Er schaut nie in Richtung der Zuschauer, nicht zur Presse. Eigentlich wollte er nie, dass jeder sein Schicksal kennt, sein Gesicht in allen Zeitungen zu sehen ist. Aber die Öffentlichkeit ist seine letzte Chance. Die letzte Chance, seine Behauptungen überprüfen zu lassen. Und auch seine letzte Chance, jemals wieder aus der Psychiatrie zu kommen. "Ich bin kein angstvoller Mensch", sagte er schon, bevor er die Ladung für den Ausschuss bekam. "Obwohl ich weiß, dass der Ausschuss und ein möglicher Wiederaufnahmeprozess unangenehm für mich werden können." Aber die sieben Jahre in der Psychiatrie hätten ihm gezeigt, dass die Institutionen nicht funktionieren. Anzeigen, Beschwerden, das Rechtssystem – all das habe keinen Erfolg. Und für ihn geht es nicht länger nur um seine Person. "Ich muss etwas tun gegen dieses System der Willkür."

Mollath, der offiziell Irre, nimmt eine seltsame Position ein im Konferenzsaal des Landtags. Längst hat er nicht nur treue Unterstützer und einflussreiche Experten wie den Ministerialrat Wilhelm Schlötterer um sich geschart. Er zieht auch Verschwörungstheoretiker an und alle, denen vermeintlich Unrecht geschehen ist. So wie ihm selbst. Schon als er den Saal betritt: Gejubel, Klatschen, Anfeuerungsrufe. Einige haben Chips mitgebracht. Schon vor der Sitzung hörte man es unter den Zuschauern wispern und flüstern, über hochrangige Politiker, die Mollath selbst in die Psychiatrie schickten, weil es ihr Geld sei, dass in die Schweiz transportiert wurde. Und von der Hollywoodschauspielerin Sandra Bullock, die einst dieselbe Schule in Nürnberg besuchte und Mollath jetzt retten soll.

Mittendrin Mollath, dem kein Satz über die Lippen geht, den er nicht im Kopf dutzende Male vorformuliert hat. Keine unbedachte Äußerung, die er nicht versucht, sofort zu belegen. Jeden spekulativen Gedanken revidiert er sofort, sagt: "Ich kann sehr genau unterscheiden zwischen Beweisen, Indizien und Vermutungen. Ich bin nicht krank, ich habe keinen paranoiden Wahn."

Gustl Mollath sitzt seit 2006 in der Psychiatrie. Seine Frau zeigte ihn wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung an, auch Reifen soll er zerstochen haben. Am Ende der Verhandlung wurde Mollath freigesprochen, aber gleichzeitig auch für schuldunfähig erklärt. Gemeingefährlich sei er, leide unter einem paranoiden Wahn.

Er hatte im Laufe der Verhandlung auch ein 106-seitiges Konvolut eingereicht. Mit Biografie, Beschwerden über das Unrecht der Welt – aber auch mit Hinweisen auf Schwarzgeldverschiebungen in die Schweiz. Angestellte der Hypovereinsbank (HVB), darunter auch seine Frau, sollen Millionensummen über die Grenze gebracht haben. Mollath beschwerte sich darüber erst bei seiner Frau, dann bei deren Chef, und später auch bei Staatsanwälten, Finanzämtern, und Politikern. Am Ende erstattete er Anzeige.

Inzwischen bestätigt ein interner Revisionsbericht der HVB viele von Mollaths Vorwürfen. Und auch die Steuerfahndung Nürnberg-Süd hat inzwischen die Ermittlungen aufgenommen. Gut möglich, dass Mollath bereits 2003 die Namen einiger Personen nannte, gegen die heute ermittelt wird. Roland Jüptner, der Präsident des Bayerischen Landesamts für Steuern wollte dazu vor dem Ausschuss nichts sagen. Steuergeheimnis.

Welche Rolle spielte Günther Beckstein?

Mollath sagt: "Der Revisionsbericht beschreibt bei weitem nicht den Umfang, in dem Mitarbeiter der HVB und meine früheren Frau Geschäfte machten." Und er könnte Recht haben. Denn die HVB untersuchte arbeitsrechtliche Verfehlungen seiner Mitarbeiter, nicht eigene illegalen Geschäfte. "Bis heute hat die HVB kein Interesse, dass die Dimensionen ihrer damaligen Machenschaften ans Licht kommen", meint Mollath.

Ob sich seine Informationen jemals bewahrheiten lassen, er wagt das nicht zu hoffen. Er fürchtet, für immer in der Psychiatrie bleiben zu müssen. Darum richtet er zuletzt einen Appell an die Abgeordneten, der klingt wie ein Gnadengesuch: "Ich bitte Sie, lieber gehe ich ins Gefängnis, wähle eine Sicherheitsverwahrung", sagt er. "Aber bitte nicht mehr diese Anstalt. Diese rechtliche Möglichkeit wünsche ich mir."

Viele seiner hilfesuchenden Briefe gingen damals auch an Günther Beckstein. Sein Büro schickte Antwortschreiben. Sie klingen nach Muster. "Beckstein sagt heute, er würde mich nicht kennen, meinen Namen vorher nie gehört haben", sagt Mollath. Er zieht eine alte Weihnachtskarte hervor. Von Beckstein, persönlich unterschrieben. Beckstein ist Mollath heute näher als je zuvor. Nur ein paar Säle weiter spricht er im Untersuchungsausschuss "Rechtsterrorismus in Bayern – NSU". In Mollaths Ausschuss gibt es Stimmen, die den ehemaligen Ministerpräsidenten gerne auch mal befragen würden. Warum wurde den Hinweisen auf Schwarzgeldgeschäften nie nachgegangen? Warum wurde nie überprüft, ob Mollaths Wahn nicht vielleicht doch Wahrheit ist? Am Freitag wird sich die bayerische Justizministerin Beate Merk diesen Fragen im Ausschuss stellen müssen.

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