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8. Juli 2009, 06:19 Uhr

My home is my castle

Eine Rentnerin mit großem Herz ist der Liebling von Berlins Nachtschwärmern, die sie seit Jahren mit belegten Brötchen beliefert. Aber wie werden die Brötchen hergestellt? Die Ekel-Küche soll die Polizei möglichst nicht betreten. In ihrer Not greift die ältere Dame zu unkonventionellen Mitteln und landet letztlich vor Gericht. Von Uta Eisenhardt

 
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Seit 16 Jahren versorgen verschiedene Schrippenmuttis Berlins Partyvolk mit belegten Brötchen© Inge Schul/Imago

Schrippenmutti ist ein Berliner Original: Eine kleine, dicke Frau mit großem Herzen und einem reichen Schatz an Anekdoten, die kontinuierlich aus ihr heraussprudeln. Seit Jahren beliefert die gelernte Fleischmamsell Berlins Nachtschwärmer mit belegten Brötchen, Buletten und Salat. In ihren besten Zeiten verkaufte sie 800 Brötchen pro Nacht. Den Erlös verwendet sie zur Beköstigung von Obdachlosen: "Dit is meen Spleen", sagt Inge Schmitt* und zeigt stolz die Artikel, die über sie geschrieben wurden. "Ick hab tausend Freunde", sagt die 69-Jährige. "Aba ooch Neider." Einer von diesen muss sie vor einem Jahr bei der Lebensmittelaufsicht angezeigt haben. Damals klingelten zwei Außendienstler bei ihr und begehrten Einblick in ihre Küche.

"My home is my castle"

Bereitwillig ließ sie die beiden Kontrolleure in ihre Gewerberäume. Blitzblank und sauber sah es hier aus – zu sauber, wie den ungebetenen Gästen dünkte. Sie ahnten, dass die beanstandeten Schrippen nicht an diesem Ort geschmiert worden waren und wollten ihre Wohnküche inspizieren. Doch an diesem Punkt endete die Mitarbeit von Inge Schmitt. "My home is my castle", sagte sie. Ihre Privaträume dürfe niemand betreten.

Die beiden Kontrolleure holten die Polizei. Aber die Wohnungsinhaberin trotzte selbst dieser Staatsgewalt: Meine Schlüssel bekommt ihr nicht! Ihre Hand umschloss das Bund in ihrer Westentasche. Erfolglos zerrte eine Polizistin an diesem Arm. Ihr Kollege griff nach dem anderen Arm, mit dem die Widerspenstige die Schlüsselbund-Hand in der Westentasche festhielt. Da schnellte Schrippenmuttis Kopf plötzlich vor und biss den Beamten in den linken Oberarm. Die Quittung dafür war ein Strafbefehl über 2100 Euro (70 Tagessätze), der Inge Schmitt wegen Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ins Haus flatterte. Doch die Täterin widersprach dem schriftlichen Urteil. Sie möchte ihre Sicht der Dinge der Richterin lieber persönlich vortragen.

"Ick bin doch keen Vabrecha"

Sie sei damals nach langer Krankheit das erste Mal wieder am Schrippenschmieren gewesen, verteidigt sich die Angeklagte. Diese will sie in ihren Gewerberäumen produziert haben. Obwohl die Kontrolleure ihren Arbeitsplatz als "Vorzeige-Küche" bezeichnet hätten, verlangten sie Zutritt zu der "nich janz so schönen Seite", so Inge Schmitt. Die war wegen ihrer Krankheit und eines fehlenden Helfers, der kurz zuvor erschlagen worden war, nicht aufgeräumt. Ihre Wohnung habe aber gar nichts mit der Schrippenproduktion zu tun, dort hätte sie lediglich die Zutaten abgestellt. Vier Kühlschränke standen im Vorraum ihrer Wohnung: Drei seien wegen ihrer Krankheit ausgeschaltet und darum schimmlig gewesen. "Aba ick hatte noch nie Beanstandungen, Frau Richterin! Meine Kunden leben alle noch! Und ick hab Hunderte Kunden und nich zehn oda zwanzig", sagt die Angeklagte.

"Ick bin doch keen Vabrecha", sagt sie. "Müssen die nich einen Durchsuchungsbeschluss haben, wenn die meine Wohnung kontrollieren wollen?" Außerdem sei die Würde des Menschen unantastbar, das stehe schließlich im Grundgesetz. "Die könn´ ja ooch an eenem andern Tach kommen!" Geduldig beantwortet die Richterin alle Fragen: Es sei damals Gefahr im Verzug gewesen und der Polizist habe auch eine Würde. Sie verstehe ja, dass Inge Schmitt ihre unaufgeräumte Wohnung peinlich gewesen sei. Doch der Verdacht war nun mal in der Welt und die Lebensmittelkontrolleure hätten die Aufgabe, dem nachzugehen.

Schrippenmutti beißt Polizisten

"Aba der hat mir den Arm umjedreht", begehrt Schrippenmutti auf. Das sei kein Grund, einen Polizisten zu beißen, sagt die Richterin. "Ick hab aber nich doll jebissen", sagt die Rentnerin. "Der sollte bloß keene Faxen machen. Wenn ick richtich doll jebissen hätte, dann wäre der 14 Tage lang krank jewesen!" Die Richterin schlägt vor, den Polizisten zu fragen, wie sehr ihm das weh getan hat. Da seufzt die Angeklagte: "Hoffentlich tut er nich zu doll erzählen!"

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
choco68 (08.07.2009, 11:33 Uhr)
...und noch was....
...ich denke es geht hier nicht darum, wie sich die Tagessätze errechnen, Fakt ist, Widerstand gegen die Staatsgewalt, wo kommen wir hin wenn jeder sich so verhalten kann, Leute, bitte, diese blöden Sprüche:" immer auf die Kleinen", der ist recht naiv......
interpolantics (08.07.2009, 11:31 Uhr)
Klofetisch
Sie hätte die Klobrötchen als solche deklariert ja der entsprechenden Berliner Szene zukommen lassen können, aber so haben viele, die eigentlich normale Brötchen wollten, diese Spezialbrote bekommen. Das ist unschön.
choco68 (08.07.2009, 11:30 Uhr)
...ohne Worte.....
..also, um eins klar zu stellen, das ist eine bodenlose Frechheit was die Dame sich da geleistet hat.. mir kann keiner erzählen dass die "gute Dame" den Erlös gespendet hat, immerhin müsste sie ja beim Verkauf von ca. 800 Brötchen(sagen wir mal 0,75 .- cent das Stück) hat sie jeden Abend 600 € Umsatz gemacht, was bei einem Monat ( bei 25 Arbeitstagen) immerhin 15.000 .- € sind... es hat nichts mit Bürokratie zu tun wenn solche hygienische Maßnahmen in einem Land gelten, und die meisten sollten froh sein das es sie gibt, wer weiß was man sonst essen würde... wenn ich nur dran denke dass die Buletten neben dem Klo stehen und die dreckigen Katzenklos und der Gestak, PFUI TEUFEL, alleine bei dem Gedanken dreht sich mir der Magen um.... Strafe ist angemessen, der die richtet sich nach dem Umsatz, egal ob sie es danach spendet oder nicht, immerhin hat sie ja jetzt einen "angemieteten Raum" wo sie das machen kann, aber auch so würde ich bei der "guten Dame" einen Krümel esse, ekelhaft!!!!!
schnelltipper (08.07.2009, 11:29 Uhr)
Tagessätze, die zweite
Das mit den Tagessätzen scheint mir in der Tat kurios zu sein:
Der Strafbefehl lautete: 2100 Euro bei 70 Tagessätzen = 30 Euro/Tag.
Der Antrag der Staatsanwaltschaft: 1250 Euro? bei 50 Tagessätzen = 25 Euro/Tag.
Das Urteil: 1800 Euro bei 40 Tagessätzen = 45 Euro/Tag.
Drei unterschiedliche Tagessätze und ein geringerer Antrag im Strafmaß als im Urteil ist tatsächlich unwahrscheinlich. Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen Tippfehler: Die Staatsanwältin hat 2250 statt 1250 Euro gefordert zu einem Tagessatz von 45 Euro. Die Anzahl der Tagessätze wurden gegenüber dem Strafbefehl also verringert, die Höhe des Tagessatzes aber vergrößert.
Alles klar?
hardrain (08.07.2009, 11:01 Uhr)
Wir sind zu sensibel !
Wenn die Zumwinkels diesen Staat nach Strich und Faden betrügen - tja, dann ist das wohl so.
Und wenn Schrippenmutti die Bulettenpfanne neben ihrem sauberen Klo ablegt, dann kriegen wir das Kotzen. Herr Wachtmeister - wir sind einfach zu sensibel. Öfter mal was aus der Kloschüssel essen. Das empfehle ich den restlichen Kommentaren...
Tom3 (08.07.2009, 10:23 Uhr)
...jaja, die kleinen Leute...
...die kriegen immer die komplette Staatsmacht zu spüren u. dass auch noch mitten ins Gesicht...
.
ich weiss nicht, ob die Strafe wirklich angemessen ist, mir kommt sie auf jeden Fall deutlich überhöht vor...
klabautermann79 (08.07.2009, 08:56 Uhr)
Gut und schön,
dass die Schrippenmutti so ein großes Herz hat. Aber `n bißchen Hygiene sollte schon drin sein, wenn sie das Zeug anderen Leuten serviert. Auch wenn bis jetzt noch keiner dran gestorben ist. Dass die Richterin mit dem Strafmaß allerdings weit über das von der Staatsanwaltschaft geforderte geht, ist verwunderlich.
mutti1 (08.07.2009, 08:29 Uhr)
meine MEINUNG...................
na gut,warum sollte die frau nicht in ihrer gewerbe-küche braten und arbeiten? weil es zu teuer ist, unsere service-wüste ist doch deshalb so groß, weil arbeiten teuer ist, über 50 % für den staat, wenn man ehrlich abrechnet + strafmitgliedschaften, teure versicherungen etc.
erzählt das mal asiaten, den afrikanern oder den hungernden und in millionen-städten, mit so einer bürokratie und abzocke überlebt kein ehrlicher gewerbetreibendse, also schmiertt euch selbst brötchen ..............
Henning100 (08.07.2009, 08:01 Uhr)
Mitten aus dem Leben
Na, endlich mal etwas worueber man schmunzeln kann. Das ist doch Berlin wie es leibt und lebt. Erinnert mich sehr an ZILLE sein Milieu. Bitte mehr von diese Geschichten.
DarkSpir (08.07.2009, 07:21 Uhr)
Tagessätze?!?
1250 Euro (50 Tagessätze) entspricht 25 Euro Tagessatz.
1800 Euro (40 Tagessätze) entspricht 45 Euro Tagessatz.
Worin begründet sich die Differenz? Waren sich Staatsanwaltschaft und Richterin nicht einig, wieviel die Frau denn eigentlich verdient?
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