Eine Pizzeria wird überfallen. Dem Inhaber und seinen Söhnen gelingt es, den Räuber zu schnappen. Doch vor dem Berliner Amtsgericht findet ein Rollentausch statt: Die Opfer sitzen auf der Anklagebank, und der Räuber fordert Schmerzensgeld. Von Uta Eisenhardt

Die Kasse wollte er klauen. Stattdessen gab es Schläge - und der eigentliche Täter wurde zum Opfer© David Hecker/DDP
Kurz nach Mitternacht rannte ein Mann mit einer Kasse auf die unbeleuchtete Straße. Er kam nicht weit, nach zwanzig Metern hatten ihn die Söhne des Pizzeria-Inhabers eingeholt und brachten ihn zu Fall. Die Kasse fiel zu Boden und schlitterte über das regennasse Pflaster. Die Brüder, später noch deren Vater, rangen mit dem Räuber, der sich unter ihnen wand.
Als die Polizei eintraf, sah der Mann schlimm aus: Blut und Tomatenmark hatten ihn rot gefärbt, Gesicht, Brust und Ellenbogen waren geschwollen, später diagnostizierte der Arzt ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades. Deshalb schlüpft der Räuber in die Rolle des Opfers, wenn sich der Pizzeria-Inhaber und dessen Söhne wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen. Außerdem verlangt er 2500 Euro Schmerzensgeld.
Auch in jener Nacht im September 2008 forderte er Geld. Inhaber Khaled Al-Wazir* bot ihm zehn Euro und eine Packung Zigaretten an. Doch der Maskierte verlangte die komplette Kasse. Mit der Gaspistole dirigierte er den Vater und dessen Söhne Rabih* (26) und Ghassan* (25) in die Küche. Als der Inhaber nach einer Bratpfanne griff, schoss der Räuber.
"Ich habe den Angriff mit der Waffe erwidert, um mein leibliches Wohl zu sichern", sagt Thomas Semmler* mit gestelzten Worten, die eher Polizisten vor Gericht benutzen. Der 22-Jährige ist ein hübscher, schlanker Blonder mit gebräuntem Gesicht und blauen Augen. Es fällt schwer, die Tat mit ihm in Verbindung zu bringen.
Nach dem ersten Schuss, so der Pizzeria-Betreiber, prügelte er mit der Bratpfanne auf den Eindringling: "Ich habe mich gewehrt, er hat sehr oft auf mich geschossen, um mir Angst einzujagen", sagt der untersetzte 46-jährige Palästinenser. "Ich nahm Käse, Tomaten und bewarf ihn mit allem, was ich hatte." Seine Söhne verließen unterdessen den Laden durch den Hinterausgang - auf Geheiß ihres Vaters, der sich für sie opfern wollte.
Immer wieder schoss der Räuber auf Khaled Al-Wazir, dann zerrte er ewig an den Kabeln der Kasse. Nun floh auch der Inhaber aus dem gasgeschwängerten Raum. Er schloss die Ladentür und sah wie der Drogenberauschte mit einem Ruck die Kabel trennte. Dabei muss die Kassenlade heraus gefallen sein. "Später fanden wir das Geld auf dem Boden", sagt der Vater.
Der Eingesperrte schlug auf die gläserne Ladentür, bis diese zerbrach. Durch die Öffnung warf ihm einer der Brüder den Reklame-Aufsteller an den Kopf, gefolgt von einer Ladung Gemüse. Der Räuber schoss nach draußen, dann klemmte er sich die leere Kasse unter den Arm und rannte die Straße hinunter, bis die Brüder ihn von hinten packten.
"Vier Leute haben mich an Armen und Beinen festgehalten", sagt Thomas Semmler dem Gericht. "Sie prügelten mit einer Eisenstange wild auf mich ein." Wer schlug und trat, weiß er nicht. Erst die Polizei habe sein Martyrium beendet. Zwei Monate verbrachte er im Krankenhaus. Bei der polizeilichen Befragung habe er "irgendwelchen Mist erzählt": Er gab an, irrtümlich für den Täter gehalten worden zu sein.
Inzwischen ist die Frage seiner Schuld geklärt. Ein Jahr verbrachte er wegen "versuchter schwerer räuberischer Erpressung im minderschweren Fall", Sachbeschädigung und Körperverletzung in Haft, die restlichen sechs Monate wurden ihm erlassen. Heute lebt der ehemals obdachlose Drogenabhängige im betreuten Wohnen.