Aktenzeichen Sesamstraße

1. Februar 2013, 14:46 Uhr

"Bert ist böse", Bibo ein "kriminelles Superhirn" und das Krümelmonster klaut Bahlsen einen Keks. Sind die Figuren der "Sesamstraße" eigentlich eine Verbrecherbande? Von Thomas Schmoll

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Scherzkeks, Verbrecher oder beides? Der Bahlsen-Erpresser zeigt sich in seinem schlechten Kostüm©

Christian Pfeiffer ist einer der angesehensten Kriminologen der Bundesrepublik. Und - der Zufall wollte es so - ganz nah dran am momentan heißesten Tatort Deutschlands. Nur ein Kilometer Fußweg liegen zwischen dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, dessen Direktor er ist, und dem Stammhaus der Firma Bahlsen, die täglich viele tausend Kekse herstellt und trotzdem einen Keks zu wenig hat. Der ist vergoldet und wurde ihr geklaut. Für Pfeiffer ist "völlig klar: Das muss das Krümelmonster gewesen sein". Unter Nachahmung eines kräftigen In-Kekse-reinbeiß-Geräusches begründet er seine Mutmaßung wie folgt: "Wenn man den Heißhunger gesehen hat, wie der immer losgeht auf die Kekse, spricht alles dafür." Natürlich ist das augenzwinkernd gemeint.

Der Kriminologe gab jüngst dem NDR ein Interview, das zwischen feinsinniger Ironie und Ernsthaftigkeit pendelt. Das passt zur öffentlichen Debatte. Ganz Deutschland lacht sich schlapp über den Keks-Klau zu Hannover und schwankt zwischen Härte und Gnade für den Dieb. Was ist erlaubt? Wo hört der Spaß auf? Niemand kam körperlich zu Schaden, der Bösewicht gibt sich - hahaha - als Krümelmonster aus, veräppelt einen weltweit operierenden, vermögenden Konzern und fordert Kekse für kranke Kinder. Andererseits: Erpressung ist und bleibt Erpressung. Douglas Walbot, der deutsche Synchronsprecher der "Sesamstraßen"-Figur, meint: "Das Krümelmonster gehört zur Familie der Monster und nicht der Verbrecher. Das darf man nie vergessen. Es liebt Kekse. Und kann denn Liebe Sünde sein?"

Alles nur ein PR-Gag?

Ein Leserkommentar auf der NDR-Website fasst die Diskussion bestens zusammen: "Es bestreitet ja niemand, dass es sich um eine Straftat handelt. Wobei man dies noch genauer betrachten müsste: Eine Bereicherungsabsicht oder verwerfliches Handeln sehe ich beispielsweise nicht wirklich. Ein weiser Richter würde das Krümelmonster wegen groben Unfugs zu einigen Sozialstunden im Kinderkrankenhaus verurteilen (natürlich in voller Montur!)." In den USA wird mitdiskutiert: Auf dem Newsportal Gawker.com schreibt ein User: "Stehlen ist falsch, und Erpressung ist schlecht (...) aber das ist einfach nur hammermäßig."

Selbst der Chef der Firma, der ihr Wahrzeichen abhanden gekommen ist, meint: "Man kann damit humorvoll umgehen." Werner M. Bahlsen sagt jedoch auch: "Es ist eine Straftat. Wir lassen uns auf keinen Fall auf eine Erpressung ein." Kriminologe Pfeiffer glaubt: "Das war eine Jux-Geschichte, wo zwei Leute sich gegenseitig hochgeschaukelt haben. (...) Dann kommt Krümelmonster auf die verrückte Idee: Das mach ich tatsächlich und klaut das Ding und brüstet sich in der Öffentlichkeit und ist mal so richtig im Mittelpunkt des Interesses."

Da, wo es spektakuläre Verbrechen gibt, sind Verschwörungstheorien nicht weit. Vor allem dann, wenn Amerikaner mitmischen. Und schließlich ist das "Cookie Monster" ein US-Import. In Internet-Foren wird Bahlsen unterstellt, Werbung in eigener Sache zu machen. "Haben ja schon einige bemerkt, dass diese Geschichte eine wunderbare Werbekampagne ist - und (fast) ganz umsonst. Bin ich hier die Einzige, die annimmt, das waren die Bahlsens selbst?", fragt eine Userin im NDR-Forum. Nein, garantiert nicht. Es wimmelt von ähnlichen Einträgen in Internet-Foren. "Das ist kein PR-Gag", hält eine Sprecherin von Bahlsen dagegen. Sicher ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommt, dem Disney-Konzern eine clevere Werbekampagne anzudichten. Denn – Zufall oder nicht - das US-Unternehmen gab am Donnerstag bekannt, kommendes Jahr einen neuen Muppets-Film in die Kinos zu bringen. Er spielt in Europa und - man ahnt es schon – wird eine Gaunerkommödie nach dem Vorbild von "Der rosarote Panther". Die Muppets - viele Figuren sind mit denen aus der Sesamstraße identisch - verfolgen "Constantine, den weltgrößten Kriminellen", der Kermit "wie aus dem Froschgesicht geschnitten ist".

Lesen Sie auf der zweiten Seite alles über Berts schlimme Karriere im Internet

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