Das Wohl der Opfer ist das Maß

9. Januar 2013, 19:07 Uhr

Bei der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche ist es zum Bruch mit dem Kriminologen Pfeiffer gekommen. Doch das ist weder das Ende der Aufarbeitung, noch muss es ihr schaden. Ein Kommentar von Frank Ochmann

Wohin beim Stichwort "Missbrauch" auch jetzt wieder der erste Reflex zielt, ist klar: auf die Verantwortlichen der katholischen Kirche. Und die haben ihn sich selbst zuzuschreiben. Zaudern, zögern, zurückweisen – das war lange die Strategie beim Umgang mit einem Skandal, der nach etlichen anderen Ländern 2007 auch Deutschland erreicht hatte.

Zuvor gab es schon Hinweise und Einzelfälle. Doch erst vor fünf Jahren wurde das Problem in all seinen Dimensionen auch bei uns offensichtlich. Wenn jetzt also ein bis 2014 angesetztes Forschungsprojekt zu seiner Aufarbeitung abgebrochen wird, dann scheint das zunächst das gewohnte Bild zu bestätigen: Die Verantwortlichen in den deutschen Diözesen machen einen Rückzieher, weil ihnen die Sache zu heiß wird.

Womöglich ist das auch so. Sicher aber reicht das nicht zur fairen Beurteilung des Bruchs zwischen dem Verband der deutschen Diözesen (VDD) und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN). Zumindest ist das Forschungsprojekt damit nicht endgültig aufgegeben worden, sondern soll mit neuen Partnern fortgeführt werden. Zudem sollten einige Aspekte mitbedacht werden, die einem nur zu verständlichen Hau-drauf-Reflex entgegenstehen.

Unentschuldbares Versagen der Kirche

Die Kirche soll hier nicht in Schutz genommen werden. Denn durch nichts lässt sich rechtfertigen oder entschuldigen, was sich dort im Laufe der Jahre schon an Versagen gezeigt hat. Doch nur ein sorgfältiger Blick und eine klare Analyse dessen, was war und was noch ist, können wirksam helfen, künftiges Leid zu verhindern. Und darum muss es – neben dem Wohlergehen der schon zu beklagenden Opfer – vor allem gehen.

So war womöglich schon die Wahl von Professor Christian Pfeiffer als Kooperationspartner für die deutschen Bistümer keine wirklich kluge. Zwar gehört der Leiter des Hannoveraner Instituts zu den lautesten und in den Medien präsentesten deutschen Kriminologen, aber kaum zu den renommiertesten. Veröffentlicht wird meist in hauseignen "KFN-Forschungsberichten". Internationale Publikationen, die für die wissenschaftliche Reputation letztlich allein zählen, sind selten. Wenn etwa 2011 eine Untersuchung zur "Computerspielabhängigkeit im Kinder- und Jugendalter" in der deutschsprachigen Zeitschrift "Gynäkologische Praxis" oder auch dem Schwesterblatt "Chirurgische Praxis" erscheint, lässt sich auch für Laien erahnen, welche Bedeutung eine solche Studie hat. Denn entweder wurde sie bei einem internationalen Journal von Rang erst gar nicht eingereicht oder aber dort abgelehnt. Für beides müsste es Gründe gegeben haben.

Forschungsinstitut fehlt Expertise

Dass es in Hannover zumindest beim Thema der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an Expertise fehlte, war offenbar auch im KFN kein Geheimnis. Eben darum sollte Rat von außen eingekauft werden. Dann fragt sich der unbedarfte Beobachter allerdings, warum seitens der katholischen Kirche nicht gleich eine Kooperation mit jener Stelle angestrebt wurde, die offenbar auch nach Meinung Christian Pfeiffers dafür besonders geeignet war und darum in seiner Projektbeschreibung ausdrücklich erwähnt wird.

Gemeint ist das Institut für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin an der zur Humboldt-Universität gehörenden Berliner Charité. Unter der Leitung von Professor Klaus M. Beier ist dort der Kindesmissbrauch in all seinen Dimensionen seit vielen Jahren Thema. Analytisch-diagnostisch, therapeutisch und auch präventiv. Ein Vergleich der Publikationslisten in Berlin und Hannover zeigt jedenfalls, wo wünschenswerte Kompetenz zu finden ist und wo eher nicht.

Dass die externe Expertise seitens der Kirche nicht prinzipiell gescheut wird, zeigt die Zusammenarbeit mit Professor Norbert Leygraf, dem Direktor der forensischen Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen und seinen Professoren-Kollegen Hans-Ludwig Kröber aus Berlin und Friedemann Pfäfflin aus Ulm. Nach der Untersuchung von 78 Fällen aus den Jahren 2000 bis 2010 kam Leygraf vor vier Wochen zu dem Schluss, dass sich darin gravierende Unterschiede zu den Befunden in der Allgemeinbevölkerung nicht feststellen lassen.

Direkte Zensur durch die Kirche unwahrscheinlich

Weder sind besonders viele Priester pädophil, noch scheint im Klerus eine durchweg höhere psychische Belastung als unter uns Normalsterblichen vorzuliegen. Keiner der an dieser, ebenfalls von den Bischöfen beauftragten, Studie Beteiligten hat sich über Bevormundung oder sonstige unzulässige Eingriffe in die Arbeit beschwert. Auch das ist ein Faktum, das in diese Debatte gehört. Und ganz ähnlich ist eine wissenschaftliche Konferenz zu bewerten, die von der Päpstlichen Akademie für das Leben 2003 in Rom abgehalten wurde und zu der die Vortragenden keineswegs nach dem Grad der Frömmigkeit eingeladen worden waren. Geheim gehalten wurden deren Analysen und Empfehlungen ebenfalls nicht. Seit 2004 sind sie als Buch erhältlich.

Es ist also eher unwahrscheinlich, dass der Bruch zwischen dem KFN und den deutschen Bistümern jetzt durch übermäßige Einflussnahme der Bischöfe oder direkte Zensur der Ergebnisse verursacht wurde, so sehr der Verdacht nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit auch naheliegen mag. Abgesehen davon war zu Beginn des Projektes sogar vereinbart worden, dass "jeder Textentwurf für geplante Datenerhebungen, für Gesprächsleitfäden, für Zwischenberichte, abschließende Forschungsberichte oder Presseerklärungen" mit den Vertretern der Diözesen abgestimmt und die jeweilige Endfassung dann dem Verband der Diözesen zur Verfügung gestellt wird. So steht es jedenfalls auch in einem zusammenfassenden Bericht des KFN vom Juli 2011.

Auch Priester haben Recht auf Datenschutz

Wurden seitens der Bischöfe Daten und Akten zurückgehalten? Vielleicht. Ganz sicher aber haben auch Priester ein grundsätzliches Recht auf Datenschutz. Alles andere ist weder mit kirchenrechtlichen noch weltlichen juristischen Maßstäben vereinbar. Natürlich ist schon deshalb kein uneingeschränkter Zugang zu Personalakten möglich, wie er immer wieder einmal leichtfertig gefordert wird. Wie absurd das wäre, lässt sich schnell an einem "weltlichen" Beispiel begreifen. Dass einige Angestellte einer deutschen Großbank zweifelsfrei und auch gravierend kriminell vorgegangen sind, kann doch keine Rechtfertigung dafür bieten, alle Angestellten dieser Bank oder gar aller Banken unter einen Generalverdacht zu stellen und ihre Akten zu durchleuchten.

Was niemand von uns zulassen würde, kann also auch nicht für Kleriker gefordert werden. Wenn es um Missbrauch geht, speziell sexuellen Missbrauch, dann lauert die Gefahr für Kinder ohnehin nicht zuerst im Beichtstuhl oder in der Sakristei, sondern eher zuhause auf dem Sofa. Das zeigen alle entsprechenden Statistiken. Allzu schnell wird manchmal in der öffentlichen Debatte aus einem gesamtgesellschaftlichen Problem ein kirchliches. Solche Verdrängungen aber führen am Ende nur zu neuen Problemen und neuen Opfern.

Wann es Zeit für Vergebung ist, entscheiden nicht die Täter

Wie schon zu Beginn gesagt: Um die Opfer muss es vor allem gehen. Nun lässt sich das, was sie schon erlitten haben, nicht mehr rückgängig machen. Allerdings darf diese Feststellung von der Kirche nicht angeführt werden, um finanzielle Entschädigungen zu verweigern oder auf eine so lächerliche Summe wie 5000 Euro pro Fall zu beschränken. Von der war zumindest 2010 die Rede. Es sollte gerade in der Kirche klar sein, dass es nicht der Täter ist, der das Strafmaß festlegt. Und es sind auch nicht die Täter oder die für sie Verantwortlichen, die sagen könnten, wann es Zeit für Vergebung ist.

Was kann die Wunden heilen, die den Opfern zugefügt wurden? Damit wenigstens nicht neue dazukommen, ist die Vorbeugung so wichtig. Hier muss eine gründliche und möglichst vorurteilsfreie Analyse der Verhältnisse innerhalb und außerhalb der Kirche dazu führen, dass Maßnahmen erarbeitet werden können, die den Namen Prävention auch verdienen. Dass das Institut von Christian Pfeiffer daran nicht mehr beteiligt sein wird, muss diesen Weg aber nicht unbedingt erschweren.

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