Erst brach die Flut über den Prager Zoo herein, jetzt folgt eine Welle der Hilfsbereitschaft - und des Protests. Tierfreunde sind erbost, dass einige ihrer Lieblinge starben.

Elefantenbulle Kadir, 35, musste erschossen werden, um seinen stundenlangen Kampf gegen das Ertrinken zu beenden: "Viele suchen jetzt einen Sündenbock"© Michael Fokt / CTK
Zoodirektor Petr Fejk überkommen in diesen Tagen Zweifel am Verhalten der Spezies Mensch. Zum Beispiel, wenn sich durch das Fiepen seines Handys wieder eine SMS ankündigt. "Bastard" liest er dann oder: "Warte nur?" oder: "Du Mörder!" Tierfreunde senden ihm diese Hassbotschaften, seit Zeitungen die Nummer seines Mobiltelefons in den Hilfsappellen für den flutgepeinigten Prager Zoo veröffentlichten. Denn Fejk war es, der beim Evakuieren von über 1000 Tieren auch den Tod einiger seiner Schützlinge abnickte. Im Leben der Tiere in freier Wildbahn mag Töten und Sterben ja übliches Phänomen sein, aber bitte nicht im Zoo!
Misha, der Bär, sechs Jahre alt, starb an Atemdepression, nachdem ihm Tierarzt Roman Vodicka eine durchaus riskante Dosis des Narkotikums Ketamin gespritzt hatte. Bert, der Löwe, zehn Jahre alt, wurde mit einer Überdosis Immobilon eingeschläfert. Nilpferdstute Lentilka, 14, wurde erschossen, weil sie in Panik Pfleger gefährdete, Elefantenbulle Kadir, 35, um seinen stundenlangen Kampf gegen das Ertrinken zu beenden. Das Publikum litt mit. "Viele suchen jetzt einen Sündenbock", sagt der Zoodirektor. "Der bin ich."
Fejk ist einer der wenigen im Prager Zoo, deren Bürowände nicht nur Tierbilder zieren. 37, sportlich, Schnelldenker, ein hartnäckiger Manager mit Gefühl für Natur. Seit sechs Jahren leitet er die Direktion, hatte "vorher wenig mit Tieren zu tun und viel mit dem Philosophiestudium". Er fragt sich, warum kaum jemand die Namen der 14 in Tschechien ertrunkenen Menschen kennt, aber fast jeder die der neun toten Säuger aus seinem Zoo. Warum ein Zwergseebär die Leute mehr bewegt als das Leid von Menschen, deren Häuser im Arbeiterviertel Karlin zusammenstürzten? Die Robbe machte Schlagzeilen. Gaston schwamm aus dem Becken rund 400 Kilometer elbabwärts und wurde im deutschen Wittenberg eingefangen. Beim Rücktransport verendete er im Auto seiner weinenden Pfleger.
"Vielleicht ist es das schlechte Gewissen", sagt Fejk. "Anders als wir Menschen hatten die Tiere in der Flut keine Chance, sich selbst zu retten. Ein Zoo ist wie ein Gefängnis für die Tiere, die der Mensch aus der Natur herausgerissen hat. Das wurde uns dramatisch vor Augen geführt."
Prag gilt weltweit als ein moderner Tiergarten im Aufbruch. Der neue Direktor hatte die Philosophie geändert. Weg vom Ideal des Zucht- und Sammelbetriebs für seltene Arten. Statt keimfreier Kachelkäfige setzte Fejk auf Großgehege, Gruppenhaltung, reizreiche Umwelt. Weniger Langeweile für Besucher und Tiere. Der Zoo als klug inszenierte Wildnis mit 400 Arten auf 60 Hektar - eine Werbung für die Natur. 700 000 Besucher im Jahr sollten ein Gefühl fürs Ökosystem des Planeten bekommen.
Nach der großen Flut herrscht seltsame Stille auf dem Gelände. Ein Sommertag mit Nieselregen. Noch ist der Tiergarten für Besucher geschlossen, zwei Fünftel der Ausstellungsfläche hat das Hochwasser verwüstet. Wortlos fahren Pfleger der Morgenschicht Schlamm in Schubkarren weg. Das Platschen von Gummistiefeln auf glitschigen Planken ist lauter als das Pfeifen und Kreischen aus den Volieren hinter dem Eingang. 90 Vögel sind tot. Auf dem Fußboden unter den Leguankäfigen bewegen sich drei zugeschnürte Leinensäcke mit fünf Pythonschlangen. Im Brutkasten lagern bei 30,8 Grad die sechs geretteten Leguaneier, ein Jungtier ist gerade geschlüpft.