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14. Oktober 2006, 19:01 Uhr

Kevin schon als Baby misshandelt

Zwei Kinder starben diese Woche, eines wurde lebensgefährlich verletzt. Dabei waren im Fall Kevin die Warnsignale nicht zu übersehen: Der Junge war bereits vor zwei Jahren brutal misshandelt worden.

Blumen und Stofftiere liegen in Bemen vor dem Wohnhaus, in dem Kevin gefunden wurde. Er lebte bei seinem drogensüchtigen Vater© Marcus Posthumus/ddp

Die Problemfamilien in Bremen sollen nun engmaschiger kontrolliert werden. "Wir müssen wissen, wie es diesen Kindern geht", sagte Bürgermeister Jens Böhrnsen. Der kommissarische Sozialsenator Willy Lemke kündigte an: "Wir werden die Strukturen in der Jugendhilfe ohne Wenn und Aber überprüfen." Nach Informationen des "Focus" hatten die Eltern Kevin bereits Ende September 2004 mit schwersten Verletzungen in eine Bremer Kinderklinik gebracht. Aus den Ermittlungsakten gehe hervor, dass er einen Schädelbruch erlitten hatte sowie beide Unterschenkel und mehrere Rippen gebrochen waren. Hinzu komme ein früherer Unterarmbruch. Die Klinik informierte das Jugendamt, es wurde aber keine Strafanzeige gestellt.

Das Jugendamt war für Kevin von Geburt an zuständig, weil dessen drogenabhängige Mutter als gewalttätig galt. Sie starb im November 2005. Danach übernahm das Jugendamt die Vormundschaft für das Kind. Vergangenen Dienstag fanden Polizisten, die Kevin im Auftrag des Jugendamtes abholen sollten, den Jungen tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Vaters. "Eine solche Katastrophe darf sich nicht wiederholen", betonte Lemke im Berliner "Tagesspiegel am Sonntag". "Der Staat hat klar versagt."

Kind aus Geldmangel vernachlässigt?

Der Grünen-Politiker Jens Crueger sagte dem "Focus", intern habe es in Bremen Anweisungen gegeben, Kinder länger in den Familien zu lassen: "Anstatt einer empfohlenen Heimunterbringung drängten Vorgesetzte auf die billigere Betreuung durch eine Pflegefamilie." Rita Süssmuth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, forderte, den Schutz von Kindern ins Grundgesetz aufzunehmen. Sie sagte demselben Blatt: "Es darf nicht sein, dass ein Kind in Lebensgefahr gerät, nur weil es Kosten verursacht." Auch die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Renate Künast, übte Kritik: "Weder Behörden noch Politiker können sagen, sie hätten nichts gewusst. Trotz deutlicher Warnungen ließen sie den Jungen bei seinem Vater."

In einem Beitrag für die "Bild am Sonntag" forderte sie Beamte mit Zivilcourage. Künast kritisierte aber auch, dass Jugendämtern der Geldhahn zugedreht werde und die Mitarbeiter oft bis über ihre Grenzen belastet seien. "Was nützt ein Modellprojekt á la von der Leyen, wenn wir nicht an den Kern des Problems herangehen", meinte Künast. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sagte dem "Tagesspiegel", das von ihr angekündigte Frühwarnsystem für vernachlässigte Kinder habe großes Interesse bei den Kommunen gefunden.

Kevin ist kein Einzelfall Im bayerischen Berg am Laim hat eine völlig betrunkene 46-Jährige am Mittwochabend ihren Sohn mit dem Küchenmesser beinahe erstochen. Der schon erwachsene Halbbruder hörte die Schreie, entriss der Mutter das Messer und brachte den Jungen in Sicherheit. Der 2-Jährige musste eine Notoperation an der Lunge über sich ergehen lassen.
In Sangerhausen, Sachsen-Anhalt, starb ein 52 Tage altes Baby, die Mutter gilt als Alkoholikerin. Über die Todesursache ist bislang nichts bekannt, aber der Kindsvater erhebt schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt: Er habe mehrfach auf das Alkoholproblem der Mutter hingewiesen, nichts sei geschehen.

AP
 
 
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