Fehlende Freier, fallende Preise, falsche Hoffnungen: Im Puff herrscht tote Hose. Doch das Milieu gibt nicht auf. Discount-Bordelle, Wellness-Tempel und Sexpartys für jedermann sollen in die Zukunft führen. Die Kleinen des Gewerbes setzen auf Rabatte, Großinvestoren auf exotische Männerfantasien. Von Kuno Kruse

Anschaffen mit Arbeitserlaubnis: Das Personal aus Osteuropa will Geld für ein besseres Leben in der Heimat verdienen© Fred Stäfken
Gastgeberin Nicci, Körbchengröße E, reißt entschuldigend die Schultern hoch. "Warte, muss mir nur schnell die Brust abwaschen", sagt sie, huscht splitternackt zur Dusche, wirft noch einmal den Kopf über die Schulter und verzieht den getünchten Schmollmund, "klebt so".
Es ist wieder "Party" in einem Hamburger Keller. An der Bar liebevoll zubereitete Schnittchen, Gurken, Würstchen, Kerzen, Konfekt und Kondome. Im Raum Sofalandschaften und viel sichtfreie Liegefläche für gruppendynamische Prozesse.
"Man muss sich immer wieder was Neues einfallen lassen", sagt die Gastgeberin, während sie an der Bar stehend einem Neuzugang hinter ihr den nackten Po über den Frotteegürtel reibt, dass sich sein Bademantel öffnet. "Sonst kannst du mit Ficken nicht mehr überleben."
Heute ist Aktionstag, zum Sonderpreis, mit, wie Nicci sagt, "allem Drum und Dran und Drin". Bei so vielen Schnäppchenjägern gehen nachmittags die Bademäntel aus, und Aushilfskraft Carmen klopft mit der Hand aufs Bett wie ein besiegter Ringer auf die Matte: "Pause! Ich kann nicht mehr."
Die Gäste: Handwerker, Techniker, IT-Berater und ein Hochschulprofessor. Gespräche am Tresen: HSV, die Börse, gespritzte Lippen und die süßen Welpen, alles wie unter Nachbarn in der Eckkneipe. Ein gerade ausgewachsener Michel aus Lönneberga, einfältig stolz dabeizusitzen, findet es "toll, was für Tricks die draufhaben und was für Spaß!" Die Party-Fee neben ihm rollt mit den Augen. Aber Nadja, seit Stunden bestiegen, stimmt ein: "Besser hier, als in einem Puff Stunde um Stunde auf einen Freier zu warten."
Denn es herrscht Baisse in den Bordellen, Depression in vielen Rotlichtbars, wo einsame Frauen, vom eintretenden Gast aus dem Halbschlaf gerissen, gelangweilt die Beine übereinanderschlagen. Die Münder formen sich zu einladendem Lächeln, eine springt zur Tanzstange, als hätte jemand ein Geldstück in einen Automaten gesteckt. "Wenn du heute mit 50 Euro nach Hause gehst, kannst du zufrieden sein", sagt eine Dame, die schon so viele Jahre auf einem Barhocker wartet, dass sie auch kleine Scheine als persönliches Kompliment zu nehmen weiß. "Zu Hause fällt mir doch nur die Decke auf den Kopf."
4300 Prostituierte veranschlagte die Polizei vor zehn Jahren allein in Hamburg. Heute hat sie nur noch 2400 auf dem Schirm, in Laufhäusern und Klubs, an Bordsteinen und in den rund 350 "Modellwohnungen", die über das ganze Stadtgebiet verstreut sind. "Die Differenz ist auch darauf zurückzuführen, dass wir heute einen besseren Überblick haben", sagt Detlef Ubben, Leiter der Milieu-Dienststelle des Hamburger Landeskriminalamts, "aber es sind tatsächlich viel weniger geworden."
Auf der Großen Freiheit überstrahlen Disco-Spots das betagte Rotlicht. Angesagte DJs, aseptischer Tabledance und Discount- Kneipen statt abgenutzter Separees.
Die bedrängte Reeperbahn ist das Schaufenster eines Strukturwandels, der die Rotlichtzonen der gesamten Republik durchzieht: In Hannover hat sich das verruf ene Steintor zur Partyzone aufgebrezelt. In Köln wirbt das einst so erfolgsverwöhnte Großbordell Pascha mühsam um Kunden: Shuttle-Service für das ganze Ruhrgebiet, Seniorennachmittage, halber Preis für Golfspieler, 30-Euro-Expresstage bei den "Girls" in der ersten Etage oder Aktionen wie Tatjanas "Blasrekord": 148 Ergüsse in sieben Stunden - alle drei Minuten einer. Als wäre es eine Clownsnummer auf dem Sommerfest im Autohaus.
Die Kleinanzeigenseiten der Boulevardblätter sind ausgedünnt. "Modelle" jeden Alters, jeder Nationalität und jeder Gewichtsklasse präsentieren sich heute, die Beine gespreizt, im Internet, bieten günstig alle Stellungen, Naturmund oder Natursekt, Spanisch, Griechisch, Russisch, Kaviar - manierliche Code-Worte für wenig distinguierte Vorlieben. Schon fürchten Marktpessimisten die digital gesteuerte Triebabfuhr via Internet. Ein erheblicher Teil der Nachfrage erledigt sich inzwischen manuell am Bildschirm.
Pfennigfuchsende Freier tauschen sich in Foren über Preis-Leistungs-Verhältnisse aus, "erste Stellung hinten, kaum mitgegangen", oder sie klagen über abtörnende Kommentare wie "Na, wird's bald?" oder "Geht doch …". Dabei geht es in den Foren eher um Dienstwillig- als um Freundlichkeit, und mancher Kommentar offenbart tiefste Menschenverachtung: "Da stehe ich doch lieber auf verschleppte Ausländerinnen, albanisch."
Die Chance, auf solche Verbrechensopfer zu treffen, wird in Veröffentlichungen auf 1:10 geschätzt. "Da gibt es keine wirklichen Zahlen und gar nicht so viele Fälle", sagt Ubben, "95 Prozent kommen mit Absicht als Prostituierte nach Deutschland." Doch viele unter falschen Annahmen. "Irgendwann erreichen sie einen Punkt, an dem sie sich verweigern." Dann erst spüren sie die Knute. Die Frauen werden in Schuldenfallen gelockt und so zu Sklavinnen gemacht, die die angeblichen Unkosten ihrer "Vermittler" niemals abarbeiten können. Es sind keine Gitterstäbe, es sind die Angst vor Prügel und die Drohungen gegen die Familien in der Heimat - und manchmal einfach die Scham -, die sie von der Flucht abhalten.
Die Wahrscheinlichkeit, auf kriminelle Strukturen zu stoßen, ist vor allem in versteckten Ecken des Gewerbes hoch, wo es keine Puffmütter mehr gibt und auch kein Milieu. So verdrängen in Großfamilien eingebundene Rumäninnen mit "20 Euro, alles machen" in Hamburg-St. Georg willenlose Heroinmädchen. Für die jungen Frauen ist Misshandlung oft der Väter Art. "Sie haben keinerlei Opferbewusstsein", sagt Ermittler Ubben.
Für die Frauen des Gewerbes verschärft die EU-Erweiterung die Krise. Die Alteingesessenen wie Uschi aus dem Ruhrpott schimpfen auf die "Billigweiber", die für 20 Euro alles machen. "Aber dann", sagt sie und hält inne, als hätte sie sich selbst ertappt, "siehst du das Schicksal dahinter." Gerade habe sie in einem Laufhaus im Ruhrgebiet wieder junge Tschechinnen getroffen. "Ein ganzer Bus voll, alle rübergekauft. Dürfen nicht raus, verdienen das Geld nicht, sich freizukaufen. Bekommen eine Schachtel Zigaretten am Tag und zehn Euro zum Essen." Nach einem tiefen Zug aus der Mentholzigarette sagt sie: "Ich würde sie so gern alle mitnehmen und nach Hause bringen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2009