24. Juni 2011, 09:07 Uhr

Geschäftsmodell "Rumänen-Entsorgung"

Immobilienunternehmer in Berlin haben offenbar ein neues Geschäftsfeld entdeckt: Sie vermieten zu stolzen Preisen Wohnungen an Roma - unter dem Siegel der Gemeinnützigkeit. Die Behörden schauen weg. Von Hans-Martin Tillack, Berlin

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Wohnhaus Genthiner Straße 4: Roma-Mieter benähmen sich ja "eher wie Tiere"©

Als Unternehmer ist Lutz Thinius mit dem Scheitern vertraut. Bereits mehrfach schlitterten Firmen des Immobilienkaufmanns in die Pleite. Im Juni 2009 zum Beispiel wies das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg sogar einen Antrag des Finanzamtes für Körperschaften zurück, das als Gläubiger die Eröffnung des Insolvenzverfahrens über eine Thinius-Firma beantragt hatte: "Eine den Kosten des Verfahrens entsprechende Masse", so das Gericht, sei "nicht vorhanden".

Jetzt widmet sich der Fan von Dessouspartys und Anhänger von Karl-Theodor zu Guttenberg einem neuen Betätigungsfeld. Thinius macht Geschäfte mit Roma, vor allem aus Rumänien - und das mit dem Siegel der Gemeinnützigkeit, also weitgehend steuerfrei.

Wasserschaden an der Decken, es stinkt nach Schimmel

Der von dem 47-Jährigen geführte Verein Humanitas Kinderhilfe Berlin-Brandenburg vermietet seit etwa eineinhalb Jahren in mehreren Häusern in Berlin Wohnungen an die ungeliebten Einwanderer. "Wir sind als gemeinnütziger Hilfsverein gebeten worden, uns dieser Personen anzunehmen, damit diese nicht mehr in den umliegenden Parks übernachten", brüstet sich Thinius.

Gute Taten also, und sie scheinen finanziell lukrativ sein: Denn Humanitas nutzt gerne Wohnungen, die nicht so aussehen, als ließen sie sich auf dem freien Markt leicht vermieten. Zum Beispiel eine Wohnung des Vereins in Berlin-Tiergarten, die der stern im Mai besichtigte. An der Decke breitete sich ein massiver Wasserschaden aus, es stank nach Schimmel. Oder eine Bleibe in dem Haus Genthiner Straße 4, ebenfalls in Tiergarten. Die ISB Immoservice GmbH, die laut Handelsregister dem mit Thinius bekannten Immobilienhändler Thomas K. gehört, hatte sie 2009 für bescheidene 22.500 Euro gekauft. Humanitas mietete sie für eine monatliche Warmmiete von 410 Euro von ISB und vermietete sie für 600 Euro an Roma weiter - ein ungewöhnlich hoher Aufschlag von fast 50 Prozent.

Humanitas argumentiert, dass der Verein ja auch "für eventuelle Mietausfälle vollständig selbst haftet". Aber von dem hohen Mietaufschlag kann auch die Firma ISB profitieren, denn sie sicherte sich per Vertrag mit Humanitas einen bis zu zehnprozentigen Untermietzuschlag. Laut Berliner Mieterverein dürfen Vermieter solche Aufschläge eigentlich gar nicht verlangen. Aber ISB-Besitzer K. hat noch ganz andere Probleme. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Betrug und Untreue - Vorwürfe, die er bestreitet.

Zu den sieben Gründungsmitgliedern von Humanitas gehören neben Thinius persönlich weitere Geschäftspartner aus dem Baugeschäft, ein Barbetreiber sowie zwei Immobilienfirmen, die zufälligerweise beide von Thinius kontrolliert werden. Finanz- und Tätigkeitsberichte mochte der Verein auf Anfrage des stern nicht herausgeben. Nach eigenen Angaben arbeitet der Verein mit anderen Hilfsorganisationen zusammen, wie dem vom Berliner Senat geförderten Hilfsverein Amaro Drom. Der sorge dafür, dass die Kinder der Roma-Mieter eingeschult würden. Doch Amaro Drom widerspricht: "Wir kooperieren in keiner Weise mit Humanitas."

"Man kann froh sein, dass es Humanitas gibt"

Doch das Geschäftsmodell des Vereins scheint auch deshalb zu funktionieren, weil die Berliner Behörden den Verein bisher nicht allzu scharf unter die Lupe nahmen. "Man kann eigentlich froh sein, dass es Humanitas gibt", bekennt ein Behördenmann - weil die Roma nun nicht mehr im Freien übernachten.

Vereinschef Thinius erweckt gelegentlich sogar den Eindruck, er sei überhaupt erst auf Bitten offizieller Stellen aktiv geworden. "Sie können davon ausgehen, dass befreundete Vereine, die auf unserer Seite stehen, auch Kontakt zu einflussreichen politischen Ebenen haben", schrieb der Verein einem Anwohner, der die Überbelegung von Roma-Wohnungen in seiner Nachbarschaft beklagte. "Die von Ihnen beabsichtigte Ausgrenzung der rumänischen Familien (EU-Bürger)" komme "in der Öffentlichkeit" ganz schlecht an, mahnte der Verein den Bürger.

Vorstand Thinius selbst äußert sich nicht immer so ausländerfreundlich, zumindest wenn er mit Immobilienbesitzern korrespondiert. Seine Roma-Mieter benähmen sich ja "eher wie Tiere", klagte er mehrmals in Mails. Aber der Verein werde ja von den Behörden "ziemlich allein" gelassen. Und zwar bei der - so formulierte es Thinius wörtlich - "Rumänen-'Entsorgung'".

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Von Hans-Martin Tillack, Berlin
 
 
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