Die Lage nach dem Ebola-Ausbruch in Zentralafrika bleibt ernst, aber internationale Experten sehen keine Gefahr für eine Pandemie. Das sagte Lucille Blumberg, die Vorsitzende des Ebola-Notfallausschusses aus unabhängigen Spezialistinnen und Spezialisten, der die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf berät. "Wir sind auch der Meinung, dass dies die Kriterien für einen Pandemie-Notstand nicht erfüllt", sagte sie.
In der Demokratischen Republik Kongo und Uganda gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen mehr als 500 Verdachtsfälle und mehr als 130 vermutete Todesfälle, der Großteil davon im Kongo. Einige Dutzend Fälle wurden bislang im Labor bestätigt.
Die WHO geht davon aus, dass die wahre Zahl deutlich höher liegt, weil nicht alle Krankheitsfälle gemeldet werden. Der Ausbruch passiert in der Unruheprovinz Ituri, wo nach Kämpfen rund 100.000 Menschen auf der Flucht sind. In solchen Situationen ist eine gute Gesundheitsversorgung schwierig. Die Provinz grenzt an Uganda und Südsudan.
Infizierter Amerikaner in der Charité
In Berlin kam unterdessen in der Nacht in einem speziell ausgestatteten Krankentransporter der amerikanische Arzt an, der sich im Kongo angesteckt hatte. Er wurde auf Bitten der US-Behörden in Deutschland aufgenommen. "Zum jetzigen Zeitpunkt äußern wir uns nicht zum Gesundheitszustand des Patienten", teilten das Bundesgesundheitsministerium und das Krankenhaus Charité mit. Der Mann befindet sich in der geschützten Sonderisolierstation des Universitätsklinikums.
Eine Pandemie-Notlage zu erklären wäre die höchste Alarmstufe, die die WHO verhängen kann, damit Länder umfangreiche Schutzmaßnahmen ergreifen. Anders als das Virus, das die Covid-Pandemie ausgelöst hat, wird das Ebola-Virus aber nur durch engen Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeiten von Infizierten übertragen, nicht durch zufällige Kontakte mit der Person, sagte Blumberg.
"Keine Reisebeschränkungen vorgesehen"
Deshalb sieht der Ausschuss auch keinen Anlass für weitere Zwangsmaßnahmen. "Reisebeschränkungen sind unter den Regularien der Internationalen Gesundheitsvorschriften nicht empfohlen", sagte Blumberg.
Ungeachtet dessen hat das benachbarte Ruanda seine Grenze zum Osten des Kongo bereits geschlossen. Die USA haben für den Kongo ihre höchste Reisewarnung herausgegeben und Einreisebeschränkungen für Personen ohne US-Pass verhängt, die sich kürzlich im Kongo, in Uganda oder im Südsudan aufgehalten haben.
Die Empfehlungen des Ausschusses seien die gleichen wie bei anderen Ausbrüchen: Kranke isolieren, Gesundheitspersonal schützen, Kontakte der Kranken überwachen und bei Bedarf isolieren, Begräbnisse so gestalten, dass keine Ansteckungsgefahr besteht.
Impfstoffe noch in weiter Ferne
Es handelt sich um den insgesamt 17. Ebola-Ausbruch im Kongo seit 1976. Ebola ist eine ansteckende und lebensbedrohliche Infektionskrankheit. In den Jahren 2014 und 2015 waren bei einem Ausbruch der Zaire-Variante in Westafrika mehr als 11.000 Menschen gestorben. Die WHO hat Szenarien entwickelt, wie sich die Lage in der betroffenen Region entwickeln könnte. Sie hält 400 bis 800 Todesfälle für möglich, in einem "Worst-Case-Szenario" auch 1.000 Todesfälle, sagte WHO-Spezialistin Marie‑Roseline Belizaire.
Für die seltene Bundibugyo-Variante des Virus, die vermutlich schon in der dritten April-Woche ausbrach, aber zunächst nicht entdeckt wurde, gibt es bislang weder einen Impfstoff noch eine Therapie. Die WHO spricht von zwei Impfstoffkandidaten. In einem Fall dauere es aber sicher sechs bis neun Monate, bis Impfdosen zur Verfügung stünden, sagte WHO-Spezialist Vasee Moorthy. Im anderen Fall könnten Dosen schneller hergestellt werden, in zwei bis drei Monaten, dort fehle es aber noch an Daten aus Tierversuchen.
Vertrauen der Bevölkerung wichtig
Die USA wollen bis zu 50 Behandlungszentren zur Bekämpfung des Ebola-Ausbruchs im Kongo und Uganda finanzieren. Die schnell eingerichteten Kliniken sollen medizinische Versorgung und Eindämmungsmaßnahmen in den betroffenen Gebieten unterstützen, wie das US-Außenministerium mitteilte.
Die WHO-Experten betonten bei ihrer Pressekonferenz in Genf, wie wichtig es sei, nicht mit großen Delegationen ins Land zu reisen in dem Glauben, dort dann alles richten zu können. Vielmehr frage die WHO immer, bei welchen Aufgaben die Lokalbehörden vor Ort Unterstützung brauchen. Kongo sei im Umgang mit Ebola sehr erfahren. Zudem sei ein Einsatz nur erfolgreich, wenn man das Vertrauen der lokalen Bevölkerung habe. Sonst würden Krankheits- und Verdachtsfälle oder Kontakte von Kranken sich nicht melden, könnten nicht isoliert werden, und die Infektionsketten könnten nicht unterbrochen werden.