Nirgends sonst sind die Gegensätze im Liebesleben so krass wie in Israel: zwischen Ultra-Orthodoxen, deren Ehefrauen sich die Haare scheren müssen, und der Partyszene von Tel Aviv, wo jeder auf der Bühne einen Pornostar besteigen darf. Von Daniela Horvath

Heiratsmarkt Armee: Dieses Paar darf sich in seiner Uniform nur außerhalb des Dienstes näher kommen© Ziv Koren/Polaris/laif
Gegen drei Uhr früh flammen Scheinwerfer auf. Im gleißenden Lichtkegel hängt Michal von der Decke, die Hände an Lüftungsrohre gekettet, ihr Körper in eine Lackkorsage gezwängt, der grell geschminkte Mund mit Ledergeschirr geknebelt. Ein stämmiger Glatzkopf tritt an sie heran. Mit einer Riemenpeitsche schlägt er auf Michals Hintern, klatscht einen Pingpongschläger auf ihre Brüste, bespritzt sie mit dem heißen Wachs roter Kerzen, das wie Menstruationsblut die Schenkel hinuntertropft. Und Michal Shapiro, Tochter einer Arztfamilie in Haifa, weidet sich an den lüsternen Blicken, mit denen das Publikum ihren Auftritt verfolgt, jedes Zucken, jedes Röcheln.
Der Discoclub "Clinic" ist ein schlauchartiges Kellerverlies unter einer Lagerhalle beim alten Busbahnhof. Die sich hier drängen oder dem ohrenbetäubenden Dancefloor-Sound hingeben, sind schicke, junge Israelis zwischen Anfang 20 und 40, Anwälte und Informatikstudenten, Soldatinnen und Bankerinnen, "die in der Nacht zum Sabbat den ultimativen Kick suchen", wie Elie die Attraktivität seines Clubs beschreibt. Da buhlen Männer in hellen Jeans und offenen Hemden um Frauen in tief dekolletierten Babydoll- Kleidchen, die kaum mehr verbergen als Michals Mieder. Nach der SM-Show sind die Schlangen in sich verknäuelter Paare lang vor den "Clinic"-Toiletten, dem Boxenstopp für schnellen Sex und Cocktails aus Koks und Viagra. "Immer härter wollen es die Leute", sagt Elie, der seit Jahren die schärfsten Clubs in Downtown Tel Aviv eröffnet. Keiner in der Stadt habe das Selbstmordattentat vor dem "Dolphin" vergessen, das im Juni vor sechs Jahren 21 junge Nachtschwärmer zerfetzte. Im Gegenteil: "Jeder weiß, in diesem Land kannst du jeden Moment in die Luft fliegen. So fuck the hell, let's have a party!"
Israel ist ein Land krasser Gegensätze, vor allem, wenn es um Sex geht. Da ist Tel Aviv, die freizügige Metropole am Mittelmeer, Nonstop-City und Aufreißmeile mit Kilometern von Strand, rastlos, grell, ausschweifend. Gut drei der sieben Millionen Israelis leben inzwischen in und um Tel Aviv mit seinen Szeneclubs, Schwulentreffs und Stripper-Partys. Und da ist - keine Autostunde entfernt - Jerusalem, die Bastion der Jüdisch-Orthodoxen wie der Muslime: Dem Rabbi hörig die einen, dem Imam die anderen, und so fruchtbar alle beide, dass die Säkularen im Land langsam Platzangst kriegen. In Jerusalem, der Hochburg der ultraorthodoxen Haredim, gehen schon heute mehr Kinder in Talmudschulen als in staatliche, wuchern ihre Viertel bis weit ins Westjordanland: Plätze der Weltferne, der Lustfeindlichkeit und des frömmelnden Sektierertums. In ihren Bussen sitzen die Männer meist vorn und die Frauen hinten, lang berockte Wesen mit geschorenem Haar, oft schlecht sitzender Perücke und gesenktem Blick. Tel Aviv, das Sündenbabel, scheint hier Lichtjahre entfernt.
Als Pnina und Yossef sich in ihrem Separee zum ersten Mal berühren, sind sie ganz befangen vor Scham. Langsam finden ihre Hände zueinander, sie müssen kichern, wie Kinder, die etwas Verbotenes tun. Gedämpft dringt Musik in das Hinterzimmer. Vorn feiern ihre Hochzeitsgäste nach religiösem Brauch in getrennten Ballsälen, tanzen hier Frauen mit Frauen, da Männer mit Männern. Eben sind die beiden 19-Jährigen vom Rabbi getraut worden, zwei junge Leute aus Jerusalems bester Haredim-Gesellschaft: Die Sudris und die Abuchziras glänzen mit Stammbäumen hoch angesehener Schriftgelehrter, und so gilt ihre Vermählung als glänzende Verbindung. Pninas Hochzeitsrobe ist ein Traum aus Tüll und Spitze, ein Diadem krönt ihr prächtiges Haar, das sie heute zum letzten Mal unverhüllt trägt. Schon am nächsten Tag wird sie sich als verheiratete Frau nur noch mit Tuch oder Perücke zeigen, ihr Leben lang, wie der Talmud es bestimmt.
Yossef kennt sich darin aus. Er ist ein "scheeiner" Mann, wie sie auf Jiddisch sagen. Nicht äußere Schönheit, sein Ruf als eifriger Thoraschüler macht ihn zur begehrten Partie. Wie gut zwei Drittel seiner Glaubensbrüder wird er nie einen Schekel je selbst verdienen müssen, sein Gelehrtenstatus wird ihn alimentieren. Kindergeld vom Staat, Spenden reicher Auslandsjuden und notfalls die eigene Frau werden für seinen Unterhalt sorgen. Yossef trägt das Schwarz der Chassidim, Vollbart, Anzug und Hut, der so sperrig ist, dass sein Mund kaum zu den Lippen der Angetrauten gelangt, würde er sich denn trauen. Doch dieser Moment im eigens für die Frischvermählten gestalteten "Begegnungszimmer" mit dem gewaltigen Kingsize-Bett versetzt das Paar in eine Art Schockzustand. Schon nach zehn Mi- nuten verlassen die beiden den Raum - verwirrt, ungeküsst und unschuldig.
Michal, die SM-Göttin, sitzt am Tag nach ihrem Auftritt in der Café-Bar "Libra" an Tel Avivs Shoppingmeile Ben-Yehuda Street. Klares, ungeschminktes Gesicht, Jeans, offenes Lachen. Sie schlage sich als Jazzsängerin durch, erzählt sie, mit kleinen TV-Rollen und dem Scheck von zu Hause. Die "Clinic"-Show aber zähle nicht zum Broterwerb: "Das ist pure Lust am Exhibitionismus." Michal und ihre Freunde sind wie fast alle jungen Israelis um die halbe Welt gereist, doch kaum einer will die Nabelschnur nach Tel Aviv kappen, ihrer "Fluchtburg, in der alles möglich ist". Nach Beginn der zweiten Intifada gab es immer wieder Selbstmordanschläge auf die Zivilbevölkerung Israels. Heute kommt man ohne Sicherheitscheck in keinen Laden. Und sich im Restaurant ans Fenster zu setzen gehört zum alltäglichen Nervenkitzel. "Der Flirt mit der Gefahr", sagt Michal und lächelt hinüber zu einem bronzehäutigen Jungen mit Rastalocken, "das ist Teil unseres Lebens geworden. Er hat uns ziemlich promisk gemacht." Diese Paarungssucht mache die Suche nach einer tragfähigen Beziehung nicht leichter.
"Sex lässt dich fühlen, dass du lebendig bist", sagt die Bestsellerautorin Zeruyah Shalev, "er nimmt dir die dauernde Anspannung. Man spürt diese Gier nach Leben überall im säkularen Israel." Shalev, 48, die 2004 bei einem Busattentat in Jerusalem selbst schwer verletzt wurde, hat jahrelang erst in der Bibel und dann in den Untiefen der Geschlechterbeziehungen ihrer Landsleute geforscht: In einer Romantrilogie schuf sie daraus einen Lagebericht über das Liebesleben der weltlichen Israelis, der so eindringlich, beklemmend und explizit erotisch geriet wie kein Roman des Genres im Land zuvor. Weltweit wurden ihre Bücher verschlungen als gültige Zustandsbeschreibung der Beziehungsnöte westlicher Menschen mittleren Alters. Doch Shalev, in dritter Ehe verheiratet und Mutter einer Patchworkfamilie, betont eher das, was typisch für Israel ist: "Wir sind keine Single-Gesellschaft, wir haben spätestens seit dem Holocaust eine schier unauflösliche Bindung an die Familie. Sie gibt uns Juden Sicherheit und Identität, aber sie schafft auch Unfreiheit, weil wir emotional an ihr kleben unter der Last der Desaster, die sie damals bedroht haben und es heute und auf unabsehbare Zeit schon wieder tun."
Michal bekennt freimütig, sie habe viele Affären gehabt, meist mit Männern, die verheiratet und deutlich älter waren. Doch heute, mit 26, lässt sie die Frage nicht mehr los, wann sie endlich dem Mann begegnet, der verlässlich und treu genug ist, um der Vater ihrer Kinder zu werden. Mindestens drei will sie haben, das sei guter Durchschnitt unter weltlichen Juden. Michal spürt die biologische Uhr ticken. "In unserem familienfixierten Land", sagt sie, "ist das ein Alarmsignal." Pnina und Yossef, die jungvermählten Haredim, sind seit der Vorschulzeit nicht mit dem anderen Geschlecht in Kontakt gekommen, die eigene Familie mal ausgenommen. Heimliches Knutschen ist für sie unmöglich, vorehelicher Sex tabu. Selbst Blickwechsel auf der Straße gelten als anstößig. Die beiden kennen sich an ihrem Hochzeitstag seit knapp zwei Wochen. Drei Treffen gab es in dieser Zeit im Haus von Verwandten, wo sie unter Aufsicht herausfinden sollten, ob es klappen könnte mit ihnen. Denn ihre Ehe ist arrangiert, wie alle Ehen unter Strenggläubigen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 27/2007