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Albtraum der Millionäre - Datendieb packt aus

Er lehrte Steuerbetrüger wie Klaus Zumwinkel das Fürchten, verkaufte 13 Staaten Liechtensteiner Kontodaten für Millionen und taucht dann ab: Heinrich Kieber. Dem stern gab er sein erstes Interview. Es enthält - wie auch sein Buch - Schilderungen wie aus einem Agententhriller.

Datendieb Heinrich Kieber. Durch die Aktionen des Liechtensteiners wurde 2008 unter anderem der Steuerbetrug von Ex-Post-Chef Zumwinkel aufgedeckt. Er musste untertauchen und wird seither von Geheimdiensten gedeckt und geschützt. Jetzt schildert der 45-Jährige erstmals, wie Milliarden von Schwarzgeld aus der ganzen Welt nach Liechtenstein geschafft wurden. Und zwar exklusiv im konspirativ geführten Interview mit dem stern.

Über Konten von Briefkastenfirmen, beispielsweise in Spanien oder Portugal, die indirekt der fürstlichen LGT Treuhand gehörten, so erzählt Kieber, sei das Geld nach Liechtenstein geflossen. Bargeld hätten die Kunden durch eine geheime Stahltür im öffentlichen Parkhaus von Vaduz direkt in einen Tresorraum der LGT Treuhand fahren können. Kieber, der die Kontodaten nach eigenen Angaben an insgesamt 13 Staaten weitergab, lebt heute an unbekanntem Ort in einem Zeugenschutzprogramm.

Allein der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) habe ihm fünf Millionen Euro für die Informationen gezahlt, sagte Kieber dem stern. Insgesamt verfüge er über Daten von 3929 Stiftungen, Gesellschaften und Trusts sowie von 5828 natürlichen Personen. Davon, so Kieber, seien "46 PEP - politisch exponierte Personen - so wie der Zumwinkel. Zu meiner Überraschung bislang der einzige PEP, dessen Fall zumindest teilweise öffentlich wurde." Der Fall Zumwinkel wurde im Februar 2008 publik, der Ex-Chef der Post musste 3,9 Millionen Euro Steuern nachzahlen und wurde im Januar 2009 zu einer Strafe von einer Million Euro und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Die Mitarbeiter der LGT Treuhand hätten über vertrauliche Gespräche mit ihren Klienten minutiös Buch geführt, sagte Kieber dem Magazin, die Notizen seien mit den Kontodaten abgespeichert worden. "Die Treuhänder wissen mehr als manche Ehefrauen oder die Kinder oder die Geschäftspartner." In den internen Vermerken habe er Geschichten lesen können "über Familienstreitigkeiten, Zweit- und Drittfrauen oder uneheliche Kinder". Der reichste Anleger, so Kieber, war ein italienischer Industriellen-Erbe mit 450 Millionen, der reichste Deutsche ein Düsseldorfer Geschäftsmann mit Anlagen von 35 Millionen Euro.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie Kieber sich mit dem Fürsten von Liechtenstein anlegt, quer durch Europa flüchtet und schließlich mit dem BND anbandelt

Der Fürst soll helfen, Unrecht zu sühnen

Parallel zum stern-Interview stellt Heinrich Kieber auf geheimem Weg am kommenden Sonntag sein Buch ins Internet. Darin beschreibt er ausführlich, wie es zu dem Verrat von Kontodaten kam, mit dem er sich, wie Kieber im Interview sagte, an dem liechtensteinischen Fürsten rächen wollte. Seine Darstellung klingt wie das Drehbuch zu einem Agenten-Thriller. Er will Hans-Adam II., den damals amtierenden Fürsten zwingen, ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Kieber behauptet, er sei 1997 von Geschäftspartnern nach Argentinien gelockt und dort gefoltert worden. Der Fürst soll ihm helfen, dieses Unrecht zu sühnen. Am 7. Januar 2003 schickt Heinrich Kieber einen 38 Seiten langen Brief an den Fürsten, in dem er seinen Fall schildert und juristische Genugtuung fordert, sonst, so droht er, würde er sich mit den Kontodaten an die USA und Deutschland wenden.

Kieber vermutet, dass die Nachricht von seinem Datenklau im Fürstenhaus wie eine Bombe einschlagen wird und bereitet seine Flucht vor. Er löst sein privates LGT-Konto auf und beginnt eine wilde Reise durch Europa. Über das österreichische Feldkirch fährt er nach München und von dort weiter nach Berlin. Er besorgt sich ein kleines Zimmer im Bezirk Mitte, im Schließfach einer Bank im Wedding deponiert er Laptop, Datenträger und alle Papiere mit dem Namen Heinrich Kieber. Nach sechs Tagen ohne Reaktion auf seinen Brief, so schildert es Kieber, ruft er den Fürsten an. In den folgenden Wochen wird er außerdem einen Gratis-E-Mail-Account der amerikanischen Seite catholic.org nutzen, um mit Hans-Adam II. und seinen Leuten zu kommunizieren.

In Berlin fühlt er sich verfolgt

Mitte Januar gerät er in Panik. Als er in Berlin-Dahlem unterwegs ist, fühlt sich von einem Wagen verfolgt, von einem alten VW-Transporter Typ LT, "wie viele Schweizer Dörfer und Gemeinden sie als Werkshofwagen benutzen, Farbe Orange-Gelb". Der Wagen war ihm Stunden zuvor schon im Wedding aufgefallen. Er ist überzeugt, seine Häscher aus Liechtenstein hätten ihn aufgespürt. Am 3. Februar fährt er nach Münster, bleibt dort zwei Wochen und flüchtet weiter nach Amsterdam. Als Claudio mietet er sich in einer Pension ein.

Von hier aus beginnt er Verhandlungen mit der LGT, die im Juli 2003 zu seiner Rückkehr nach Liechtenstein führen. Er lässt sich auf einen Deal ein, der im Oktober 2003 zu seiner Verurteilung führt: wegen Nötigung des Fürsten und schweren Betrugs bei einem Immobiliengeschäft. Später erwirkt er eine Abmilderung des Urteils und eine Begnadigung. Aber auf das Verfahren gegen seine Folterer wartet er vergebens. Im Juni 2005 verlässt er erneut Liechtenstein. Einen Datenträger mit den brisanten Konto-Informationen hatte er zuvor an einem sicheren Ort deponiert. Mit E-Mails an den BND fädelt er einige Monate später die Weitergabe der geklauten Daten ein.

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