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Mama ist tot - Geschichte einer Familientragödie

Ein deutscher Fall: In Niedersachsen verhungert eine Mutter unter katastrophalen Umständen auf dem Wohnzimmersofa. Der Ehemann und die Tochter lassen es geschehen. Die Geschichte einer Abstumpfung.

Bei der Hochzeit 1991 war die Mutter noch glücklich. Oder hat sie das im Fotoalbum nur so dahingeschrieben?

Bei der Hochzeit 1991 war die Mutter noch glücklich. Oder hat sie das im Fotoalbum nur so dahingeschrieben?

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

2. Mose, 20, 12


Als Erstes ist da dieser unerträgliche Gestank. Morgens ist es immer am schlimmsten, wenn man nüchtern ist und wach. Der Vater reißt die Fenster auf. Er muss sich übergeben. Auf dem Couchtisch liegen leere Bierdosen und eine Flasche Weinbrand. Auf dem Sofa liegt die Mutter. Das Sofa stinkt nach und Urin. Immer liegt die nur rum auf dem Sofa, denkt der Vater. Der Fernseher läuft Tag und Nacht.

"Alles in Ordnung?", fragt der Vater.

"Alles in Ordnung", sagt die Mutter.

Svenja* sitzt im Nebenzimmer und spielt Puzzle, 1000 Teile. Erst mal eine rauchen, sagt sich der Vater. Dann fährt er Svenja zur Schule.

Alles in Ordnung?

Nichts ist in Ordnung. Die Mutter wird sterben auf dem Sofa im Wohnzimmer vor dem Fernseher, der Tag und Nacht läuft. Seit sieben Wochen liegt sie auf dem Sofa, das von Urin durchnässt ist und voller Kot. Sie steht nicht mehr auf, dreht sich nicht um, liegt nur da unter der schwarzen Decke mit dem Katzenmotiv.

Unter der Decke fressen sich in den Leib der Mutter. Aber niemand schaut unter die Decke. Sieben Wochen lang nicht. Die Mutter wird sterben, wenn ihr jetzt niemand hilft, sie wird verhungern und verdursten.

Ab und zu stellen sie der Mutter ein Toastbrot hin. Abends ist das Brot weg. Keiner fragt, ob es die Mutter gegessen hat, die Katze Mandy oder der Hund . "Der Hund hat es sicher nicht gefressen" , sagt Svenja. Aber vielleicht die Katze. "Die frisst Hundefutter, Rattenfutter – sogar Toastbrot."

Achselzucken, Ohnmacht, Abstumpfung.

Sie könnten der Mutter auch jetzt noch helfen: Ein Anruf beim Notarzt hätte gereicht. Aber keiner ruft den Notarzt. Der Vater nicht, Svenja nicht. Sieben Wochen lang.

Wie konnte es so weit kommen? Sie waren doch mal eine ganz normale Familie.

Das ist ihre Geschichte, wie Vater, Töchter und Großmutter sie erlebt haben.

Der Vater und die Mutter, beide 1965 in geboren, lernten sich 1983 auf einem Volksfest kennen. Sie ist lustig, aufgeschlossen, hat viele Freunde.

Er hat die Realschule beendet und arbeitet danach als Lagerarbeiter, Gebäudereiniger und Kurierfahrer. Sie hat einen Hauptschulabschluss und jobbt ab und zu in der Gastronomie und in einem Kiosk. 1991 heiraten die beiden.

Im Familienalbum alte Bilder von ihr: 1972 in der Klasse 1a an der Schule in Bremen, als Teenager mit kurzen Haaren und Hotpants, als Braut zusammen mit ihrem Bräutigam, ein glückliches Paar: Sie strahlt, rosa Wangen, blonde Dauerwelle, übermütig verliebt. Daneben er mit schwarzer Meckifrisur und Schnauzbart. "Na endlich!", hat jemand unter die Fotos geschrieben. "Geschafft!"

"Damals war sie noch hübsch", sagt der Vater. "Nachher hat sie sich gehen lassen."

Aber wieso? Die Mutter hat eine Vorgeschichte in der Familie: Ihr Vater und Bruder arbeiteten beide als Kellner. Der Vater starb, als er volltrunken mit dem Gesicht in eine Bierkiste fiel. Ihr Bruder starb ebenfalls im Suff.

Ein Strudel aus Alkohol und Abstumpfung

1992 kaufen seine Eltern ein Haus in M. Ein gepflegtes Dorf in der Nähe von Bremen, moderne Einfamilienhäuser, Vorgärten wie mit dem Lineal gezogen. Eine Gaststätte, ein Spielplatz, ein Kiosk und ein Netto-Markt mit vollen Schnapsregalen an der Kasse.

Ganz anders als Bremen, ländlich. Am Anfang riecht man den Güllegestank noch, später bemerkt man ihn gar nicht mehr. Überhaupt erstaunlich, woran sich der Mensch alles gewöhnen kann. Das junge Paar zieht in die Einliegerwohnung im Obergeschoss. 15 Stufen Abstand zu seinen Eltern, da oben sind sie unter sich. 1993 kommt die erste Tochter zur Welt, Jessica*. 1997 Svenja.

Er arbeitet als Fahrer für einen Getränkeladen, sie jobbt als Verkäuferin im Dorfkiosk, als Kellnerin oder Putzfrau. Wenn sie einen Job hat, behält sie ihn nicht lange. "Sie hat nix auf die Reihe gekriegt, alles hingeschmissen", sagt der Vater heute. Meist wird sie entlassen, weil sie auf der Arbeit trinkt.

"Das mit dem Trinken", sagt die Oma, "hat nach Svenjas Geburt angefangen." – "Vielleicht war sie mit uns beiden zusammen überfordert", sagt Jessica. Möglicherweise trank die Mutter auch schon während der Schwangerschaft. Svenja hat einen IQ von 83 und gilt damit als lernschwach.

Der Opa und der Vater sind Mitglieder im Opel-Klub, oft schauen Freunde oder Verwandte vorbei. "Wenn wir Besuch hatten und meine Mutter nicht getrunken hat", sagt Svenja, "dann war sie superfreundlich und nett. Aber sobald sie getrunken hat, hat sie jeden angeschnauzt, egal, was war."

Schon als kleines Kind merkt Svenja, dass sie zwei Mütter hat: eine freundliche, die selten zu Hause ist, und eine böse, die ihr das Leben zur Hölle macht. "Wenn nur ein Schuh herumgelegen hat, hat sie mich angeschrien, ich wäre schuld. Wenn ich nur geredet habe, hat sie mich angeschrien: Halt deinen Mund jetzt, sonst gebe ich dir gleich eine."

Wenn Svenja mittags aus der Schule kommt, sagt die Mutter: Mach den Scheiß allein, wenn du was essen willst. "Ich musste sehen, wo ich Essen herkriege, weil meine Mutter nichts geschissen hat. Die hat lieber uns das Geld geklaut und getrunken, anstatt dass wir was zu essen haben."

Zum Glück sind Oma und Opa nur 15 Stufen entfernt. Opa ist überhaupt derjenige, der in diesem Haus den Ton angibt, ein Anker für die Familie, deren Leben immer tiefer in einen Strudel aus Alkohol und Abstumpfung gerät.

Opa bastelt den Mädchen Gokarts, baut ein Klettergerüst im Garten. "Alles, was wir wollten, hat er für uns gebaut" , sagt Svenja. Einmal sogar ein richtiges Kettenkarussell mit Plastikstühlen auf Metallstangen. Es hält nur drei Tage, dann ist der Motor kaputt. Aber für Svenja ist es die schönste Kindheitserinnerung.

Seit 2003 trinkt die Mutter täglich, nein: Sie säuft. Weinbrand, Wodka, Schnaps – was sie in die Finger bekommt. Freunde und Nachbarn ziehen sich zurück, das Dorf meidet die Familie. Die beiden Mädchen müssen oft allein spielen, die anderen Kinder dürfen keinen Kontakt zu ihnen haben. "Die haben mir gesagt: Meine Eltern wollen das nicht wegen deiner Mama", sagt Svenja.

"Mama, warum trinkst du so viel?"

"Lass mich in Ruhe."

Svenja schämt sich für die Mutter. "Wenn sie mich in der Stadt angesprochen hat, habe ich zu ihr gesagt: Ich kenn dich nicht, und bin weggegangen."

Täglich geht die Mutter die 15 Stufen aus dem Obergeschoss hinunter und schleicht sich aus dem Haus, um Alkohol zu beschaffen. "Die war so leise, wenn sie die Treppe heruntergekommen ist", sagt die Oma. "Manchmal haben wir nur am Licht gesehen, dass die Haustür aufging und sie rausgegangen ist", sagt Jessica.

Schnapsfläschchen im Keller des Hauses

Schnapsfläschchen im Keller des Hauses. Der Vater hat sie gesammelt, die Mutter trank sie heimlich aus und füllte Tee hinein


Zum Netto-Markt sind es 500 Meter. Im Regal an der Kasse leuchtet der Goldbrand verheißungsvoll. Schon auf dem Rückweg leert sie die ersten Flachmänner und wirft sie in die Vorgärten der Nachbarn. Den Rest vergräbt sie zu Hause unter dem Buchsbaum. In ihrem Schnapsbeet blüht und gedeiht die Sucht der Mutter, bis die Kinder die Flaschen finden und ausschütten und mit der Mutter schimpfen und fragen, warum.

Die Mutter versteht die Frage nicht. Warum? Ist doch alles in Ordnung. Wenn sie Silvester feiern und die Töchter mit Kindersekt anstoßen, dann winkt sie hochmütig ab: Das ist Sekt, den trinke ich nicht, ich trinke ja keinen Alkohol. Dabei ist es nur Brause. Den ganzen Tag säuft die Mutter ohne Ende, denken die Kinder, aber jetzt will sie nicht mal Kindersekt.

"Lass dich scheiden, Papa", sagen die Töchter. "Das ist doch kein Leben, wenn die Mutter nur am Trinken ist und die Familie kaputtgeht dadurch." – "Lass dich scheiden", sagt der Opa. "Ich liebe sie", sagt der Vater.

Er stellt sie vor die Wahl: Hör auf zu trinken, oder ich schmeiß dich raus. "Aber sie ist ja nicht gegangen."

Er setzt sie vor die Tür. So! Da schreit sie so lange, bis er sie wieder ins Haus holt. "Die Nachbarn, Sie kennen ja, wie das ist."

Irgendwann gibt ihr der Vater kein Geld mehr. Aber Sucht macht erfinderisch, und für den nächsten Schluck tut die Mutter alles. Sie trinkt die Schnapsfläschchen im Keller aus, die der Vater und der Opa im Urlaub gesammelt haben. Dann füllt sie Tee rein, dass keiner was merkt. Sie plündert Jessicas Sparkonto, um sich Alkohol zu kaufen. Sie gibt der jüngeren Tochter kein Taschengeld, sondern kauft sich davon Schnaps. "Das Geld brauchst du doch eh nicht."

Sie wühlt in den Taschen der anderen nach Geld und beschuldigt dann vor dem Vater die eigene Tochter: "Svenja trinkt die ganze Zeit heimlich! Svenja klaut dir Geld! Svenja hat das kaputt gemacht!" Immer ist Svenja schuld. "Wir müssen das Geld verstecken", sagt Svenja, "damit sie sich keinen Alkohol mehr kaufen kann." Die Schwestern verstecken das Geld hoch oben auf dem Kinderzimmerschrank. Da kommt selbst Svenja, die inzwischen größer ist als die Mutter, nur mit dem Stuhl ran. Als sie kein Geld mehr findet, sammelt die Mutter alle Pfandflaschen, die sie im Haus auftreiben kann, und torkelt mit voller Plastiktüte zum Markt, um Kurze zu kaufen.

Die Mutter pflegt sich nicht mehr, sie wäscht die Haare nicht und trägt immer die gleiche speckige Jacke, wenn sie rausgeht, um Alkohol zu besorgen.

Die Mutter hat überall Läuse.

"In den letzten Jahren mochte ich sie nicht mehr anfassen", sagt der Vater. Auf Familienfotos dreht die Mutter sich weg. "Ich will nicht, dass ihr mich fotografiert." Auf einem sieht man Mutter und Töchter mit einer Milka-Kuh im Supermarkt, unsicherer Blick in die Kamera, keine Spur von Lebensfreude. "Sie sah am Ende älter aus als meine eigene Mutter", sagt der Vater.

"Ich habe nie gesehen, dass die sich geküsst oder in den Arm genommen haben", sagt Svenja. "Für mich war das einfach nur so ein Zusammenleben, das war keine Ehe."

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!

Oft fantasiert die Mutter im Delirium

Eines Tages kommt Svenja von der Schule nach Hause, da liegt die Mutter auf dem Boden, Schaum vor dem Mund. Svenja, 45 Kilogramm, 1,58 Meter, ist allein mit der delirierenden Mutter, die sich auf dem Boden wälzt, und hat Angst. "Ich war zu leicht, das konnte nur der Papa, dass man sich auf ihre Ellenbogen setzt und die Zunge festhält, dass sie sich die nicht abbeißen oder daran verschlucken kann." Sie ruft den Notarzt.

Meistens muss die Mutter im März ins Krankenhaus, wenn Svenja Geburtstag hat. 2005, da ist Svenja acht, kommt die Mutter das erste Mal wegen Alkoholentzugskrämpfen zur Entgiftung in die Klinik.

"Wir haben den Krankenwagen gerufen, wenn sie Alkoholanfälle hatte", sagt der Vater. "Dann war sie zwei Wochen da und hat sich selbst entlassen. Dann ging es drei Wochen gut, und dann war es wieder so wie vorher mit dem Alkohol. Das haben wir ein paarmal mitgemacht. Irgendwann konnten wir auch nicht mehr."

In den folgenden Jahren werden die Abstürze schlimmer. Oft fantasiert die Mutter im Delirium. "Sie hat mich dann mit 'Mutter' angesprochen", sagt Svenja.

Ende 2007 kommt die Mutter per Zwangseinweisung, die durch den Vater veranlasst wurde, zur stationären Entgiftung in die Psychiatrie des Krankenhauses Rotenburg. Im Delirium beschimpft sie dort den Vater: "Du hast die Kinder entführt!"

Im Januar 2008 erkennt das Jugendamt, das inzwischen auf die Familie aufmerksam geworden ist, Anzeichen für eine "erhebliche Kindeswohlgefährdung" bei Svenja und Jessica und schaltet das Familiengericht ein. Doch der Richter ist anderer Ansicht: Die Oma kümmere sich ja um die Kinder.

Wenn die Mutter sich nach zu viel Alkohol auf den Boden erbricht, muss Svenja es wegwischen. Wenn die Mutter hinfällt, hilft sie ihr auf.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!

Im Sommer 2009 pflücken sie Kirschen im Garten. "Da oben hängen noch ein paar" , sagt der Opa, steigt auf die Leiter und stürzt herab. Zwei Jahre liegt er im Koma, jeden Tag fährt der Vater mit der Oma ins Krankenhaus, und die schwarzen Haare des Vaters werden ganz grau.

Manchmal redet die Mutter noch mit dem Vater – wenn sie im Delirium ist: "Schatz, ich kann nicht mitkommen zu der Hochzeit."

"Welche Hochzeit?"

"Na, zu unserer Hochzeit."

Svenja ist 13 Jahre alt, als ihr die Mutter sagt: "Dich wollte ich eh nicht haben." Die Mutter ist betrunken, als sie das sagt. Svenja holt die gepackte Tasche, die immer unter der Treppe bereitsteht, und flüchtet zu ihrem Freund.

Als der Opa im Mai 2011 stirbt, nimmt der Onkel eine Axt und haut den Kirschbaum um. Es gibt nur noch Streit in der Familie. Der Vater beginnt jetzt auch, abends zu trinken.

"Papa, warum trinkst du so viel? Hör auf damit, das ist nicht gut."

"Lass mich, ist meine Sache."

"Wer sich nicht helfen lassen will, dem muss man eben auch nicht helfen"

Früher hat der Vater nicht gesoffen und war meist vernünftig. "Papa hat nie getrunken, wenn er Auto fährt, da ist er strikt gegen", sagt Jessica. Aber spätestens 2011 steckt die Sucht der Mutter auch den Vater an.

"Da hat er sich immer heimlich Alkohol ins Haus geholt und getrunken, wenn ich geschlafen habe", sagt Svenja. "Ich habe mich wie ein Babysitter gefühlt, wenn meine Eltern getrunken haben: als ob es kleine Kinder wären, die nix alleine können."

Die Mutter stürzt im Rausch, bricht sich Knochen, redet immer öfter wirres Zeug.

"Was sind das für weiße Mäuse hier?"

"Hier sind keine Mäuse, Mama. Du musst zum Arzt" , sagt Svenja dann. "Guck mal, wie du abgemagert bist. Du siehst ganz blass aus, wir bringen dich jetzt zum Arzt."

"Lass mich" , sagt die Mutter, "dann muss ich wieder in die Psychiatrie."

Als der Vater und Svenja sie zum Hausarzt schleppen wollen, wehrt sich die Mutter mit Händen und Füßen und beißt Svenja fast einen Finger ab.

Ein Amtsarzt diagnostiziert im September 2008 ein Korsakow-Syndrom: Der Alkohol hat Gehirn und Nervensystem der Mutter geschädigt. Daher die Erinnerungslücken, das wirre Gerede, der unsichere Gang, auch in den seltenen Momenten, da sie nüchtern ist.

Außer den Töchtern und dem Vater darf niemand mehr in die Wohnung. Als 2013 wieder Mitarbeiterinnen des Jugendamts kommen, müssen sie unten im Wohnzimmer der Oma mit Jessica und Svenja sprechen. Hilfe durch eine gesetzliche Betreuerin lehnt die Mutter vehement ab.

"Was soll ich bloß tun?", fragt der Vater die Oma. "Wer sich nicht helfen lassen will, dem muss man eben auch nicht helfen", sagt die Oma.

Svenja googelt im Internet "Zwangseinweisung". Sie fragt den Hausarzt der Familie, ob man die Mutter auch gegen ihren Willen in eine Suchtklinik bringen könne. Der Arzt rät Svenja, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen. Sie sucht auf Youtube nach Videos über Selbsthilfegruppen. "Aber da geht es immer nur darum, wie man selbst mit dem Menschen klarkommt, aber nicht, wie man dem anderen helfen kann."

Die ältere Tochter Jessica mit Hündin Pepsi am Eingang zur inzwischen renovierten Wohnung, in der die Mutter verhungerte

Die ältere Tochter Jessica mit Hündin Pepsi am Eingang zur inzwischen renovierten Wohnung, in der die Mutter verhungerte


Im Oktober 2014 wird der Vater arbeitslos, er kümmert sich nun zu Hause um die Kinder. "Er hat immer dafür gesorgt, dass wir auch ordentlich angezogen sind und nicht irgendwie mit dreckigen Klamotten rausgingen, auch wenn die Bude aussah wie Scheiße", sagt Svenja.

Im selben Herbst zieht Jessica zu ihrem Freund. Svenja wird beim Ladendiebstahl erwischt und reißt immer öfter von zu Hause aus. Aber der Vater holt sie immer wieder zurück.

Oben die Unterwelt von Mama, die im Frühjahr 2015 endgültig zu einer Hölle voll Maden, Fliegen und Spinnweben wird

Kurz vor Weihnachten 2014 sehen die Nachbarn die Mutter das letzte Mal auf der Straße.

Es gibt jetzt zwei Welten in diesem Familienheim, in dem alles kopfsteht. Unten die Zimmer von Oma, vollgestopft mit Puppen: überall kleine Gesichter mit Schleifen und Plastikblumen im Haar, pausbäckig und rosa, alles ist gut. An der Wand ein Sinnspruch in Gold: "Bewahret einander vor Herzeleid, kurz ist die Zeit, die ihr zusammen seid."

Oben die Unterwelt von Mama, die im Frühjahr 2015 endgültig zu einer Hölle voll Maden, Fliegen und Spinnweben wird. Über allem hängt der Gestank nach verwesendem Fleisch und menschlicher Notdurft, nach Erbrochenem und Urin.

"Man gewöhnt sich an den Geruch" , sagt der Vater. "Man lebt damit. Es wird von Tag zu Tag schlechter, und irgendwann hat man auch keine Lust mehr, was zu tun."

Manchmal trinkt der Vater am Abend eine halbe Kiste Bier und dann noch eine ganze Flasche Cognac. Am nächsten Tag um sechs Uhr früh reißt er die Fenster auf. Am Morgen ist der Gestank am schlimmsten, wenn sich der Magen noch nicht daran gewöhnt hat. Auf dem Sofa liegt die Mutter. Das Sofa stinkt nach Kot und Urin. Jeden Tag das Gleiche, denkt der Vater, immer liegt die nur rum auf dem Sofa.

"Alles in Ordnung?"

"Alles in Ordnung."

Svenja spielt im Zimmer nebenan Puzzle, 1000 Teile. Sie hat Stubenarrest, weil sie ihr Zimmer nicht aufgeräumt hat.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!

"Deine Mama ist tot"

Sie ist vor zweieinhalb Wochen 18 geworden.

Dann kommt Oma ins Zimmer: "Deine Mama ist tot."

"Ich stand da wie ein kaputtes Auto und wollte es nicht glauben", sagt Svenja.

Um 22.05 Uhr am 19. März 2015 trifft der Rettungswagen ein. Der Vater, stark betrunken, hat sich eingenässt und steht neben der Oma und Svenja in der Auffahrt des Hauses und nuschelt so stark, dass Svenja übersetzen muss. Die Sanitäter bemerken keine Trauer bei den Angehörigen. Sie wirken vielmehr erleichtert.

Die Rettungsleute müssen durch den Mund atmen, schon auf den Stufen zum Obergeschoss schlägt ihnen der Gestank von Exkrementen, Verwesung, Schimmel und Rauch entgegen. Im Wohnzimmer liegt die Mutter mit offenen Augen auf dem Sofa, der Fernseher läuft, die Sanitäter sehen sofort, dass sie tot ist. Ein Polizist zieht mit einer Küchenzange die Decke vom Leichnam und bemerkt Hunderte von Maden am ganzen Körper. Die Mutter ist nur noch Haut und Knochen. Sie wiegt 26 Kilo.

"Sie war immer ein zierliches Persönchen", sagt der Vater.

"Sie hat mir doch gestern noch die Hand gedrückt", sagt Svenja. "Ich lebe doch nicht mit einer Leiche zusammen."

Haare und Zehennägel lassen sich einfach aus dem Körper ziehen. So etwas habe sie noch nie gesehen, wird die Notärztin später vor Gericht aussagen – nur auf Fotos von verhungerten KZ-Häftlingen am Ende des Kriegs.

Die Mutter hatte sich bei einem Sturz sieben Wochen zuvor die linke Hüfte gebrochen, deshalb war sie nicht mehr aufgestanden vom Sofa. Als der Leichnam zum Abtransport hochgehoben wird, bleiben Hautfetzen am Sofa kleben. Daneben liegen verschimmelte Brotreste und Kothaufen. Das ganze Möbel ist wie ein Schwamm voller Urin. Die Polizisten notieren nach der Tatortbesichtigung: "Ein lebenswertes Dasein dürfte hier nach allgemeinen Anschauungen nicht zu führen sein."

Noch am Tag ihres Todes hätte die Mutter gerettet werden können, behauptet die Staatsanwältin. Ein einziger Anruf beim Notarzt hätte gereicht. Sie lässt den Vater verhaften. "Sie hat im Grunde ja über ihr Leben selber bestimmt", sagt der Vater, "warum soll ich darüber bestimmen, ob sie jetzt leben will oder nicht?"

Am nächsten Tag holen zwei Polizeibeamte Svenja ab, um sie als Zeugin zu verhören.

Svenja schickt eine Handynachricht an ihren Exfreund: "Tut mir leid, wenn ich sage, es klingt hart, aber ich bin stolz, dass sie weg ist … sie hat seit ich 6 Jahre alt bin mein Leben zur Hölle gemacht man."

Während des Verhörs verlassen die Beamten den Raum. Als sie zurückkommen, erklären sie Svenja, dass sie jetzt als Beschuldigte behandelt wird: "Weil du nicht eingegriffen hast." Er habe das nicht richtig gefunden, sagt einer der beteiligten Polizisten später vor Gericht. Die Svenja sei doch selbst ein Opfer.

Die Staatsanwältin klagt Svenja und ihren Vater wegen Mordes durch Unterlassen an. Das Motiv: Rache und Hass auf die Mutter.

"Ich konnte sie nicht lieben, wie ein Kind seine Mutter liebt", sagt Svenja, "weil sie nie für mich da war. Ich habe meine Mutter zwar auf einer Seite gehasst, aber auf einer Seite habe ich sie auch geliebt, weil ohne sie wäre ich nicht auf der Erde."

Ein Puzzle, 1000 Teile

"Das Verfahren hat sich als unvergesslich eingebrannt wie kaum ein anderes", sagt Joachim Grebe zum Abschluss des Prozesses. Der Vorsitzende Richter der 3. Großen Jugendstrafkammer am Landgericht Verden hält es für "völlig lebensfremd", wenn Vater und Tochter behaupten, das Sterben der Mutter nicht bemerkt zu haben. Es sei "schlicht nicht vorstellbar, dass man sich an so eine Situation gewöhnen kann".

Allerdings gibt es ähnliche Fälle. Vor sieben Jahren hatte das Amtsgericht Halle über den Fall eines 54-jährigen arbeitslosen Betonbauers zu entscheiden. Der Mann hatte seine krebskranke Frau – angeblich auf deren Wunsch – monatelang nicht versorgt. Die Frau verhungerte und verdurstete, am Ende wog sie noch 27 Kilo. Das Urteil: Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten wegen fahrlässiger Tötung.

Das Landgericht Verden unter Vorsitz von Joachim Grebe fällt im März 2016 ein anderes Urteil: Totschlag durch Unterlassen, sieben Jahre Haft für den Vater, drei Jahre für Svenja.

Der Staat erweist sich als strenger Erzieher. Das Gericht sieht bei Svenja "erhebliche Mängel in der Charakterbildung" , die ohne längere Gesamterziehung die Gefahr der Begehung weiterer schwerer Straftaten in sich bergen würden. Sie habe "mitleidlos neben der sterbenden und im eigenen Kot und Urin liegenden Mutter" gelebt und sei dabei "normalen Alltagsbeschäftigungen" nachgegangen. Normalität.

Die Wohnung im Obergeschoss ist längst renoviert. Jessica ist mit ihrem Freund wieder dort eingezogen.

Der Anwalt der Familie, Michael Brennecke aus Achim, hat die Revision des Urteils beantragt.

Anderthalb Jahre nach dem Tod der Mutter, die sie nie hatte, sitzt Svenja noch immer hinter Gittern.

Svenja ist jetzt 19.

Ein Puzzle, 1000 Teile.

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen



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