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Interview

"Die Verräter sind immer gute Freunde"

Josef Resch ist Deutschlands schillerndster Privatermittler. Ein Gespräch über Gier, Kopfgeldjagd und das Gewicht von fünf Millionen Euro in großen Scheinen.

Privatermittler Josef Resch bei der Arbeit in einem Hotel in Travemünde

Immer auf der Jagd: Josef Resch bei der Arbeit in einem Hotel in Travemünde

Er sieht aus wie ein Wochenendurlauber und fällt damit nicht weiter auf in der Lobby des Arosa-Hotels in Travemünde. Einen „Menschenjäger“ stellt man sich anders vor. Josef Resch, 66, erzählt zum ersten Mal aus einer Parallelwelt, von der die meisten Menschen gar nicht wissen, dass sie existiert. Er spricht ruhig und mit oberbayerischem Akzent. Seit über 30 Jahren ist er privater Ermittler. Resch arbeitet allein oder mit einem Netzwerk ehemaliger Kriminalbeamter, SEKler und Sicherheitsexperten.

Auf der Suche nach Betrügern hat er immer wieder hohe Summen für Informationen ausgesetzt und mit ungewöhnlichen Aktionen für Aufsehen gesorgt. Etwa als er 2012 ein skurriles Video auf Youtube stellte, in dem er 1,5 Millionen Euro in 500-Euro-Scheinen auf einen Tisch legte – als Kopfgeld auf den flüchtigen Neckermann-Großneffen und Börsenbetrüger Florian Homm. Zuletzt machte Resch vor zwei Jahren Schlagzeilen, als er insgesamt 47 Millionen Dollar für Hinweise anbot, die den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 über der Ostukraine aufklären können.

Herr Resch, Sie würden uns 50.000 Euro Belohnung zahlen, wenn wir Ihnen einen gewissen Herrn Levy liefern? So steht es auf der Website Ihrer Firma "Wifka".

Nicht ich, mein Auftraggeber würde Ihnen das zahlen. Ich soll Herrn Levy für ihn aufspüren.

Was will Ihr Kunde denn von Herrn Levy?

Dieser Herr Levy hat meinem Klienten die Möglichkeit eines guten Immobiliengeschäfts vorgegaukelt. Mein Klient traf sich mit ihm in Verona, alles wirkte seriös. Adretter Mann, teurer Anzug, teures Hotel, ein anderer Mann stellte sich als Notar vor. Dann schlug Levy vor, Geld zu tauschen, er habe da noch eine größere Summe unversteuerter Schweizer Franken, brauche aber Euros. Das Spiel kennen Sie ja.

Nein, das Spiel kennen wir nicht.

Die Schweizer Franken, sagt der Betrüger, könne er natürlich nicht auf der Bank tauschen. Er biete eine großzügige Provision an. Mein Auftraggeber gibt dem Betrüger also Euro und bekommt Schweizer Franken. In den Banderolen mit den Franken steckt aber Falschgeld. Der Tausch geht schnell, und der Betrogene merkt zu spät, dass er mit nichts in der Hand dasteht. Mein Auftraggeber verlor so 150.000 Euro in Bargeld und Goldmünzen.

Man fragt sich schon, warum einer mit einem Koffer voller Bargeld und Gold nach Italien reist, in der Erwartung, in einem Hotelzimmer ein seriöses, lukratives Geschäft abschließen zu können.

Diese Art Betrug ist sehr häufig geworden. Die Leute denken zu wenig nach. GFG.

Wie bitte?

Gier frisst Gehirn.

Was sind Sie? Detektiv? Inkasso-Unternehmer? Kopfgeldjäger?

Ich bin einfach Ermittler, ich halte nichts von diesem Kopfgeldjäger-Schmarrn. Wir ermitteln bei Insolvenzverschleppung, bei Anlage- und Darlehensbetrug. Ich finde Personen, Geld oder Informationen. Dafür bekomme ich Tagessätze oder Provisionen. Wenn Sie um mehr als 50.000 Euro betrogen wurden, können Sie mich engagieren.

Wieso zahlen Ihre Kunden Ihnen Geld und gehen nicht einfach zur Polizei?

Ich besorge ihnen ihr Geld wieder. Und manchmal ist es auch kein offizielles Geld, das sie verloren haben bei dem Betrug. Ich rate meinen Kunden dennoch, auch Anzeige zu erstatten, wenn möglich.

Wie bringen Sie jemanden dazu, Geld wieder rauszurücken?

Ich finde die Person und arrangiere, dass sie einer Einladung folgt, beispielsweise zu einem Bootstrip. Dann haben wir Zeit für ein Gespräch auf hoher See. Sie hat dann die Wahl: Wenn sie das Geld nicht rausrückt, gehe ich zur Behörde, sie ist das Geld los und kassiert noch eine Strafe. Die Leute haben bisher immer mit mir kooperiert.

Was muss man als Ermittler mitbringen?

Gespür für andere Menschen. Als Kind habe ich schon Leute beobachtet. Meine Eltern bewirtschafteten die Schwaigeralm am Tegernsee. Da waren keine anderen Kinder zum Spielen. Stattdessen habe ich die Erwachsenen beobachtet. Und wenn ich gerade die Kühe gehütet habe, bin ich Spaziergängern hinterhergeschlichen. Wenn die Köche Fleisch geklaut haben, habe ich sie ertappt und meinem Vater davon erzählt. So fing das wohl an.

Sie sind dann im Milieu gelandet.

Ich habe als Koch auf der Schwaigeralm angefangen, bei meinen Eltern. Die für ein bescheidenes Geld und ein Leben voller Sorgen sieben Tage die Woche hart gearbeitet haben. Später war ich stiller Teilhaber mehrerer Clubs in München.

Sie begannen in dieser Zeit, den Behörden Hinweise zu geben über Drogen, die in Ihren und anderen Etablissements gehandelt wurden.

Genau, ich habe jahrelang mit den Behörden zusammengearbeitet. Das war ein dreckiges Geschäft.

Als V-Mann.

Genau.

Was hatten Sie davon?

Geld, ein gutes Gefühl. Abenteuer.

Man macht sich keine Freunde.

Nein. Deswegen bin ich 1995 nach Italien gegangen und habe mir da ein neues Leben aufgebaut. Ich hatte viele Drohungen bekommen, und die ersten Leute, die ich mit in den Knast gebracht hatte, wurden entlassen. Es wurde ungemütlich.

Warum sind Sie zurückgekommen?

Mein Sohn sollte in eine deutsche Schule gehen, und es war schon etwas Gras über einige Sachen gewachsen.

Wer hat Sie beauftragt, den Wertpapierbetrüger Florian Homm zu suchen?

Florian Homm mit Ex-BVB-Geschäftsführer Michael Meier

Wertpapierbetrüger Florian Homm (r.), hier 2004 mit dem damaligen BVB-Geschäftsführer Michael Meier 

Über meine Auftraggeber gebe ich keine Auskunft. Manchmal kenne ich sie nicht einmal. Bei Herrn Homm lief das über einen zwischengeschalteten Rechtsanwalt.

Es waren jedenfalls Leute, die Herr Homm um Geld gebracht hat.

Den Auftraggebern ging es um 30 Millionen, die sie ihrer Meinung nach von Homm zu bekommen hatten.

Sie haben dann ein spektakuläres Video aufgenommen, in dem Sie die 1,5 Millionen Euro, die als Belohnung ausgesetzt waren, gefilmt haben. Warum?

Ich wollte zeigen: Das Geld ist da. Und natürlich erhöht man so auch den Druck. Homm hat sich später dazu geäußert. Er nannte das "menschenverachtend" . Er konnte niemandem mehr trauen, auch seinem engsten Umfeld nicht. Das ist kein Leben. Selbst in der liberianischen Botschaft, wo er zeitweise untergekommen war, begannen einfache Angestellte freundlich nachzufragen, was er am Abend noch so vorhabe.

Josef Resch in einem Youtube-Video

In einem Internetvideo zeigte Resch – aus Sicherheitsgründen leicht getarnt – 1,5 Millionen Euro Kopfgeld vor, die er auf Anlagebetrüger Florian Homm ausgesetzt hatte


Woher hatten Sie das Geld?

Von dem vermittelnden Anwalt. Dort habe ich es abgeholt, die 500-Euro-Scheine in eine Plastiktüte gestopft, dann in einen Rucksack, damit bin ich in das Hotel gefahren, wo wir das Video gedreht haben.

Danach meldeten sich viele Leute.

Ja. Einige hat mir der Homm sogar selbst geschickt. Um falsche Fährten zu legen. Um mich zu beschäftigen. Um herauszufinden, was ich weiß.

Wie viele haben sich gemeldet?

Ungefähr hundert Leute. Die meisten waren Spinner. Ein Schamane aus Mombasa oder Madagaskar oder so war auch dabei.

Wer hat Ihnen verwertbare Infos über Homm gegeben?

Sogenannte Freunde. Verräter sind immer gute Freunde, Verwandte und Leute, mit denen man zusammengearbeitet hat.

Ein wichtiger Tipp kam von der Haushaltshilfe der Mutter von Homm.

Wir haben die Haushälterin ein paarmal getroffen. Sie wollte sich die Belohnung verdienen. Sie sagte, dass Homms Mutter ihren Florian in Frankreich treffen wollte, per Schiff. Die Haushaltshilfe sollte sie begleiten. Wir gaben ihr einen Peilsender, den sie in der Handtasche der Mutter deponieren sollte. Leider war der Sender irgendwann tot.

Warum?

Die Dame wollte mir später weismachen, der Sender sei beim Verlassen des Bootes irgendwie ins Wasser gefallen. Vielleicht hat sie Skrupel bekommen, vielleicht wurde sie durchschaut. Vielleicht beides.

Was hatten Sie vor mit Homm, wenn Sie ihn gekriegt hätten? Ihn foltern?

Wir hätten auch ihn vielleicht auf ein Schiff gebracht. Hätten ihn vor die Wahl gestellt, die Forderungen meiner Auftraggeber zu erfüllen, oder wir wären in internationale Gewässer gefahren. Das FBI war mit Zielfahndern hinter ihm her. Ich hätte den Homm aber niemals an die USA ausgeliefert. Ich hätte nur damit gedroht.

Der Suchauftrag in Sachen Homm wurde später zurückgezogen. Warum?

Herr Homm hat telefoniert oder telefonieren lassen. Es gab vielleicht fünf, sechs Parteien, die für einen solchen Auftrag infrage kamen. Die wurden nacheinander angerufen, es wurde ihnen ein Angebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnten. Wenn Sie wissen, was ich meine.

Wissen wir nicht. Was für ein Angebot?

Eines, das Angst macht. Die hatten die Hosen voll. Es kam ein Schreiben vom Anwalt, dass ich die Bemühungen einstellen soll.

Und wie sind Sie bezahlt worden?

Ich hätte 20 Prozent vom zurückgeführten Kapital bekommen.

Dann haben Sie ja umsonst gearbeitet.

So kann man das jetzt mal stehen lassen. Zu finanziellen Dingen sage ich nichts.

Sie haben nicht umsonst gearbeitet.

Bohren Sie nicht so nach. Ich komm schon auf mein Geld.

Die Sache nahm eine überraschende Wendung. Homm wurde im März 2013 nach einem Treffen mit Exfrau und Sohn in Italien verhaftet und kam in Auslieferungshaft. Er war sehr krank. Dann kam seine Mutter ausgerechnet auf Sie zu.

Sie wusste ja inzwischen, was ich kann. Ich sollte ihren Sohn aus dem Gefängnis befreien, falls alle juristischen und diplomatischen Bemühungen gegen die Auslieferung nach Amerika nicht fruchten sollten.

Und Sie haben Ja gesagt.

Hätte er sich an Kindern vergriffen oder Leute umgebracht, hätte ich Nein gesagt.

So aber haben Sie eine kleine Armee engagiert?

Natürlich nicht. So etwas macht man mit Geld, und es ist nicht billig. Da müssen eine Menge Rentenkassen gefüllt werden.

Wie lautete Ihr Kostenvoranschlag?

Fünf Millionen Euro plus 150.000 Euro für einen Leichenschein und einen maßgeschneiderten Sarg. Plus mein Honorar. Ich plante, Homm nach der Befreiung im Leichenwagen aus Italien zu holen.

Das alles hätte Frau Homm bezahlt.

Ja. Aber es war nicht nötig. Er kam auf juristischem Wege frei.

Fünf Millionen – eine Menge Geld, das man sehr schnell hätte nachzählen müssen. Alle Beteiligten haben in so einer Situation ja eine gewisse Eile.

Zehntausend 500-Euro-Scheine kann man nicht mal eben nachzählen. Die werden durch Zufallsstichproben auf Echtheit gecheckt. Und dann gewogen.

Aha. Was wiegen denn fünf Millionen Euro?

11,2 Kilogramm.

Man nennt Sie hin und wieder den "Mann fürs Grobe".

Das ist ein Schmarrn. Ich bin über 30 Jahre im Geschäft. Ich bin nicht vorbestraft. Ich arbeite mit den Behörden gut zusammen. Das würden die keine Sekunde machen, wenn ich Methoden anwenden würde, die nicht legal sind.

Sie nehmen auch nie mal jemanden im Transporter mit und erzählen ihm, was alles passieren könnte?

So was sagt man sowieso niemals selber. Ich will nicht drohen. Ich will helfen. Manchmal muss man die Leute halt warnen. Es gibt Schöneres.

Den Charmeurtrick.

Die Sicherheitslücken eines jeden Systems sind die Menschen. Ihre Enttäuschungen, ihre Eitelkeit, ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Chefs sichern ihre Daten mit den kompliziertesten Methoden, und dann behandeln sie ihre Sekretärin schlecht. Die Zugriff auf alles hat.

Was ist jetzt der Charmeurtrick?

Der älteste Trick der Welt. Ich will an den Mann ran und gehe über seine Mitarbeiterin. Ich lasse es wie Zufall aussehen. Ich fahre ihr eine Beule ans Auto, bin charmant, zahle, will sie wiedersehen. So bekommt man mit Geduld, was man braucht.

Wrackteile von Flug MH17

Noch immer ist nicht offiziell geklärt, wer Flug MH17 der Malaysian Airlines mit 298 Menschen an Bord 2014 über der Ostukraine abschoss. Resch bot 47 Millionen Euro für Hinweise


Würden Sie uns immer noch 30 Millionen Dollar zahlen, wenn wir wüssten, wer vor eineinhalb Jahren Flug MH17 über der Ukraine abgeschossen hat?

Ich hatte zwar mal eine Belohnung ausgesetzt, aber das Geld stammte ja nicht von mir, sondern von meinem Auftraggeber. Die Sache ist im Moment erledigt. Mein Honorar wurde bar ausgezahlt.

Wer war Ihr Auftraggeber? Ein Geheimdienst? Eine Regierung?

Ich weiß es nicht, der Kontakt lief über einen Schweizer Mittelsmann. Vor zwei Jahren trat man an mich heran. Ob ich nicht auf meiner Internetseite die Nachricht platzieren kann: Wer Hinweise geben kann, wer das Flugzeug abgeschossen hat, bekommt 30 Millionen Dollar Belohnung. Außerdem haben wir noch einmal 17 Millionen Dollar ausgelobt für den, der uns sagen kann, welche Institution oder welcher Staat das vertuscht. Viele Leute meldeten sich. Ich bekam nicht nur Informationen, sondern auch Morddrohungen.

Wie viele Leute haben sich gemeldet?

2000. Allerdings bekam ich am Ende nur einen Hinweis darauf, wer etwas über den Abschuss der MH17 vertuscht.

Gibt es eigentlich irgendwelche Belege, dass stimmt, was Sie uns erzählen?

Die Belege hat der Auftraggeber, und meine Aufzeichnungen sind beim Notar.

Es könnte alles ausgedacht sein. Es gibt keine externen Belege.

Kommen Sie, wir gehen zur Bank, da zeige ich Ihnen, dass ich eine Provision für den MH17-Auftrag bekommen habe. Ich musste das beim Finanzamt melden, um keinen Geldwäscheverdacht aufkommen zu lassen.

Eine Woche später führt Resch in seine Hausbank, die Deutsche Bank in Travemünde. Ein Mitarbeiter legt Buchungsbelege vor. Einer weist am 1. September 2014 eine Einzahlung auf das Konto von Resch auf, ein fünfstelliger Betrag. Resch sagt, das sei eine Art Anzahlung seines Auftraggebers gewesen. Am 17. September 2014 stellt er die Belohnung online. Zudem legt der Banker einen weiteren Auszug vor, er stammt vom Juni 2015 und weist einen sechsstelligen Betrag aus. Dies sei ein Teil der Provision, sagt Resch, der Verwendungszweck lautet auf MH17 und den Namen eines Finanzbeamten und Finanzamtes, bei dem er die Einzahlung angemeldet hat.

Ein Beweis ist das nicht. Wenn jetzt einer daherkommt und sagt: Der Resch lügt ...

... dann muss er damit leben. Glauben Sie mir, meine Suche nach einem Informanten zum Abschuss von MH17 ging über Monate. Es war keine schöne Zeit.

Wer hat das Flugzeug abgeschossen?

Ich weiß es nicht. Aber selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen, weil ich mich zum Schweigen verpflichtet habe.

Es geht um viele Menschenleben. Es ist sehr viel Leid entstanden.

Aber es würde vielleicht noch viel mehr Leid entstehen, wenn die Menschen wüssten, was passiert ist. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und auch, dass intern schon sehr viel mehr bekannt ist als in der Öffentlichkeit.

Wie viel müsste man zahlen, damit Sie sagen, was Sie wissen? 100 Millionen?

Was soll ich mit 100 Millionen? Ich bin fest davon überzeugt, dass einige Regierungen ein ziemliches Problem hätten, wenn das öffentlich würde. Und damit auch die Bevölkerungen. Das ist auch ein Grund, warum ich aufhöre. Ich habe die Sache unterschätzt.

Können Sie noch ruhig schlafen?

Ich konnte noch nie ruhig schlafen. Zwei, drei Stunden am Stück, mehr ist nicht drin.

Das liegt an Ihrem Job?

Das liegt am Leben.


Dieses Interview ist dem aktuellen stern entnommen

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