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Glibber mit Grips

Sie dekorieren ihr Eigenheim, nutzen Werkzeuge und kommunizieren mit Hilfe ihrer Haut. Tintenfische sind kein tumber Wackelpudding, sondern hoch intelligent. Deshalb sollen sie nun besser geschützt werden.

Von Simone Einzmann

Emily Dickinson liegt verschüchtert in einer Ecke des Aquariums, ihre Arme unter dem Kopf verschränkt, ihre Haut ein blasses Braun. Kritisch begutachtet sie mit ihren großen Augen die Besucher, selbst ein Krabbenhäppchen kann sie nicht aus der Reserve locken. Ihre Kollegin Lucretia McEvil im Becken nebenan hat mal wieder einen ihrer Wutanfälle. Ihre Haut leuchtet blutrot, während sie den Aquariumfilter in Stücke reißt. Der Charmeur Leisure Suit Larry lässt sich den beiden Damen nicht beeindrucken. Grazil dreht er Pirouetten im Wasser, um dann seinem Aufpasser einen seiner acht Arme entgegenzustrecken. Gierig betastet und schmeckt er mit hunderten Saugnäpfen dessen Haut, übersäht sie ungeniert mit kalten Küssen.

Für die Mitarbeiter des Meeresaquariums in Seattle steht schon lange fest, dass es sich bei Tintenfischen um äußerst intelligente Zeitgenossen handelt und dass jeder von ihnen eine eigene Persönlichkeit besitzt. Deshalb haben alle ihre Schützlinge einen Namen.

Komplexe Denkleistungen, ausgeprägtes Schmerzempfinden

Seit langem kämpfen Tierschützer weltweit für den Schutz der schlauen Meerestiere. Doch noch immer werden jährlich Millionen Tonnen Tintenfische gefangen. Sie landen als Kalamari fritti auf dem Teller oder fristen in Versuchslaboren ein trauriges Dasein. Auch wenn die seltsame Tierart für viele nur den Charme eines Wackelpuddings versprüht - Forscher sind sich einig, dass die Glibbertiere ganz schön viel Grips im Kopf haben.

In einer kürzlich im Biological Bulletin veröffentlichten Studie unterstreicht Binyamin Hochner, Neurowissenschaftler an der Universität Jerusalem, die erstaunliche Intelligenz der Tintenfische: "Vor allem die für die Erinnerung und die Lernfähigkeit verantwortlichen Gehirnregionen des Oktopus sind mit denen von Wirbeltieren völlig vergleichbar." Tintenfische sind zu komplexen Denkleistungen fähig, haben ein Kurz- und Langzeitgedächtnis, nutzen Werkzeuge, lernen durch Beobachtung, zeigen unterschiedliche Persönlichkeiten und haben ein ausgeprägtes Schmerzempfinden - Merkmale, die bislang nur Wirbeltieren zugeschrieben wurden.

S-Klasse der Wirbellosen-Evolution

Derzeit wird in Brüssel über die Revision einer noch aus den 80er Jahren stammenden EU-Richtlinie diskutiert. Tierschützer hoffen, dass Tintenfischen endlich der gleiche Schutz in Laboren und Restaurantküchen gewährt wird wie Affen, Hunden und Katzen. Bislang können Tintenfische in vielen Ländern am lebendigen Körper seziert werden, ohne dass das Labor eine Genehmigung dafür beantragen müsste. Auch deutsche Tierschützer üben Druck auf die EU-Verantwortlichen aus. "Der deutsche Gesetzgeber hat bereits die besondere Stellung von Tintenfischen akzeptiert", sagt Steffen Seckler vom Deutschen Tierschutzbund, "doch über ein Drittel aller Versuchtiere sind noch nicht in den EU-Richtlinien erfasst."

Vermutlich entwickeln Tintenfische verschiedene Persönlichkeiten, damit sie sich leicht an Situationen und Umgebungen anpassen zu können. Als Babys treiben die winzigen Tiere getrennt von ihren Eltern wochenlang als Plankton auf der Wasseroberfläche, bis sie schließlich auf den Meeresboden sinken. Jedes Jungtier sieht sich daher mit einem anderen Lebensraum konfrontiert, der spezielle Jagdmethoden erfordert. Mit einem programmierten Verhaltensrepertoire, wie es seine Verwandten vom Stamm der Weichtiere oder auch viele Wirbeltiere an den Tag legen, wäre der Tintenfisch aufgeschmissen. Seine Flexibilität macht den Tintenfisch zur S-Klasse in der Wirbellosen-Evolution.

Schwimmende Diashows

Sein schier unendliches Repertoire an immer neuen Hautmustern und Täuschungsmanövern sehen Forscher als Indiz für den Scharfsinn des Tintenfischs. Er nutzt seine Hautmuster nicht nur zur Tarnung, sondern auch als Mittel der Kommunikation - er drückt damit seine Interessen und Stimmungen aus.

Manche Arten sind wie schwimmende Diashows, tarnen sich mal als kleines Korallenriff, mal als treibende Kokosnuss. Männliche Tintenfische tarnen sich bisweilen sogar als Weibchen, um ungestört hinter dem Rücken eines größeren Rivalen mit dessen Gespielin zu kopulieren. Dabei verstecken sie ihren typisch männlichen Fangarm, verleihen ihrer Haut ein feminines Sprenkelmuster und nehmen eine Art Eiablege-Stellung ein. Eine riskante Taktik, kann doch der aufreizende neue Look auch das amouröse Interesse des männlichen Begleiters auf sich ziehen. Und tatsächlich wurden bereits Spermapakete in den Hautfalten männlicher Tintenfischen gefunden.

Halten sie regelrechte Siestas?

Bei ihrer Eigenheimpflege zeigen Tintenfische fast menschliche Züge. Sie halten ihre Behausung penibel in Ordnung und verändern sie unermüdlich: Reißen herunterhängende Algenstränge ab, räumen die Inneneinrichtung mehrmals um, beseitigen Abfall und bauen kleine Mäuerchen um den Eingang. Dabei benutzen sie unter anderem abgestorbene Korallenbruchstücke als Werkzeug.

Stephen Duntley, Schlafforscher an der Universität Washington, vermutet sogar, dass Tintenfische regelrechte Siestas halten, wenn sie sich nach getaner Arbeit in ihrer selbstgebauten Unterwasserhöhle einkuscheln. Er beobachtete, wie die Augen glasig wurden, die Atmung flach und wie die Haut in Intervallen von zehn Minuten von matt braun zu leuchtend rot wechselte, während die Arme dabei zuckten. Duntley glaubt, dass Tintenfische träumen und dass das beobachtete Verhalten mit dem REM-Schlaf vergleichbar ist, den wir bisher nur von Säugetieren kennen.

Zügellose nächtliche Fressorgien

Auch sind Tintenfische sehr gewieft, wenn es darum geht, sich ihr Abendbrot zu organisieren. Sie wurden nicht selten dabei ertappt, wie sie nachts aus ihren Aquarien entfleuchten, in benachbarte Fischtanks schlüpften und dort in einer zügellosen Fressorgie die Bewohner herunterschlangen. Selbst vor Haien machten sie nicht Halt. Nach ausgiebigem Festmahl krochen sie, die Unschuld selbst, in ihr Becken zurück. Fast wären sie davongekommen, hätten sie nicht feuchte Schleimspuren als Beweis für ihre nächtliche Exkursion auf Wänden und Böden zurückgelassen.

Auch in der freien Wildbahn wurden die klugen Kopffüßler beobachtet, wie sie an Bord von Fischerbooten kletterten, die Ladeklappe öffneten und sich an der leckeren Fracht zu schaffen machten.

Riesiges Hirn, wenig Zeit

Weil das Verhalten der Tintenfische und ihre Gehirnstruktur uns so fremd sind, vermuten manche Forscher, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten immer noch nicht völlig erfasst sind. Sie stellen die tief sitzende Auffassung in Frage, die davon ausgeht, dass sich Intelligenz ganz linear weiterentwickelt hat: von den Fischen und Vögeln, zu den Wirbeltieren, frühen Primaten und schließlich zum Menschen. Tintenfische liefern ein ganz neues Modell der Intelligenz.

Da sie allerdings meist nicht älter als zwei Jahre werden, bleibt ihnen eine langjährige Wissensansammlung verwehrt. Ronald O'Dor, kanadischer Tintenfischforscher sagt: "Bestimmt hadern sie manchmal mit dem ungerechten Lauf der Evolution, der sie mit einem riesigen Gehirn ausstaffiert hat, aber nur wenig Zeit, es zu benutzen und kaum Möglichkeiten, sich zu entfalten."

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