Wie starb Gaddafi?

20. Oktober 2011, 19:30 Uhr

Sicher ist: Muammar al Gaddafi ist tot. Doch wie genau starb er? Erlag er seinen Schussverletzungen? Wurde er gar hingerichtet? Die Umstände seines Ablebens bestimmen die Zukunft des Landes mit. Von Niels Kruse

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Unfreiwillig haben die libyschen Revolutionäre dem verhassten Ex-Diktator am Ende doch noch einen Gefallen getan: Muammar al Gaddafi, 69 Jahre alt, wollte nie aufgeben oder sein Reich gar an die "vom Ausland gesteuerten Marionetten" übergeben. Er wollte im Kampf fallen. Und so ist es nun auch geschehen. Wenngleich weniger heldenhaft, als er sich das wohl vorgestellte hatte: In einem Loch habe er sich versteckt, als die Kämpfer der Regierungstruppen anrückten, berichtet einer von ihnen, und dabei "nicht schießen, nicht schießen" gerufen. Doch das letzte Flehen des Mannes, der 42 Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet hatte, wurde nicht erhört. Er starb am 20. Oktober 2011 - 247 Tage nachdem die Revolution in Libyen mit dem Mord an hunderten von Demonstranten ihren Ausgang nahm.

Die Handybilder, die vom toten Gaddafi kursieren, zeigen das bleiche, blutverschmierte Antlitz eines in die Leere starrenden Mannes. Sein Kopf lehnt auf einem mit weißer Hose bekleideten Bein, das Gesicht hat den Bart Gaddafis, die Haare Gaddafis, die Züge Gaddafis. Es besteht kein Zweifel daran, dass es sich bei der Leiche um die des Ex-Machthabers handelt, die Frage ist nur, wie genau kam er ums Leben? "Wir verkünden der Welt, dass Gaddafi durch die Hände der Revolution getötet wurde", erklärte triumphierend Abdel Hafes Ghoga, Sprecher der neuen libyschen Führung. Heißt das, er wurde von den Kämpfern der Übergangsregierung regelrecht hingerichtet? Oder starb er an den Folgen seiner Verletzungen, die er bei einem Angriff erlitten haben soll, wie die meisten Nachrichtenagenturen und TV-Sender berichten?

Wurde Gaddafi durch Nato-Angriffe verwundet?

Seit rund zwei Wochen lang war Sirte, die Geburtstadt Gaddafis und letztes Widerstandsnest seiner Getreuen, unter Dauerbeschuss von Alliierten und Aufständischen. Zwar wurde vermutet, dass sich der Despot hier aufhalten würde, sicher allerdings war das nicht. Bis heute. Denn nur kurz nachdem der Ort fiel, soll Gaddafi versucht haben, sich abzusetzen – und wurde bemerkt. Laut eines Militärvertreters des Übergangsrats Abdel Madschid Mlegta, hatte der Ex-Machthaber versucht, in einem Konvoi aus der belagerten Stadt zu fliehen.

Auf ihrem Weg raus aus der belagerten Stadt will die Nato eigenen Angaben zufolge "zwei Militärfahrzeuge der Pro-Gaddafi-Truppen" angegriffen haben, die als Teil einer größeren Kolonne nahe Sirte unterwegs waren. Wurde Gaddafi bereits jetzt schon schwer verwundet, wie die Nato vermutet? Zumindest habe ein Krankenwagen den Verletzten wegbringen wollen, doch kurz darauf sei er gestorben, wie es in einigen Quellen hieß. Zugleich sagte ein Rebellen-Kommandeur, seine Leute hätten die Gruppe mit der Gaddafi unterwegs war, heftig geschossen. Dabei wurde er in den Kopf getroffen und "ist im Feuer der Kämpfer ums Leben gekommen".

Wo genau starb Gaddafi?

Fand der Exzentriker nun sein Ende in einem Erdloch, wie einst Saddam Hussein, wurde er bei Kämpfen erschossen oder erlag er seinen schweren Verletzungen? Die unterschiedlichen Darstellungen widersprechen sich natürlich nicht zwingend. Eine plausible Variante des Dramas: Vielleicht haben die Nato-Flugzeuge haben den Konvoi durch ihre Angriffe gestoppt, die Rebellen ihn danach unter Feuer genommen, Gaddafi und seine Leute haben versucht Reißaus zu nehmen und wurden letztlich von den Kämpfern gefangen genommen. Möglich ist auch das. Doch wo genau? Einigen Berichten zufolge ist er bei der Flucht aus einem Haus gestellt worden, laut anderen zufolge wurde er versteckt hinter großen Betonröhren, in einem Abwasserkanal getötet.

Sicher ist: Den Tod fand er durch zahlreiche Schüsse. Ein Arzt, der den Leichnam Gaddafis untersucht hat, sagte dem Nachrichtensender al Dschasira, Gaddafi sei am Kopf und am Bauch von Schüssen getroffen worden. Für die Obduktion wurde der Leichnam des Ex-Diktators kurz nach seinem Tod per Hubschrauber von Sirte nach Misrata gebracht - die Stadt wurde vor der Ankunft des toten Körpers streng gesichert, hieß es aus Kreisen des Übergangsrats. Offenbar sind sich die neuen Regenten noch nicht ganz sicher, welche Reaktionen ein toter Gaddafi bei seinen verbliebenen Anhängern auslösen wird.

Ein lebender Gaddafi wäre dienlicher gewesen

Die Außenexpertin der Grünen, Kerstin Müller, sagte in einer ersten Stellungnahme, sie hätte sich gewünscht, dass Gaddafi lebend gefangen worden wäre, und man ihn dem Internationalen Strafgerichtshof übergeben hätte. Vermutlich wäre das für Libyen in der Tat die bessere Lösung gewesen. Denn sollte der Ex-Diktator tatsächlich durch die Hand der Rebellen ums Leben gekommen sein, wäre das ein gefundenes Fressen für seine letzten Getreuen. Sie werden keine Möglichkeit auslassen, ihn zum Märtyrer zu stilisieren, um gleichzeitig die neue Regierung als mordende Barbarenhorde zu diskreditieren. Und der für Libyen dringend nötige innere Aussöhnung wäre ein Gerichtsverfahren gegen Gaddafi sicher dienlicher gewesen als die verständlichen Jubelfeiern über den Tod des verhassten Mannes. Die Siegestrophäe, die die Aufständischen ihm nun entrissen haben, seinen berühmten goldenen Revolver jedenfalls, hätten die neuen Herrscher jedenfalls auch so bekommen.

 
 
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