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16. Juli 2008, 15:37 Uhr

Israel trauert, die Hisbollah feiert

Bis zur letzten Minute hatten die Familien der entführten israelischen Soldaten noch gehofft, dass beide die Grenze lebend passieren würden. Doch beim Gefangenenaustausch wurden lediglich zwei hölzerne Särge übergeben. Israel verfällt in tiefe Trauer, während die Hisbollah ihren Triumph feiert. Von Sabine Brandes, Jerusalem

Die zwei schlichten Holzkisten mit den sterblichen Überresten von Ehud Goldwasser und Eldad Regev© Issam Kobeisy/EPA

Die Konfrontation mit dem Tod beginnt früh in Israel. Schon Vier- und Fünfjährige begehen den Gedenktag für die in den Kriegen gefallenen Soldaten. Schrill ertönt die Sirene am "Jom Hasikaron", die Mädchen und Jungs stehen still, entzünden Kerzen und ehren die Toten. Kaum eine Familie, ist nicht in irgendeiner Weise von Krieg und Terror betroffen. Wie die Harans aus der Küstenstadt Nahariya. 1979 tötete der damals erst 16-jährige Libanese Samir Kuntar den Vater und die vierjährige Tochter der Familie. Für die überlebende Mutter ist der Alptraum bis heute nicht beendet.

Nur wenige Straßen weiter im selben Städtchen wohnen die Goldwassers. Das Schicksal der beiden Familien ist auf tragische Weise verwoben: Vor zwei Jahren verschleppten Mitglieder der Hisbollah-Miliz in einer geplanten Aktion ihren Sohn Ehud sowie seinen Kameraden Eldad Regev, als die beiden ihren Reservedienst an der Grenze zum Nachbarland absolvierten. Die Entführung war der Zündfunke für den zweiten Libanonkrieg im Sommer 2006.

Zwei lange Jahre warteten die Familien der beiden jungen Männer vergeblich auf ein Lebenszeichen, etwas, woran sie sich klammern können, ein Stückchen mehr als die bloße Hoffnung, sie könnten halbwegs wohlauf sein. Sie reisten um die Welt, um ihre Söhne nicht in Vergessenheit gleiten zu lassen, suchten Verbündete für die Befreiung. Das eisige Schweigen, in das sich Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hüllte, suchte seinesgleichen. Keine noch so tränengetränkte Bitte der Angehörigen konnte ihn erweichen, kein noch so drängender Appell ihn von seiner Mission abbringen - einen Sieg gegen Israel zu erzwingen.

Die beiden getöteten Soldaten: Ehud Goldwasser (rechts) und Eldad Regev© Reuters

Als Sieg über den verhassten Nachbar wurde der umstrittene Gefangenenaustausch nun auch begangen. Eine Triumphfeier mit dröhnender Musik, Flaggenmeer und rotem Teppich. Stundenlang warteten Gesandte der Hisbollah in Feierlaune, gelbe Baseballmützen auf dem Kopf, auf die Rückkehr ihrer Kampfesgenossen aus israelischer Haft.

Auch jenseits der Grenze, in Israel, hatte das Warten endlich ein Ende. Doch von Feierlaune keine Spur. Die zynischen Plakate auf libanesischer Seite "Israel vergießt Tränen der Trauer - während im Libanon Freudentränen fließen" ist düstere Wahrheit geworden. Bei der Ankunft der schlichten schwarzen Holzsärge brachen viele Angehörige der Soldaten zusammen. Die Identifikation der Toten dauerte statt Minuten mehrere Stunden, da sich die Körper nach Auskunft der israelischen Armee in einem schrecklichen Zustand befanden. Einige Tage vor dem Austausch antwortete Ehud Goldwassers Ehefrau Karnit auf die Frage, was sie von jenem Tag erwarte: "Ich will nur endlich nach Hause gehen, um mit meinem Schmerz allein zu sein". Es schien, als wisse sie bereits, was auf sie zukommen werde.

Die israelische Öffentlichkeit wusste es nicht, Regierungschef Ehud Olmert und seine Minister offenbar schon, wie am schnell bekannt wurde. Der Austausch, der vom Kabinett beschlossen werden musste, war monatelang diskutiert worden. Letztendlich wurde der Handel, den der deutsche Vermittler Gerhard Conrad wesentlich mit auf den Weg gebracht hatte, mit einer großen Mehrheit von 22 zu drei Stimmen angenommen. "Es muss einfach ein Ende geben", lautete das häufig geäußerte Argument der Befürworter. Die Gegner sagten, der Preis für die Rückkehr von sterblichen Überresten schlicht zu hoch sei. Ex-Außenminister Silvan Shalom machte deutlich, wie schmerzlich dieser Preis für sein Land sei: "Wir haben diesen Krieg nicht gebraucht, sondern stattdessen 120 junge Soldaten verloren. Und der Gefangenenaustausch zeigt klar, dass nun die Kosten für Gilad Shalit um ein Vielfaches höher sein werden".

Der damals 18-jährige Shalit wurde im Juni 2006 von Hamas-Aktivisten nach Gaza verschleppt. Im Gegensatz zu den im Libanon entführten Männern gab es bereits mehrere Lebenszeichen von dem Soldaten, es wird davon ausgegangen, dass er in einem Keller in Gaza festgehalten wird. Seine Eltern kämpfen verzweifelt für die Freilassung ihres Sohnes.

In Israels Bevölkerung ist der Deal zwischen Israel und der Hisbollah schon lange und immer noch Stoff für endlose Diskussionen. "Man darf niemanden mit 'Blut an den Händen' für Tote austauschen", sagen nicht wenige. Samir Kuntar gilt als notorischer Terrorist, als Personifizierung des Bösen. "Wer ein vierjähriges Kind mit seinen eigenen Händen umbringt, der ist kein Mensch", so die gängige Meinung. Kuntar wurde deswegen zu fünf Mal lebenslänglich verurteilt, und sollte das israelische Gefängnis nie wieder verlassen. Es kam anders.

Für viele Libanesen ist Kuntar ein Held

Statt hinter schwedischen Gardinen sein Leben zu fristen, wartete nun ein roter Teppich auf ihn. Für viele Libanesen ist Kuntar ein Held, einer, der es mit dem Feind aufgenommen und Israel gezeigt hat, wie verwundbar es ist. Schon Tage vor der geplanten Übergabe wurden seine Mutter und Bruder interviewt und auf die Rückkehr vorbereitet. Für diese Glorifizierung hat Schlomo Goldwasser keinerlei Verständnis. Kurz nachdem er die traurige Gewissheit hatte, dass sein Sohn Ehud nicht mehr am Leben ist, sagte er im Hinblick auf die Feierlichkeiten im Nachbarland: "Das ist, was die Menschen dort wollen? Einen Terroristen, der ein vierjähriges Mädchen und einen Familienvater getötet hat, zum Helden machen? Dann verdienen sie wirklich nur noch Mitleid."

Auch diese Worte werden Nasrallah wohl kaum erreichen. Er sonnt sich in Selbstgefälligkeit und lässt sich von seinen Verbündeten feiern. Ismail Hanija, Anführer der Hamas, hat bereits seine Glückwünsche aus Gaza übermittelt. Im Großteil der arabischen Welt wird der Austausch als klarer Sieg für Hisbollah angesehen. Schon vor zwei Jahren galt die Miliz als die einzige, die der übermächtigen israelischen Armee die Stirn bieten konnte. Der jetzige Handel wird als Nasrallahs endgültige Krönung angesehen. Zumindest auf kurzfristiger und oberflächlicher Ebene. Wer tiefer in die politischen Strukturen des Libanon schaut, sieht, dass der Hisbollah-Chef dringend einen Erfolg vorweisen musste. Die Unruhen in und um Beirut und die lauter werdenden Stimmen gegen Hisbollah sowie Israels gesponserte Tötung von Hisbollah-Führungskopf Ihmad Mugnijeh schwächten Nasrallah zusehends.

Handel ein Zeichen der Stärke für Israel

Israels Regierungssprecher Mark Regev sieht dagegen den Feind keineswegs gestärkt. Er beschreibt den Handel als Zeichen der Stärke für sein Land. Für den Judenstaat ist es Tradition, "keinen Soldaten im Feld zurückzulassen und niemanden in Feindes Hand". Der jüdische Glaube schreibt vor, dass der Körper des Verstorbenen so vollständig wie möglich bestattet werden muss. Regev: "Wir mussten unsere beiden Soldaten wiederholen. Es gab keine Wahl. Für die Familien, für unser ganzes Land und alle jungen Menschen, die ihren Dienst in der Armee tun. Wir mussten zeigen, dass wir niemanden zurücklassen." Schwäche hingegen sei, so der Sprecher weiter, einen Mörder zum Helden zu erklären. Regev glaubt, dass Israel trotz des hohen Preises bereit sei, mit dem Libanon Frieden zu schließen. "Doch dafür müssen wir erst sehen, inwieweit sich die neue Regierung gegen die Hisbollah stellen wird."

So traurig der Tag für Israel auch sein mag, für die Moral ist es gut, dass dieses Drama nun ein Ende gefunden hat. Und sich nicht, wie bei dem im Libanon verschwundenen Piloten Ron Arad als endloses Trauma in das Gedächtnis der Generationen einbrennt. Gleichzeitig jedoch ist die Gefahr groß, dass dieser außergewöhnlich hohe Preis den Staat teurer zu stehen kommt und potentielle Terroristen in Versuchung führt, ähnliche Entführungen zu inszenieren.

Von Sabine Brandes, Jerusalem
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
KlaraSinger (17.07.2008, 17:07 Uhr)
Mein Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen
der mehr als 190 libanesischen und palästinensischen Kämpfer ebenso wie der Familie der zwei Israelischen Soldaten, die zur Begründung des 2.Libanonkrieges benutzt wurden, und über die jetzt ein Ehud Olmert Tränen vergießt.
;
Der gleiche Mann, der auf den angebotenen Austausch der lebenden Soldaten nicht einging und lieber einen unsinnigen Vernichtungskrieg auslöste.
Aber ein Austausch hätte sich natürlich 1966 nicht so spektakulär vermarkten lassen.
Carolarco (17.07.2008, 16:46 Uhr)
Grimm(iges)Maerchen
sachsenwini@ ..."Die Entfuehrung der israel. Soldaten...sollte der Freipressung von Danni Haran dienen". Aha. Und wann kam die Sache mit dem boesen Wolf und der Grossmutter ?
ecomoc4u@ man muss nicht unbedingt irgendetwas schreiben, vor allem, wenn man von nix null Ahnung hat. Tatsache ist: Nach dem hohen Blutverlust der Israelis zu urteilen, war klar, dass sie mit sehr,sehr hoher Sicherheit die Verletzungen nicht ueberleben konnten.Man hat es den Angehoerigen gesagt - was sie auch akzeptierten.Trotzdem bleibt immer ein Rest Ungewissheit, auf den ein trauernder Mensch Hoffnungen aufbaut, eine allzu menschliche Eigenheit. Diesen winzigen Rest an Hoffnung haben Hizballah geschuert und in geradezu sadistischer Weise bis zur letzten Minute aufrecht erhalten.
sachsenwini (17.07.2008, 15:07 Uhr)
Beide Soldaten könnten noch leben

Die israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev sollte der Freipressung von Danny Haran dienen, und könnten schon seit zwei Jahren bei ihren Familien sein, wenn Israel damals auf den angebotenen Gefangenenaustausch eingegangen wäre.
.
Stattdessen haben sie einen sinnlosen Zerstörungskrieg begonnen, der schließlich auch ihren eigenen Soldaten das Leben kostete.
herberjulver (17.07.2008, 14:53 Uhr)
Oh mein Gott! Shalom!
Ich bin schockiert über die meisten der pro-Hisbolloh-Berichte hier! Seid ihr alle verrückt, überhaupt Positives über Terroristen denken zu können und über den Kamm alle Israelis zu verdammen??? Schaut euch doch mal diesen Terror-Mörder an: gutgenährt, er hat im Gefängnis Hebräisch gelernt und ein Fernstudium absolviert - auf Kosten der steuerzahlenden Israelis, deren Angehörigen er ermordet hat!!! Toll, nicht! Sooooooo schlecht geht es denen also nicht bei den doch so bösen Juden! Die ticken doch alle nicht ganz richtig: Ständig brechen sie Waffenstillstände, ständig schicken sie Kinder als Schutzschilde vor die schießenden Hamas- und Hisbollah-Kämpfer; ständig belohnen sie die Hinterbliebenen von Selbstmordattentätern mit Geld (lebenslange Renten) und einem Haus - das ist auch der Grund, warum die Israelis die Häuser mit Bulldozern zusammenschieben: damit diese nicht lange genug von der Belohnung haben und die Täter wissen, daß ihren Familien dann geschadet wird. Sogar wenn es einmal Frieden gibt: ICH würde keinem Palästinenser den roten Teppich ausrollen, wenn ein Mörder als Politiker zu uns ins Land käme! Die Welt spinnt doch! Und die meisten von euch auch! Nur einige wenige Kommentare sind neutral oder normal - die blicken hinter die Kulissen, die anderen waren noch nie in Israel (ich sehr wohl), kennen keinen einzigen Israeli, haben von nix eine Ahnung - leben nur von einseitigen Berichten und Aussagen von Antisemiten!
ecomoc4u (17.07.2008, 14:01 Uhr)
katze im sack
"Bis zur letzten Minute hatten die Familien..."
nee, kann nicht sein. israel hat sich vom inhalt des angebots erstmal überzeugen lassen. es wurden dna proben vorher übergeben... wie kann man dann davon sprechen das gehofft wurde. nur wenn die regierung den angehörigen nichts gesagt hat.
sachsenwini (17.07.2008, 13:14 Uhr)
In diesem Konflikt ist keine Seite besser als die andere.
Als der damals 16- jährige Libanese Samir Kuntar als Führer eines palästinensischen Kommandos in der nordisraelischen Stadt Naharija am 22. April 1979 den prominenten Atomphysiker Danny Haran entführen wollte, kam es zu einem Feuergefecht mit zahlreichen Toten, und Kuntar wurde schwer verwundet gefangen genommen.
Über diese Aktion gibt es nun mehrere Berichte, von denen wahrscheinlich keine der Wahrheit entspricht.
.
Die Entführung der israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev sollte der Freipressung von Danny Haran dienen.
Israel ging aber auf diesen Tausch nicht ein und startete stattdessen einen sinnlosen Vernichtungskrieg, der die Infrastruktur und die Transportwege des Landes zerstörte und in dessen Verlauf möglicherweise auch die beiden entführten Soldaten umkamen.
.
Ein damaliger Austausch hätte nicht nur den zwei Soldaten das Leben gerettet sondern auch viel Leid und Opfer vermeiden können.
.
Ich kann Israel wegen seiner machtbesessenen Sturheit genau so wenig verstehen wie die fanatischen Palästinenser.
Popobawa (17.07.2008, 13:07 Uhr)
Sieh an
das die Gründungsväter Israels selber wissen welch unrecht sie verübten.
Im Jahre 1934 gab Ben-Gurion zu, wer der wirkliche Aggressor ist, in dem er sagte: „Wenn wir sagen, die Araber sind die Aggressoren und wir verteidigen uns nur, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Was unsere Sicherheit und unser Leben betrifft, verteidigen wir uns ... aber der Kampf ist nur ein Aspekt des Konflikts, welcher in seinem Kern ein politischer ist. Und politisch gesehen, sind wir der Aggressor und sie verteidigen sich.“
Popobawa (17.07.2008, 12:58 Uhr)
@Dieter37
Wer nahm eigentlich den Palästinensern ihr Land weg? Vertrieb sie auf unmenschlicherweise aus ihren Land? Das Massaker von Deir Yassin steht stellvertretend für den Anfang an den Unrecht den man den Palästinensern antat. Die Israelis haben ja von den besten gelernt ;)
Dieter37 (17.07.2008, 12:36 Uhr)
@ elBarto
Sie weichen aus! Das Thema war: Was ist Terror und ich hatte zuletzt die Frage aufgeworfen, wer ständig die Waffenruhen mit neuen Terroranschlägen gebrochen hat ! Sollen die Israelis da noch "DANKE" sagen?
elBarto (17.07.2008, 12:28 Uhr)
Von guten und boesen Raketen
@Dieter37
Israelis beschiessen auch Palaestinenser mit Raketen. Dabei sterben auch viele Zivilisten. Die Israelis haben nur etwas bessere Raketen. Wenn die Hisbollah gute Raketen haette und Kampfflugzeuge und Hubschrauber wuerden sie auch gezielt Armeestuetzpunkte angreifen. So eine im Keller gebaute Rakete fliegt nun mal nicht sehr genau. Der Einsatz einer High-Tech-Rakete ist also weniger verwerflich?
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