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14. Oktober 2009, 13:35 Uhr

Der Arzt, der ins Wasser ging

In der Freiheit angekommen

An Bord stürzt Döbler erstmal einen Liter Orangensaft hinunter, spült mit Kaffee nach. Die Skipper, ein Ehepaar aus Fehmarn, schenken dem Flüchtling einen Trainingsanzug, ein paar Turnschuhe und 100 Mark. Sie bringen ihn in Burgtiefe an Land. Mit dem Taxi fährt Döbler zur Polizei. Die Beamten des Bundesgrenzschutzes staunen, als er ihnen seine Geschichte erzählt. Die Beamten wollen ihn ins Krankenhaus bringen. Döbler lehnt ab. "Ich hatte nur unbeschreiblichen Durst. Ansonsten war ich fit, hätte gut noch vier, fünf Stunden weiter schwimmen können."

Döbler ruft seine Cousine in Kiel an. Er hat seine Verwandte noch nie gesehen, kennt sie nur aus Erzählungen. Doch die Cousine erklärt sich sofort bereit, ihn aufzunehmen. "Komm vorbei, bei uns ist genug Platz", sagt sie. Die Polizisten bringen Döbler zum Zug. Als er nach ein paar Stunden in Kiel eintrifft, hat seine Cousine das Gästezimmer hergerichtet. Am nächsten Tag bekommt Döbler Besuch vom Verfassungsschutz. Die Beamten gehen mit ihm einkaufen. "Meine Erstausstattung hat mir der Verfassungsschutz spendiert." Die Verfassungsschützer nehmen Döbler mit nach Lübeck, verhören ihn stundenlang, "in angenehmer Atmosphäre". Als die Beamten ihn zurück nach Kiel bringen, warten vor der Wohnung seiner Cousine schon die Journalisten. "Arzt schwamm 50 Kilometer durch die Ostsee in die Freiheit", titelt die "Bild". Tags darauf steht die Frau eines Autohausbesitzers bei der Cousine vor der Tür, drückt dem Neubürger einen Blumenstrauß in die Hand und stellt ihm leihweise einen BMW zur Verfügung. Auch im Universitätsklinikum Kiel liest man Zeitung. Vier Wochen nach seiner Ankunft findet Döbler dort eine Stelle als Arzt. Er bleibt zunächst in Kiel, zieht dann nach Hamburg, wo er promoviert und sich mit einer Praxis als Urologe niederlässt.

"Ich war der Einsatzleiter, der dich kriegen sollte."

Als 1989 die Mauer fällt, bekommt der Ex-DDR-Bürger nichts davon mit. Er ist auf den Malediven, erholt sich in völliger Abgeschiedenheit, liest keine Zeitungen, sieht kein Fernsehen, geht nicht ans Telefon. Erst auf dem Flughafen erfährt er, was geschehen ist. Die Schlagzeilen sind unübersehbar. "Ich konnte es nicht glauben." Wieder zu Hause in Deutschland, öffnet Döbler eine Flasche Champagner, stößt auf den Mauerfall an. Doch in seine alte Heimat zieht ihn - abgesehen von ein paar Verwandtschaftsbesuchen - nichts mehr.

1994 lässt sich Döbler auf den Kapverdischen Inseln nieder. Er hat seine Praxis verkauft, will noch mal was Neues wagen. Den alten Traum vom "Blue Marlin" hat er noch immer nicht begraben. Döbler kauft sich ein Boot, organisiert Angeltouren für Touristen, mit denen er weit über 1.000 Blue Marlins fängt. Die meisten werden allerdings sofort wieder frei gelassen. Es geht um den Sport, nicht ums Töten. Eines Tages sitzt Döbler bei Sonnenuntergang in einer Bar und kommt mit einem Touristen ins Gespräch, erzählt, dass er aus der DDR geflohen ist. "Wie bist du geflohen", will sein Gegenüber wissen. "Ich bin von Kühlungsborn nach Fehmarn geschwommen." "Ach", entfährt es dem Touristen. "Du musst Peter Döbler sein." Der nickt. "Hast du die Geschichte gelesen?" Der Tourist schüttelt den Kopf. "Gegen 23 Uhr wurde damals in Kühlungsborn vor der Küste Alarm geschlagen. Man hatte Kleidungsstücke im Gebüsch gefunden. Kampfschwimmer und Boote rückten aus. Ich war der Einsatzleiter, der dich kriegen sollte."

Peter Döbler ist vor zwei Jahren mit seiner Frau und dem Sohn nach Hamburg zurückgekehrt. Er arbeitet wieder als Arzt. Zum Weiterlesen: Müller: Über die Ostsee in die Freiheit. Dramatische Fluchtgeschichten, ISBN: 978-376 880 9252 Kölbing & Döbler: Big Marlin. Hochseeangeln in allen Weltmeeren. ISBN: 978-3405132316 (nur noch antiquarisch) Rohrbach, Carmen: Solange ich atme. Meine dramatische Flucht und wie sie mein Leben prägte. ISBN: 978-3890297477

Von Kerstin Herrnkind
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