"Hallo Margot, alte Hexe"

17. April 2007, 19:50 Uhr

Töpfchendiktatur, Wehrerziehungslager, die Augen stramm nach links und Pionierlieder auf den Lippen - stern-Redakteur Holger Witzel hat seine persönlichen Erinnerungen an das DDR-Bildungssystem in einem Geburtstagsbrief an Margot Honecker niedergeschrieben.

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Verantwortlich für die Töpfchendiktatur: Margot Honecker (Archivbild von 2000)©

Hallo Margot, alte Hexe,

wir kennen uns nicht persönlich, aber wenn man bedenkt, wie intim wir mal waren, darf ich mich zu Ihrem 80. Geburtstag vielleicht schon mal undankbar erweisen: Sie haben mich in der Kindergrippe auf den Topf gesetzt, bis ich mit 12 Monaten den Plan erfüllt hatte und sauber war. Wenn es nach dem bekannten westdeutschen Kriminologen Christian Pfeiffer geht, bin ich damit nur knapp einer brutalen Neonazikarriere entgangen, und niemand weiß, was die Töpfchendiktatur stattdessen oder sonst noch für Schäden angerichtet hat. Sie haben mir mit sieben Jahren ein Halstuch um den Hals geknotet und die Frischluft so lange gedrosselt, bis ich wie alle anderen DDR-Kinder bei Appellen stramm stand, die Augen links und immer irgend ein Gelöbnis auf den Lippen. Noch heute sind lästig große Areale meines Gehirns mit Pionierliedern und albernen Thälmanngedichten verkleistert, für die ich nirgendwo mehr Beifall bekomme. Sie und ihre pädagogischen Handlanger haben dafür gesorgt, dass ich kein Abitur machen konnte, obwohl ich bis zur zehnten Klasse immer nur Einsen hatte. Damals hat man sich nicht mal geniert, ganz offen zu sagen warum: Weil ich mit 15 Jahren nicht mit ins Wehrerziehungslager fahren wollte - schießen und marschieren als Schulunterricht! - von Ihnen persönlich 1978 eingeführt. Bei lernbehinderten Dumpfbacken, die Offizier werden wollten, oder Systemstrebern wie Angela Merkel, die sogar noch bei der Zeugnisausgabe ihr FDJ-Hemd trugen, verlief die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit reibungsloser. Schwamm drüber: Ich habe das Abi später nachgeholt und dank einer rechtszeitigen Laune der Geschichte doch noch einen Beruf gefunden, an den ich in Ihrem System nicht mal gedacht habe. Und im Nachhinein haben bestimmt auch die Auswahlkriterien für Studienplätze und Führungskader die DDR noch ein Stück schneller zugrunde gerichtet.

Das war nicht ihre Absicht, ich weiß. Schade überhaupt, dass Sie bis heute nicht über Ihre Absichten sprechen: Wie kamen junge Kommunisten wie Sie oder ihr Mann darauf, die Jugend nach dem Krieg gleich wieder in Uniformen zu stecken und gleich zu schalten? Charaktere so nachhaltig zu verbiegen, dass mehrere Generationen von ehemaligen Pionieren noch heute mit offenem Mund staunen, wie hemmungslos westdeutsch sozialisierte Kollegen neben ihnen ihre Persönlichkeit entfalten. Ihre DDR-Volksbildung hat bleibende Schäden angerichtet, die noch gar nicht erforscht sind. Fast kommt es einem wie ein Wunder vor, wenn man immer noch auf Anhieb die Leninsche Definition vom "stinkenden, faulenden Imperialismus" aufsagen kann und trotzdem mit Börsenseite und Ausbeutern klarkommt, die jetzt Arbeitgeber heißen. Ihr Verdienst ist das nicht.

Es war doch nicht alles schlecht, werden jetzt wieder ein paar von Ihren alten Duckmäuserpädagogen raunen (schlimm genug, dass immer noch welche im Dienst sind): Das DDR-Schulsystem in Finnland, Pisa, die Kinderbetreuung und so weiter. Klar. Aber Lesen und Rechnen haben Kinder auch unter dem Kaiser oder in Bayern gelernt. Sozialistische Jugendwerkhöfe waren Ihre Erfindung. Berufs- und Studienlenkung nach gesellschaftlichem Engagement oder die massenhafte Diskriminierung von christlichen Elternhäusern oder Kindern aus Nicht-Arbeiter-Familien, nichts anderes als die Bildungschancenverteilung nach Arm und Reich. Für viele kam die Wende zu spät. Sie mühen sich noch heute im falschen Beruf ab, darunter viele Ihrer ehemaligen Lehrer.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wenn ich heute jemandem gratuliere, dann mir selbst und alle anderen ehemaligen Untertanen, die Töpfchendiktatur und Gleichschritt halbwegs unbeschadet überstanden haben oder heute - geübt in jeder Form der Anpassung - alle Defizite geschickt vertuschen. Vor allem meinen Eltern habe ich zu danken, die das Schlimmste ausgebügelt haben und mir sogar genug Anstand beigebracht haben, dass ich die Hexe von oben zurück nehme und einer alten Frau wenigstens Gesundheit wünsche, wenn sie sich schon nicht mal mehr in ihre Heimat traut.

Dankbar dafür, dass meine Kinder nie zu den Pionieren müssen oder in der Schule das Fach Wehrerziehung haben,

Ihr ehemaliger Jungpionier Holger Witzel

P.S.

Schönen Gruß an Luis Corvalan, der - wie man hört - bei Ihnen zum Geburtstagskaffeekränzchen eingeladen ist: Fragen Sie ihn doch mal, ob er das Bild noch hat, das ich 1976 für ihn malen musste, oder die 20 Pfennige, die ich für seine Freiheit gespendet habe, obwohl ich nicht mal wusste, was Freiheit heißt.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 17)
 
tripex (19.04.2007, 00:38 Uhr)
Aehnlichkeiten
Bei nuechterner Betrachtung von Rosenengels Aufzaehlung wurde mir irgendwie doch bewusst, wie aehnlich sich DDR und Deutschland eigentlich werden.
Führung, die Wasser predigte und selber Wein soff? Leider zum grossen Teil identisch, aber weltweit.
Stasi zur Kontrolle und Ruhigstellung des Volkes? Polizeistaat heute? Vergleichbar? (Noch) nicht so ganz.
17.Juni? Hmm, wohl erst recht (noch) nicht.
Mauer und Selbstschu(tz)ssanlagen? Wohl trotz Ausreisewelle selbst in ferner Zukunft eher unvorstellbar.
Redefreiheit? Solange es nicht persoenlich beleidigend ist, kann ich jeden Politiker oeffentlich kritisieren.
Pressefreiheit? Zwar strittig, aber doch wohl Welten besser als in der DDR.
Meinungsfreiheit? Hmm, also ich darf heute nicht sagen, dass der Holocaust eine Luege ist. Das waere nicht persoenlich. Die Entwicklung geht sogar dahin, dass ich nicht mal was gegen Israel sagen darf. (bitte keine flames, es geht ums Prinzip!)
Punktemaessig wuerde Deutschland heute UND in Zukunft wohl immer gegen die DDR gewinnen, allerdings wie Rosenengel schon sagte sie ist damit nicht automatisch das gelbe vom Ei und deshalb bin ich auch nicht unbedingt geneigt, zurueckzukommen.
Rosenengel (18.04.2007, 20:28 Uhr)
RenegadeXX
Hab noch was vergesen:
Mein Vater ist auch Hartz IV Empfänger. Ich weiß das schon richtig zu "würdigen", das den eigenen Deutschen der Gürtel immer enger geschnürt wird, während man im Ausland immer mehr Milliarden verpulvert.
Rosenengel (18.04.2007, 20:25 Uhr)
An RenegadeXX
Eines ist doch wohl klar, heute kann man, noch, ungestraft meckern und Politiker werden, Dank einer mehr oder weniger freien Presse, angezählt. Heute werden Studienplätze, noch, nicht nach politischem Opportunismus verteilt.
Die Grenzen sind offen und niemand wird erschossen. Also, für mich ist und bleibt das Deutschland von heute entschieden besser wie die ehemalige "DDR". Das die BRDDDR sich immer ähnlicher werden, liegt an Politikern wie Herrn Schäuble, die allen Deutschen am liebsten ein Halsband mit Microchip verpassen würden. Bei mir hätten sie Pech, lebe ich doch schon 8 Jahre nicht mehr in Deutschland. Der Grund ist der, weil eben die BRD zur DDR mutiert, die SED/PDS überall mit an den Regierungstischen sitzt und die BRD einer totalitären, dazu noch deutschfeindlichen, Diktatur immer ähnlicher wird. Und ich habe auch keine Lust in einer islamischen Republik zu leben.
Wenn es welche gibt die "Ossi" sagen, daraus mach Dir nichts. Die haben keine Geschichtskenntnisse und oft handelt es sich dabei um futterneidische Ausländer.
RenegadeXX (18.04.2007, 17:17 Uhr)
Was hat sich denn gebessert?
Hey Rosenengel
Deine Auflistung klingt ziemlich interessant, aber ist es heute nicht genauso, dass Politiker Wasser predigen und Wein saufen.
Bspw. der Hartz konnte sich vor Gericht freikaufen und seine Idee mit der 4 lebt auch noch. Frag mal ein Hartz4-Empfänger oder die untere Mittelschicht ob sie sich alles kaufen können, was in den Regalen steht? Die Regale sind zwar voll, die Einkaufstasche aber nicht, das Ergebnis ist also das gleiche.
Ist es heute nicht so, dass der Deutsche Bürger grundsätzlich unter Generalverdacht steht? (Bsp. Hartz4 - Empfänger sind faul, Wir alle sind Steuerbetrüger und Schwarzarbeiter, deswegen braucht es den Kontozugriff, demnächst sind wir vielleicht noch Terroristen und müssen zum Fingerabdruck antanzen, wie damals bei den Schulimpfungen)
Ich gehöre auch zu denen, die in der DDR trotz guter Noten die EOS nicht besuchen durften. Der Grund hierfür war einfach und steht ab der 4. Klasse in meiner jährlichen Zeugnisbeurteilung. Kurz zusammengefasst: Ich war Imperalistisch verblendet. Nach der Wende besuchte ich dann Schulen in den alten Bundesländern in der mir die Lehrer erklärten wie die DDR war. (??) Mit Bautzen und Schwedt wurde mir zwar nicht mehr gedroht, dafür bekam ich des öfteren Verallgemeinerungen wie: "Ihr Ossis seit doch alles faule Schweine und nehmt uns nur die Arbeit weg" um die Ohren geknallt.
Nach 3 Jahren Wiedervereingung habe ich erstmals bereut kein Linientreues Windfähnchen gewesen zu sein, da die damaligen Bonzen, bis auf einige Bauernopfer, wieder an den Stellen saßen, wo die Kohle fliesst und Politik gemacht wird.
In meinen Augen ist dieser Staat gar nicht so weit von der DDR entfernt. Vielleicht sollte ich mein Wissen bei der Tagesschul- und Krippenplanung als Consultant zur Verfügung stellen, ich habe schliesslich praktische Erfahrung in diesem Bereich seit dem Säuglingsalter. ;-)
Im übrigen schaue ich mir heute Deutschland nur noch von außen an, denn die Politik auf Kindergartenniveau war nicht meine Vorstellung, die ich zu DDR-Zeiten hatte.
Rosenengel (18.04.2007, 14:10 Uhr)
An wmebh:
Ich hoffe, dies ist Ironisch gemeint.
Kann sein, das sie Herrn Schäuble fehlt und all denjenigen, die das deutsche Volk wiedereinmal entmündigen und besser unter Kontrolle haben wollen.
Mir nicht.
wmebh (18.04.2007, 10:50 Uhr)
Hallo Margott
Ist es in Chile besser als in Deutschland?Kommen Sie nach Deutschland .Sie werden gebraucht.
WhiteVamp (18.04.2007, 09:47 Uhr)
Ist es heute besser?
Wer die Kinder hat/kontrolliert, hat die Macht. Das hatten DDR-Politiker im Gegensatz zu den aktuell tätigen Politikern in Deutschland erkannt. Daran ist auch nichts auszusetzen, wenn die Kinder nicht ideologisch versaut werden, was aber im Moment rechtsgerichtete Organisationen wiederentdecken und praktizieren da der aktuellen Regierung Kinder völlig egal sind.
Rosenengel (18.04.2007, 09:20 Uhr)
Schon Vergessen?
Die leere in den Kaufregalen und die langen Schlangen vor diesen, wenn es dann doch mal etwas gab? Während die Führung sich die erlesensten Speisen aus dem Ausland kommen ließ? Diese Führung, die Wasser predigte und selber Wein soff. Die am 17.Juni 1953 gezeigt hat, was sie von der Arbeiterklasse hielt. Schon vergessen, das die "DDR" eingezäunt und eingemauert war, das an dieser Grenze geschossen wurde, es Selbstschutzanlagen gab, die gegen das eigene Volk gerichtet waren. Das die Stasi zur Kontrolle und Rugigstellung des Volkes gedient hat. Das es keine Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit gab. Diese Frau Honecker hat als Systemstütze Generationen von Kindern gezielt von den Kindesbeinen an in ihrem Sinne politisch erzogen, ein falsches Geschichtsbild vermittelt: Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen! oder: Der Sowjetsoldat, dein Bruder!.
Die angebliche Sicherheit in der "DDR" war wirklich nur ein angebliche, war dies doch auf Pump erkauft. Was letztendlich zum wirtschaftlichen Ruin führte. Und es gab auch in der "DDR" Arbeitslose. Nur hat man sie versteckt, indem man sie bei den Stadtverwaltungen die Straßen fegen ließ.
Wer sich die "DDR" zurückwünscht, der sollte dann aber auch in der real existierenden "DDR" leben, so wie sie war.
Diese Bunte Republik Deutschland ist auch nicht das Gelbe vom Ei, aber im Gegensatz zur ehemaligen "DDR" wohl doch der entschieden bessere Staat.
tripex (18.04.2007, 02:58 Uhr)
Freiheit!
Auch wenn fuer mich die Wende rechtzeitig, im Nachhinein betrachtet sogar im richtigen Moment kam, kann ich die Empfindungen von Hr. Witzel nachempfinden. Fuer meine Mutter, Tochter von Grossgrundbesitzern, kam sie leider zu spaet.
Wer wie sitam Dinge vergleicht, die einfach nicht zu vergleichen sind hat entweder nicht in der DDR gelebt (vielleicht als bevorteilter Bonze) oder hat ein minderentwickeltes wenn nicht gaenzlich fehlendes Freiheitsbeduerfnis oder Erinnerungsvermoegen. So gut auch andere Sachen gewesen sein moegen, sie kompensieren in keiner Weise die fehlende Freiheit im allgemeinen und so weine ich der DDR auch keine einzige Traene hinterher.
Attila_Thueringen (18.04.2007, 01:15 Uhr)
Ja, das musste gesagt werden
Ein angemessen scharf geschriebener Artikel, den ich voll unterstütze.
Thema:
"Diskriminierung von christlichen Elternhäusern oder Kindern aus Nicht-Arbeiter-Familien"
Kinder aus Intelligenz-Familien mit Notendurchschnitt 1,2 wurden noch Ende der 70er Jahre nicht zum Gymnasium gelassen. Dafür aber jede Dumpfbacke, die sich verpflichtet hatte der NVA als Offizier zu dienen.
Ein Segen, dass dieser Unrechtsstaat untergegangen ist! Die ersten 30 Jahre meines Lebens musste ich ihn ertragen und ich weine ihm keine einzige Träne nach.
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