Viel Buhei, wenig Ertrag

2. September 2013, 18:31 Uhr

War da was? Der Erkenntnisgewinn des TV-Duells war überschaubar. Die starren Regeln und die Zahl der Moderatoren verhinderten jede Spontanität. Am Ende erstickte das Format an der eigenen Bedeutung. Von Bernd Gäbler

Charismatiker stehen also nicht zur Wahl. Zumindest das hat das TV-Duell verdeutlicht. Peer Steinbrück war so, wie man es erwarten durfte. Angela Merkel ebenfalls. Der eine bemühte sich etwas stärker um rationale Argumente, sie ließ jeden Angriff verpuffen. Für jeden, der bisher den Wahlkampf einigermaßen mitverfolgt hatte, gab es nichts Neues.

Das TV-Duell ist ungefähr das Gegenteil eines Überraschungs-Eis. So gewinnt jeder Hauch des Neuen, jeder Anflug von Unsicherheit überdimensionale Bedeutung. Steinbrück verdribbelte sich etwas bei den Beamtenpensionen, Merkel kam bei der NSA-Affäre ins Schwimmen. Das war's dann aber auch. Dennoch sprach ARD-Kommentator Sigmund Gottlieb hinterher von einem "Weckruf für die Wähler", sogar von einem "Dienst an der Demokratie." Es gibt kaum eine Sendung des Fernsehens, in dem sich das Medium stärker selbst überschätzt. Rund um das "TV-Duell", seiner Vor- und Nachbereitung wird ein unglaublicher Aufwand betrieben, tatsächlich ist der Ertrag in der Regel sehr gering. Das gilt sowohl für den Erkenntnisgewinn als auch für die kaum messbare Wirkung auf die Wähler.

Starre Statements, kein geistiger Austausch

Die Form des "TV-Duells" lässt keinerlei Spontaneität zu. Alle Regeln sind auf mehrseitigen Papieren festgelegt, ausgehandelt zwischen den Sendern und Parteien. 90 Sekunden Redezeit hat jeder maximal, die Kontrahenten stehen an Pulten, gegenüber lauern die vier Fragenden. Schon die Anordnung ist völlig statisch. So steht jeder der Befragten isoliert für sich da. Dynamik geht anders. Ein Gespräch ist gar nicht vorgesehen. So war Anne Will in der Nachbereitung schon davon begeistert, dass sich Merkel und Steinbrück tatsächlich gelegentlich angeschaut haben. Wow!

Absurd aber ist vor allem das Missverhältnis zwischen der Zahl der Fragenden und den zwei Kontrahenten. Diese Asymmetrie ist ausschließlich den Besonderheiten des deutschen TV-Systems geschuldet. Zwei öffentlich-rechtliche Programme und zwei Privatsenderfamilien wollen berücksichtigt werden.

Wie anders ist das in den USA. Da gibt es eine "Commission on Presidential Debates" als unabhängigen Veranstalter und einen kundigen Journalisten als Befrager. Als es auch bei uns mit den "TV-Duellen" losging, im Jahr 2002, traten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber noch in zwei Runden gegeneinander an - einmal im Privatfernsehen und einmal bei den Öffentlich-Rechtlichen. Der Vorteil: Es gab jeweils nur zwei Fragende, während heute die Asymmetrie zwischen Befragern und Statement-Gebern das Format durchgehend unvorteilhaft prägt.

Wäre da nur ein Journalist, der fragt oder ein Journalisten-Duo - es könnte nachhaken, einzelne Themen vertiefen, Widersprüche herausarbeiten, Aussagen auf die Konsequenzen hin abklopfen, also genau das tun, worin die Aufgabe des Journalisten besteht. Für das Erhellen des durch Floskeln und eingeübte Politiker-Formulierungen ohnehin verstellten Geschehens wäre das hilfreich.

Bei uns steht die Frage, wie sich denn die Moderatoren geschlagen haben, viel zu sehr im Vordergrund. Nun hatten auch Anne Will, Maybrit Illner, Peter Kloeppel und Stefan Raab sich ordentlich vorbereitet, aber zu viert kann man einfach nicht ruhig und systematisch ein Gespräch leiten. Nie gelang es den vieren, die Kontrahenten gemeinsam argumentativ in die Enge zu treiben. Es gab wenig Mannschaftsspiel, aber viele Alleingänge. So zerfiel die einheitliche Aufgabe der Gesprächsführung in unterschiedliche Rollen: Kloeppel und Illner gaben die abgeklärten Duell-Routiniers. Allzu oft fiel Illner dabei die Aufgabe zu, nur ja rasch zum nächsten der vorher abgesprochenen Themenblöcke überzuleiten. Sie bremste so (unfreiwillig) die Dynamik der Befragung. Die Konsequenz war Themen-Hopping statt Vertiefung.

Die Duell-Novizen dagegen, Anne Will und Stefan Raab, wirkten eher etwas hektisch und übermotiviert. Da sie inhaltlich kaum dazu kamen, Merkel oder Steinbrück aufs Glatteis zu führen, unterbrachen sie die beiden rasch und legten viel Nachdruck und persönlichen Verve in ihre Fragen. Das sollte wohl den Eindruck hinterlassen, hier seien besonders heftige Kritiker am Werk. Tatsächlich wirkte das frühe Unterbrechen willkürlich und die Kritik verkam so zur Pose. Weniger Fragende wären für das Format ein großer Gewinn.

TV-Duell und unser Wahlsystem

Wenn das "TV-Duell" eine politische Wirkung hatte, dann maximal diese: Es gab einen Mini-Schub für Peer Steinbrück. Die Auswirkung wäre, dass die SPD doch noch die Chance haben könnte, so stark zu werden, in eine große Koalition einzutreten. Das wiederum hätte dann mit Steinbrück nichts mehr zu tun. Stefan Raab rieb sich am Ende noch einmal an diesem Tatbestand.

Sichtbar wurde da aber nur, dass das "TV-Duell" ein wenig quer steht zu unserem Wahlsystem. Natürlich kommt es auf den Kanzler an, aber wir wählen ihn eben nicht direkt, sondern wir wählen Parteien. Das ist anders als in den USA, wo dieses TV-Format ursprünglich herkommt. Regierungswechsel gibt es bei uns fast immer (einzige Ausnahme: 1998) nur durch Koalitionswechsel. Insofern wäre es schon politisch erhellend, wenn sich Angela Merkel auch mit Jürgen Trittin abgeben müsste oder Peer Steinbrück sich von Gregor Gysi noch einmal erklären lassen müsste, von wem die Idee zum Mindestlohn eigentlich ursprünglich stammt. Die herausgehobene Singularität des "TV-Duells" erhöht dieses Fernsehformat völlig und überfrachtet es mit Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind. Am Ende erstickt es dann an seiner eigenen Bedeutung.

Merkel versus Steinbrück
Merkel versus Steinbrück
Merkel versus Steinbrück
Merkel versus Steinbrück
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