. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
10. Februar 2010, 19:19 Uhr

Eine Feuerprobe für Schwarz-Grün

In Hamburg plant Schwarz-Grün Revolutionäres: Kinder sollen sechs Jahre in die Primarschule gehen, lange ohne Noten. Nach einigem Gezerre kommt es nun im Sommer zum Volksentscheid - der könnte Signalwirkung für das ganze Land haben. Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Hamburger Primarschule, Beust, Goetsch, Primarschule

Vollbremsung: Hamburgs Bürgermeister von Beust und Schulsenatorin Goetsch konnten sich nicht mit den Gegnern der Schulreform einigen© Maurizio Gambarini/DPA

Die Verhandlungen über eine Verlängerung der Grundschulzeit in Hamburg von vier auf sechs Jahre sind gescheitert. Nun entscheidet das Volk. Das ist gut so! Denn die Gegner der Reform, die Initiative "Wir wollen lernen", wollen keinen Kompromiss, sondern sie wollen die Einführung der so genannten Primarschule komplett verhindern. Und die schwarz-grüne Regierung drohte in den zähen Gesprächen, ihre Reform komplett zu verwässern. Dabei ist die Verlängerung der Grundschulzeit ein wesentlicher Bestandteil der Hamburger Schulreform (siehe Kasten).

Es ist gut, dass Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL) die Verhandlungen abgebrochen haben und hart in der Sache bleiben. Selbst wenn sie am Ende deshalb scheitern. Das ist besser als ein sich jahrelang hinziehendes Umstellungschaos nach einem verwirrenden Stufenplan. Mit einer verwässerten Reform hätten CDU und Grüne ohnehin verloren - an Ansehen bei den Anhängern.

Wie die Hamburger im Sommer abstimmen werden, lässt sich kaum vorhersagen. Im Herbst 2009 haben 184.000 Bürger bei den Reformgegnern unterschrieben - insgesamt waren das nur 14 Prozent der Hamburger Wahlberechtigten und keinesfalls alles Eltern. Für den Volksentscheid, der mitten in den Sommerferien stattfinden wird, brauchen die Gegner 247.000 Stimmen, um die Reform zu kippen. Ob sie die zusammen bekommen, ist fraglich. Denn die Hamburger Elternkammer, in der die gewählten Vertreter der rund 300.000 Eltern sitzen, hat sich für längeres gemeinsames Lernen ausgesprochen. Auch der Grundschulverband ist dafür.

Signalwirkung für den Rest der Republik

Trotzdem, auf die Bildungssenatorin Goetsch kommen anstrengende Wochen zu. Sie muss dringend auf die Ängste der besorgten Eltern eingehen, ihnen erklären, warum längeres gemeinsames Lernen nicht nur für schwache Schüler, sondern auch für starke ein Segen sein soll. Daher wäre es klug von ihr, nun den Eltern das Wahlrecht für die weiterführende Schule zu lassen. Und nicht, wie bisher im Gesetz geplant, die Lehrer entscheiden zu lassen, auf welche Schule das Kind nach Klasse Sieben gehen soll. Die Beschneidung des Elternwahlrechts hat viele Mütter und Väter wütend gemacht, die ansonsten der Reform gegenüber offen sind.

Egal, wie der Hamburger Schulkampf ausgeht - das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids hat Signalwirkung für den Rest der Republik: Scheitert die Primarschule in Hamburg, dann sind alle Versuche, die Schulstruktur in Deutschland zu verändern und die Schüler länger gemeinsam lernen zu lassen, auf Jahre hin verbaut. Setzt sich die Primarschule durch, dann werden bald viele dem Beispiel Hamburgs folgen. Vor allem für die bevorstehende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist der Hamburger Schulkampf wichtig. In Düsseldorf stehen alle Zeichen auf Schwarz-Grün. Während die FDP laut Forsa-Umfrage für den stern verliert, legen die Grünen zu. Bildung wird zum zentralen Wahlkampfthema werden - so wie in Hamburg, Hessen und Bayern. Bisher hält die CDU in NRW an konservativen Idealen fest: Schulministerin Sommer (CDU) ist eine eifrige Verfechterin des dreigliedrigen Schulsystems und der Hauptschule. Unterstützt wird sie dabei vor allem vom Philologenverband, dem Lobbyverband der Gymnasiallehrer.

Denn bei dem ganzen Gezerre ums längere gemeinsame Lernen und die Hamburger Primarschule geht es in Wahrheit nur um eines: das Gymnasium. Das Bildungsbürgertum will seine Kinder möglichst schnell aufs Gymnasium schicken und hier möglichst unter sich bleiben. Kommt die Primarschule, muss sich auch das Gymnasium verändern. Und das wäre gut so.

Darum geht's in Hamburg Der schwarz-grüne Senat hat in Hamburg eine grundsätzliche Schulreform eingeleitet. Nach den Sommerferien gibt es in Hamburg nur noch zwei Schulformen: das Gymnasium und die Stadtteilschule - an beiden ist das Abitur möglich. In Zukunft sollen die Schüler nicht mehr wie bisher nach Klasse Vier auf die beiden Schulformen verteilt werden, sondern erst nach Klasse Sechs. Erst in der sechsten Klasse sollen die Schüler Noten bekommen, bis dahin ausführliche "Lernentwicklungsberichte". Die Kinder sollen besser individuell gefördert werden, keines soll mehr sitzen bleiben. Ziel ist es, weniger Kinder auszusortieren als bisher: In Hamburg ist der Anteil an "Risikoschülern" besonders hoch, 28 Prozent der 15-Jährigen können nicht ausreichend lesen.

Ein Kommentar von Catrin Boldebuck
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
knilch_59 (11.02.2010, 13:44 Uhr)
@tannebaum
Warum bloß ist die Migrantenproblematik umso größer, je größer die Stadt ist?
.
Vergleiche zwischen Stadtstaaten und Flächenstaaten hinken immer. Migranten siedeln sich nun mal in Großstädten an, bilden dort eigene Subkulturen usw. Die türkische Gemeinde in Berlin ist nun mal größer als manch eine andere Stadt, die sich trotzdem Großstadt nennen darf?! Natürlich neigt dann diese Subkultur zur Abkapselung, wird zur eigenen, kleinen Welt. In Kleinkleckersdorf kann das gar nicht passieren.
.
Aber im staatlichen Schulwesen prallen diese Welten dann aufeinander, ein unabänderlicher Prozess, der nur dann zu VERMINDERN sein wird, wenn man in Großstädten besonderes Augenmerk auf Integration legt. Dieses hat man aber 40 Jahre lang versäumt, das holt uns jetzt ein.
.
KiTa und Primarstufe sind hierauf eine Antwort, wir fangen nur viel zu spät damit an. Längst haben sich die Welten voneinander getrennt. Das hätte man nie zulassen dürfen, also wird es jetzt doppelte Kraft kosten, das wieder zusammenzuführen. Schwacher Trost: das passt keinem, es wird für den türkischen Familienpatron genauso schwer wie für den deutschen Wohlstandsbürger.
tannebaum (11.02.2010, 10:40 Uhr)
warum haben bürgerliche eltern...
...so viel angst vor der zusammenlegung?

doch wohl, weil sie fürchten, dass es zu drastischen abfällen in den bereichen der leistung und benehmen kommt.

und sie haben ja auch recht, wenn man sich die klientel der hauptschulen anschaut. hier in berlin ist ja nicht das problem, dass es viele migranten sind. nicht das problem, dass es lernschwache sind.

das problem liegt in der gewalt, den gelderpressungen, den bei sich getragenen waffen und, und, und...
es ist doch völlig normal, dass eltern ihre kinder vor denen schützen wollen.

als vor einigen jahren hier in berlin die rütlischule für einen skandal sorgte, da schauten alle hier nach berlin.
obwohl jedes kahr immer neue brandbriefe von lehrern und schulleitern geschrieben wird, findet das nun keine beachtung mehr. die gewalt und die unfähigkeit der lehrer lehrstoff zu vermitteln, hat drastisch zugenommen.

aber alle schauen weg und dann löst man hier die hauptschulen auf. löst man damit auch die hauptschüler auf? NEIN! die terrorisieren nun die realschüler und alle eltern mit geld laufen zu den privatschulen!

berlin hat den anteil der meisten privaten realschulen!!!! nicht gymnasien! REALSCHULEN!!! das geht es nicht um bildungselite, da geht es nur um gewaltschutz!!!
RudiRastlos (11.02.2010, 01:01 Uhr)
Ich wäre sogar
dafür die Jahrgänge noch länger zusammen zulassen.......
Da werden ab der 4. Klasse Freundschaften auseinander gerissen und der Zusammenhalt somit schlagartig beendet!
Das trägt dann Früchte bis ins Erwachsenen Leben hinein....
Auch wäre ich dafür dann auch mal die Betroffenen nähmlich die Kinder ein Mitsprache Recht nicht nur zu zugestehen sondern festzuschreiben.....
Es geht nähmlich nicht nur um das was Papi und Mami dem Kind als Weg vorschreiben sondern um das Recht sein Leben so zu gestalten wie man das will.
Auch das gehört zur Freiheit und nicht das Selektieren nach Nationalitäten die einem nicht ins Weltbild passen und eine Phobie dann auslösen....
Kinder gehören einem Nicht auch die eigenen.......
Das hat schon was von Sozial Darwinismus und das nicht im Demokratischen Sinne sondern genau das Gegenteil!
Sheru (10.02.2010, 23:49 Uhr)
Ein Schritt in die richtige Richtung
Endlich ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit, zu besserer Bildung für mehr Kinder. Die Angst, dass mehr gemeinsame Jahr zu einem Qualitätsabfall führen würden, ist absolut überflüssig. Andere Länder zeigen doch, wie gut es funktioniert. Wir bekommen mehr Schüler mit Abitur und Hochschulabschluss. Genau das braucht ein Land wie Deutschland!
knilch_59 (10.02.2010, 23:35 Uhr)
Bei Veränderungen muss man die Menschen auch abholen und mitnehmen
Ich kann die Bedenken von Leuten wie @testsieger2006 sehr gut verstehen. Nur: heute sind die Schülerzahlen gegenüber 1973-1986 um rund 1/3 gesunken. Das staatliche Schulwesen kann sich gar nicht mehr in der Breite aufstellen wie damals - es fehlt schlicht das Futter! Heute käme vermutlich gar nicht mehr die Klassengröße zusammen, die damals dieses Angebot ermöglicht hatte.
.
Immer mehr Lehrer werden für andere Schulformen (?Warteschleifen) gebraucht, weil die Kids im normalen Schulbetrieb nicht zu einem Abschluss gekommen sind, der sie für eine erfolgreiche Bewerbung qualifiziert hat. Das frisst zusätzliche Ressourcen.
.
Wenn die verlängerte Primarstufe das ein Stück zurückdrängt, kann sich auch die vor-akademische Bildung durch diese Reform verbessern: keine Abstriche bei der Qualität PLUS mehr besser qualifizierte Kids.
.
Es ist auch falsch, das als "Experiment" zu begreifen: Es ist mehr ein Abkupfern von anderen Staaten, die es so schon seit langem erfolgreich praktizieren (Finnland, Schweiz, ...). Das sind ausgerechnet Länder, in denen Mehrsprachigkeit viel mehr als bei uns bedeutet. Die Mediziner und Psychologen weisen schon seit Langem darauf hin, dass sich die Pubertät bei den Kids nach vorne verschiebt. Anders als in den 70ern sind heute die Kids, insbesondere die Mädchen, am Ende der vierten Klasse schon häufiger am Beginn der Pubertät - mit allen Folgen für eine Divergenz der Entwicklung, wenn gerade zu diesem Zeitpunkt eine Schulwahl erfolgen muss. 2 Jahre später hat sich das schon ganz anders zurecht gerüttelt.
.
Na ja, und zu guter Letzt geht es eben um das staatliche Schulwesen, also ausdrücklich für die breite Masse. Sollten Eltern tatsächlich ihr Kind als die große Ausnahme ansehen, gibt es hierfür immer noch Privatschulen. Das gezielte Fördern von Eliten kann dort nur willkommener Nebeneffekt sein, nicht aber Primärziel!
.
Der Weg über die Volksabstimmung bereitet mir ziemliche Bauchschmerzen. Sehr viele werden von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen, ohne direkt betroffen zu sein. Und sehr viele Ausländer, die unmittelbar (sogar überproportional) betroffen sind, dürfen gar nicht abstimmen. Demokratie ist eben nicht nur Mehrheitsentscheid, dann würde sie zum legitimen Mittel zur Minderheitenunterdrückung (Siehe Schweiz, Minarettverbot). Und wenn man dann sieht, mit welchen Mitteln Abstimmungen zweckentfremdet werden ("Denkzettel"), kann einem schon Angst und Bange werden. Ich wünsche den Hamburger Bürgern, dass sie ihrer Verantwortung derart gerecht werden und sich vor der Abstimmung vorurteilsfrei informieren und diese Abstimmung nicht für andere Ziele missbraucht werden.
tannebaum (10.02.2010, 23:23 Uhr)
es ist wieder politik gegen den menschen,
aber für eine gleichstelende minderheit. wer gut gebildet ist, fest im leben steht und seinen kindern eine zukunft gönnt, der schickt diese nicht auf eine rütlischule.

warum ist das so schlimm, wenn diese eltern ihre kinder schützen wollen und sorge tragen, dass diese später beste startchancen haben?

wäre es nicht besser, die anderen eltern zu ermahnen, dass die mal auch darauf achten sollten, statt alles im einheitsgleichheitswahn zu versenken?



leboz (10.02.2010, 22:13 Uhr)
@lunaprojekt
wie wollen Sie denn das Bildungsbürgertum zwingen, seine Privilegien aufzugeben? Ich schicke meine Kinder auf eine Privatschule, da brauche ich nichts aufzugeben.
leboz (10.02.2010, 22:04 Uhr)
Kein Wunder
dass auch im Grundschulbereich Privatschulen wie Pilze aus dem Boden schießen. Wer die 150 bis 250 Euro Schulgeld entbehren kann, der tut es im Interesse seiner Kinder. Die Staatsschulen werden zunehmend unerträglich
Josh67 (10.02.2010, 21:51 Uhr)
Sehr gut!
Ich bin schon immer der Meinung, das es zu früh ist nach der 4.Klasse zu entscheiden, zu welcher "Kaste" ein Kind in D-Land gehört.
Genau dafür steht das dreigliedrige Schulsystem, damit die Elite unter sich bleibt.
Aber im 21. Jahrhundert ist Solidarität und gemeinsames Handeln gefragt um als Menscheit zu überleben.
Genau das lernt man aber in getrennten "Kasten" nicht.
Da das "Bürgertum" nicht freiwillig zurücksteckt, müssen Sie eben von der Mehrheit gezwungen werden.
Also DEMOKRATIE, die Mehrheit entscheidet. ( so sollte es zumindest sein )

Jahrgang 67!
Aquarius2 (10.02.2010, 21:26 Uhr)
Spielereien und Spinnereien zu Lasten der nächsten Generation
Welches Schulsystem in Ost oder West hat bewirkt, dass dessen Absolventen sich allen Herausforderungen der letzten 30 Jahre erfolgreich stellen und die Wirtschaftskraft Deutschlands behaupten konnten?
Aber aus guten Erfahrungen zu lernen, entspricht nicht dem Zeitgeist.
Lieber spielen einige Spinner mit der Zukunft unserer Kinder und Enkel.
MEHR ZUM ARTIKEL
Hamburger Schulreform Das Volk muss entscheiden

Die Primarschule ist Hamburgs Lösung für die schlechten Pisa-Ergebnisse. Sechs Jahre sollen die Kinder gemeinsam lernen. Doch eine Bürgerinitiative blockiert das Projekt. Verhandlungen mit dem schwarz-grünen Senat scheiterten. Jetzt wird es wohl einen Volksentscheid geben. mehr...

Schulreform ist beschlossen Berlin schafft im Sommer die Hauptschule ab

Berlin schafft im Sommer seine Hauptschulen ab. Das Abgeordnetenhaus beschloss die Reform am Donnerstag mit den Stimmen von SPD und Linken. Haupt-, Real- und Gesamtschulen werden zu sogenannten Sekundarschulen zusammengefasst. mehr...

stern-RTL-Wahltrend Koalition ist auf steiler Talfahrt

Die Zustimmung der Bürger zur schwarz-gelben Koalition sinkt rapide. Im stern-RTL-Wahltrend kann das linke Lager den Vorsprung auf satte acht Prozentpunkte ausbauen. Das freut besonders die Grünen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe