Der Massenselbstmord von Demmin

2. Mai 2005, 18:03 Uhr

Wie nach mittelalterlichem Kriegsrecht wurde die pommersche Stadt Demmin nach ihrer Eroberung durch die Sowjetarmee im Mai 1945 zur Brandschatzung freigegeben. Die Panik der Bürger mündete in einer beispiellosen Selbstmordwelle.

Demmin im Mai 1945: Die Stadt wurde nach dem Einmarsch der Roten Armee gezielt eingeäschert. In der DDR waren die traumatischen Erlebnisse der Bewohner ein Tabu-Thema, das erst nach der Wiedervereinigung aufgearbeitet wurde©

Als die Rote Armee im Herbst 1944 erstmals die Grenzen des Deutschen Reiches überschritt, begann für Millionen Zivilisten eine Schreckenszeit. Der Krieg, der in der Sowjetunion 20 Millionen Todesopfer forderte, zeigte nun auch den Deutschen sein furchtbarstes Gesicht. Willkürliche Erschießungen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch die vorrückenden Truppen und später durch die Besatzer wurden zum schrecklichen Alltag. Die Welle aus Hass und Rache erreichte Anfang Mai 1945 im vorpommerschen Demmin ihren Höhepunkt. Die Kleinstadt wurde von Rotarmisten gebrandschatzt, die Bevölkerung terrorisiert. Hunderte oder gar Tausende hielten das nicht aus und brachten sich um - einer der schrecklichsten Massenselbstmorde aller Zeiten.

Was der genaue Anlass für die Ausschreitungen der Soldaten war, ist bis heute umstritten. Norbert Buske, der für die Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern ein Heft über die Zerstörung Demmins verfasste, zählt mehrere Gründe auf: Die abziehenden deutschen Truppen hatten die Brücken über die Flüsse Tollense und Peene gesprengt, so dass die Rote Armee, die am 30. April kampflos in die bis dahin unzerstörte Stadt einrückte, nicht weiter konnte und sich so viele Truppen in der Stadt stauten. Zudem waren in Demmin große Alkoholvorräte gelagert, die den Soldaten für ihre Feiern zum 1. Mai in die Hände fielen. Letzter Funke war dann wohl der Tod mehrerer Offiziere, die vermutlich vergifteten Wein getrunken hatten.

Spur der Verwüstung

In der Nacht begannen die meist betrunkenen Soldaten dann, in der Stadt mit knapp 20.000 Einwohnern zu marodieren. Hunderte Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, viele Bewohner getötet und aus den Wohnungen wurde alles gestohlen, was wertvoll erschien. Als die Kampftruppen dann am Tage über Notbrücken weitergezogen waren, steckten die verbliebenen Soldaten die Stadt planmäßig an. Zwei Drittel Demmins brannten nieder, das Löschen wurde der Bevölkerung drei Tage lang verboten.

Sowjetische Panzersoldaten beim Überqueren der Oder im März 1945©

"Das Geschehen verursachte bei den Menschen eine Massenhysterie", sagt der Rostocker Historiker Fred Mrotzek. Er schätzt, dass sich etwa 1200 bis 2500 Menschen das Leben nahmen. Viele nahmen Gift, andere erschossen sich, ganze Familien ertränkten sich in der Tollense. Eine Augenzeugin berichtet: "In einer Breite von 1,5 bis 2 Metern säumten Babywäsche, andere Bekleidungsstücke, insbesondere kostbare Frauenkleider und Pelze, Ausweise, Pässe und Geld die im Frühlingskleid prangenden Auen am Fluss." Noch Wochen später wurden Leichen aus der Tollense geborgen.

Der Hass und die Gewalt der sowjetischen Soldaten kamen nicht von ungefähr. Bei ihrem Vormarsch durch ihr zerstörtes Land sahen sie, welche Verbrechen die Deutschen dem russischen Volk angetan hatten. Mit dem Erreichen der Grenzen der Sowjetunion und der Vertreibung der Invasoren war jedoch laut Mrotzek für den einfachen Rotarmisten das Kriegsziel des "Großen Vaterländischen Krieges" erreicht. Um sie zu motivieren, bis nach Berlin weiter zu marschieren, habe ihnen die Armeeführung reiche Beute versprochen. Der Besitz der besiegten Deutschen sei zur Plünderung freigegeben worden, die Frauen zur Vergewaltigung.

"Nichts lustigeres als ein Berg deutscher Leichen"

"In Soldatenzeitungen, Flugblättern und im Rundfunk wurde ausdrücklich zu Rache und Vergeltung aufgerufen", weiß Mrotzek. In einem rituellen Hassgesang hieß es etwa: "Es gibt nichts lustigeres für uns als einen Berg deutscher Leichen. Hänge sie auf und sieh zu, wie sie in der Schlinge strampeln. Brenne ihre Häuser nieder und freue Dich an den Flammen." Die derart aufgeputschten Soldaten waren auch nach Kriegsende von der Armeeführung nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Erst mit einem Gesetz vom März 1949, das Vergewaltigung mit bis zu 15 Jahren Arbeitslager bestrafte und mit der rigiden Kasernierung der Truppen bekam die Führung die Soldaten in den Griff.

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