Sechs Millionen Maß werden Jahr für Jahr auf dem Münchner Oktoberfest getrunken. Fast jede ist schlecht eingeschenkt. Der "Verein gegen betrügerisches Einschenken" hat dem Unterschank den Kampf angesagt. Mit dem Zentimetermaß rücken sie den Wiesnwirten zu Leibe. stern.de hat das Testerteam begleitet. Von Markus Wanzeck, München

Das Testerteam des "Vereins gegen betrügerisches Einschenken" (VGBE) vor der ersten Maß: Dieter Janecek, Jan-Ulrich Bittlinger, Rainer Jünger, Christoph Moosbauer und Florian Sipek.© Mirco Taliercio/Studio 108
Es ist ein traumhafter Nicht-mehr-Sommer-noch-nicht-Herbst-Nachmittag, wie gemacht für das Oktoberfest: Die Sonne lacht. Die Wiesnbesucher trinken und lachen. Die Wiesnwirte kassieren und lachen. Jan-Ulrich Bittlinger lacht nicht. Er haut mit der Handkante auf einen Holztisch des "Bavaria Bräu"-Biergartens, auf einer Anhöhe nur wenige Schritte neben der größten Gaudi der Welt. Er wettert: "Da unten, das ist ein riesiger Schankbetrug. In kaum einer Maß ist wirklich ein ganzer Liter Bier!"
Für Bittlinger ist der Maß-Inhalt zwei Wiesnwochen lang Lebensinhalt. Er ist Präsident des "Vereins gegen betrügerisches Einschenken" (VGBE). Der VGBE nimmt den Oktoberfestspaß ernst. "Aber mir san trotzdem kein Querulantenverein", verkündet Bittlinger, fast feierlich, zupft seine braune Trachtenjacke zurecht, und lacht. "Wir sind der Stachel im Fleisch der Großkopferten. Auf der Wiesn hat halt jeder seine Rolle." An den 349 oktoberfestfreien Tagen des Jahres sind die Rollen des 32-Jährigen: Eventmanager und SPD-Lokalpolitiker. Während der Wiesn besteht seine Rolle darin, den Schankwirten auf die vielbeschäftigten Finger zu schauen.
Zu diesem Zweck hat der VGBE-Präsident am Montag, Wiesn-Tag Nummer drei, eine vierköpfige Testertruppe um sich versammelt: Christoph Moosbauer (in der Rolle "Das braunhaarige Fallbeil"), Dieter Janecek ("Das Gewissen"), Florian Sipek ("Der Zentimeterzähler") und, auf seiner ersten Wiesn als VGBE-Mitglied, Rainer Jünger ("Der Frischling"). Fünf Zelte wollen sie aufsuchen. Fünfmal werden sie das Maßband zücken. Eine Stichprobe. Nicht repräsentativ, natürlich. Aber aussagekräftig.
Kurz nach 17 Uhr betritt die Testertruppe das Oktoberfest. Auf dem Weg zum ersten Zelt wird eine Bierleiche vorbeigerollt, aufgebahrt in einem gelben Sichtschutzzelt des Roten Kreuzes. Der Verbraucher geht, die Verbraucherschützer kommen.
17:28 Uhr, Hippodrom. Mit blitzenden Blicken setzen sich die Biermaß-Prüfer. Sieben Maß sollen's zum Auftakt sein. Das Warten darauf sind Minuten vorweihnachtlicher Vorfreude. Die Bedienung hat die Maßkrüge kaum abgestellt, da öffnet der Präsident schon die Faust und entrollt das darin verborgene Maßband. "1,5 Zentimeter entsprechen 0,1 Liter Bier", erklärt er. "Das ist die sogenannte Toleranzgrenze der Stadt München." Den offiziellen Bier-Kontrolleuren des Kreisverwaltungsrates reicht es, wenn die Maß 0,9 Liter hat. "Das ist behördlich gebilligter Schankbetrug!", schäumt Bittlinger. Eigentlich seien die Stadt und der VGBE auf einer Linie. Nur: "Wir sind konsequent, die Stadt nicht."

"Nur in jeder 11. Mass ist ein ganzer Liter": Die Lokalpresse berichtet rege über die Kontrollgänge des VGBE. Biermaß-Tester Christoph Moosbauer freut's.© Mirco Taliercio/Studio 108
Zentimeterzähler Sipek hält das Meterband an das erste Bierglas. "Unterschank!", ruft er triumphierend in die Runde, die Nebentische dürfen das gerne wissen. "Unterschank", das heißt, der Biergehalt der Maß liegt sogar noch unter der 0,9-Liter-Linie. Von den sieben bestellten Krügen fallen drei in diese Kategorie. Zwei liegen im städtischen Toleranzbereich, eine Maß enthält den versprochenen Liter, eine sogar etwas mehr. Fairness-Quote: 28,6 Prozent.
Keinesfalls kleinlich sei es, sich über 15 fehlende Bier-Millimeter aufzuregen, sagt das VGBE-Fallbeil Moosbauer. "Schankkellner sind Profis. Denen kannst sagen: Mach mir 0,75 Liter! Die machen das, nach Augenmaß." Unterschank ist für ihn bewusster Betrug. Der Präsident springt ihm mit einer Rechnung zur Seite, die er seit Jahren aufstellt - und lediglich um die alljährliche zünftige Bierpreiserhöhung angleichen muss: "Bei einem Maßpreis von 7,90 Euro ist ein Unterschank von 0,1 Liter fast 80 Cent wert. Das macht bei sechs Millionen getrunkenen Wiesn-Maß einen ergaunerten Gewinn von 4,8 Millionen Euro." Keinesfalls Kleingeld. Nach zehn Minuten im Hippodrom-Biergarten springen die Fünf schon wieder auf. Kein Prosit der Gemütlichkeit. Zelt zwei ruft. Am Nachbartisch ist man irritiert: "Erst testet ihr, ob die Maß voll ist - und dann lasst ihr das Bier halbvoll stehen?" "Wir sind nicht zum Spaß hier", erwidert Jünger. Der Frischling hat verstanden.
Der VGBE Der "Verein gegen betrügerisches Einschenken", kurz VGBE, wurde 1899 gegründet. Die Nazis hatten den Verein ob seiner sozialdemokratischen Wurzeln und Anliegen verboten. 1970 wurde der VGBE, der laut Satzung "das volle Maß bei der Maß erreichen" will, wiedergegründet. Inzwischen zählt er fast 4000 Mitglieder, darunter auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und Bayerns scheidender Landesvater Edmund Stoiber (CSU). Einziges Ehrenmitglied ist Peter Gauweiler. Der CSU-Politiker hat in den 80er Jahren als Münchner Kreisverwaltungsreferent einem Wiesn-Wirt die Lizenz entzogen, der für notorischen Unterschank berüchtigt war. Mehr Infos unter www.vgbe.de.