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21. Mai 2008, 07:00 Uhr

Immer mit der Ruhe

Wochenlang reiten, keine Städte, wenige Orte, kaum Straßen. Natur pur. 1500 Kilometer lang ist der Ritt vom Havelland nach Masuren auf den Spuren der Gräfin Dönhoff. Wir sind ein Stück mitgeritten. Von Eva Lehnen

Hoch zu Ross durch kaschubische Wälder: Sabine Zuckmantel (vorn) führt mit Jagdhund Oskar die Gruppe durch Polen© Gerhard Westrich

Der Morgennebel liegt schwer über dem Boden, schweigend, noch nass vom Regen der Nacht steht der Wald vor uns, saftig-grün, uralt. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages brechen sich ihren Weg durch das Geäst. Der Geruch von Moos, Kiefern steigt in unsere Nasen. Bis auf das Schnauben der Pferde und deren Trittgeräusche auf dem sandigen Boden: Stille.

Ein Gammelurlaub ist es nicht, den wir hier im Norden Polens verbringen: Wie jeden Morgen sind wir um 7.30 Uhr aufgestanden, haben uns zu einem schnellen Frühstück getroffen und sind dann mit dem Halfter in der Hand raus auf die Weide, Pferde einfangen, striegeln, Hufeisen kontrollieren, satteln und aufsitzen.

Sabine Zuckmantel, die den insgesamt achtwöchigen, spätsommerlichen Wanderritt organisiert hat - vom brandenburgischen Havelland aus etwa 1500 Kilometer gen Osten bis nach Masuren - , schreitet mit ihrer Stute Gonda an der Spitze unserer Reitertruppe. Über ihrer dunkelgrünen Wachsjacke trägt die 43-Jährige einen Kompass, die Landkarte hat sie in einer Plastikhülle am Sattelknauf befestigt. Neben ihr läuft Jagdhund Oskar und steckt seine Nase in die Luft. "Das kann noch nicht lange her sein, dass hier eine Rotte Sauen den Weg gekreuzt hat", erklärt Hobbyjägerin Zuckmantel und weist auf die Wildschweinfährten, die sich in den Waldboden gedrückt haben.

Einige reiten, um sich zu erinnern, andere, um zu entdecken

Am besten von uns allen - optisch gesehen - macht sich Alexander, mit 72 Jahren der Gruppenälteste. Mit seinem Cowboyhut, dem weißen Haar darunter, dem blauen Hemd und seiner Lederweste könnte er auf seiner kräftigen Stute Alisha auch gut im Kinoabspann in den Sonnenuntergang reiten. Martina, 48, Geschichtsprofessorin, hält sich mit beneidenswert eleganter Haltung auf dem jungen Wallach Oued, und Steffi, 28, hat vor lauter Freude, dass sie ihr Jugend-Hobby wiederentdeckt hat, ganz rote Wangen. Alexander reitet sein eigenes Tier, alle anderen sitzen auf Zuckmantels Pferden. Auf zähen, trittsicheren Araber-Berbern, die sich trotz ihrer Zuverlässigkeit einen eigenen Kopf bewahrt haben. "Natürlich ist es umso besser, wenn jemand schon mal auf einem Pferd gesessen hat, bevor er bei uns mitreitet, aber ich habe auch schon Anfänger mitgenommen. Man muss sie nur auf das richtige Tier setzen. Und manche der Pferde sind wirklich Lebensversicherungen. Nur durch den Muskelkater muss jeder selbst durch", sagt Zuckmantel.

Sabine Zuckmantel hängte ihren Bürojob an den Nagel und organisiert nun Wanderritte© Gerhard Westrich

Schweigend reiten wir hintereinander her. Es ist eine schöne Stille, die sich zwischen uns Städtern aus Berlin, Hamburg, Bielefeld und Süddeutschland ausbreitet. Als wollten wir die Natur ja nicht stören, als wäre zu viel Geplapper Umweltverschmutzung. Auch uns gegenseitig lassen wir in Ruhe.

Erst als wir an einer Lichtung rasten, kommen wir ins Reden. "Wenn ich reite, kann ich viel besser entspannen, als wenn ich am Strand liege", sagt Steffi. Neben ihr sitzt Martina und beschreibt ihre Empfindungen: "Man konzentriert sich auf sein Pferd und auf den Weg. Für andere Gedanken, den Alltag, bleibt da gar kein Platz. Das ist das Erholsame." Außer Alexander, der die kompletten zwei Monate mitreiten will, haben wir alle Teilstücke gebucht. Auch das ist möglich: eine Woche, zwei Wochen zu Pferde - je nach Laune, freier Zeit und Sitzfleisch.

Auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff

"A table", ruft Zuckmantel, als wir die Pferde mit Hafer versorgt und an Bäumen angebunden haben. Auf dem Tisch türmen sich Piroggen, herzhafte Teigküchlein mit Sauerkraut und Pilzen gefüllt, daneben steht eine Schüssel voller Bigos, polnischem Krauttopf, und ein Topf mit selbst gemachtem Griebenschmalz und Brot. Dazu reicht Blanka Wasser und auch ein Gläschen Rotwein für jeden. Sie ist unsere Trossfahrerin. Mit Jeep und Pferdehänger und unserem Gepäck fährt sie den Reitern voraus und kümmert sich ganz hervorragend um unsere Verpflegung.

Was abends beim Essen übrig bleibt - und das ist jedes Mal viel, unsere polnischen Gastgeber meinen es allzu gut -, packt Blanka ein und zaubert uns mittags ein herrliches Picknick daraus. Auf Klappstühlen sitzen wir um die improvisierte Tafel, schmausen und sehen den Rehen zu, die sich ein paar Hundert Meter weiter aus dem Birkenwäldchen wagen und mit schnellen Sprüngen das Weite suchen, als sie uns entdecken.

Vor drei Jahren hat Zuckmantel ihren ersten Polenritt organisiert. Die Idee: auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff zu reiten. Im Winter 1945 war diese mit ihrem Trakehner Alarich auf der Flucht vor Stalins Soldaten von Ostpreußen aus nach Westfalen geritten. Die Großnichte der mittlerweile verstorbenen Gräfin hat Sabine Zuckmantel geholfen, die Fluchtroute von damals zu rekonstruieren. Wir reiten in umgekehrte Richtung. "Die Flucht eins zu eins nachzustellen wäre geschmacklos", sagt Zuckmantel. Aber der Ritt von West nach Ost habe symbolische Wirkung: "Grenzen, die keine mehr sind - auf den Spuren der roten Gräfin", hat Zuckmantel ihren Ritt übertitelt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 20/2008

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