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Reportage der Woche

Hörspiele: Diese "Märchenoma" bringt seit mehr als 40 Jahren TKKG und die drei ??? auf unsere Ohren

Sie lieben Hörspiele? Dann ist die Chance groß, dass diese in in einem kleinen Studio in Hamburg-Rotherbaum entstanden sind. Dort produziert Heikedine Körting, 73, seit mehr als vier Jahrzehnten die Bestseller des Genres. Wir haben sie besucht.

Hörspiel-Produzentin Heikedine Körting, 73

Hörspiel-Produzentin Heikedine Körting, 73

stern.de

Vor ein paar Wochen war Heikedine Körting mit Freunden im Urlaub auf Djerba. "Ich habe es kaum ausgehalten", sagt sie mit leuchtenden Augen. "Diese Geräusche auf den Märkten, das Geschrei!" Weil sie kein Aufnahmegerät dabei hatte, nahm sie zumindest den Lärm des tunesischen Verkehrs mit seinen knatternden Mofas, Eseln und Kamelen mit dem Handy auf. Und ganz bestimmt finden diese Aufnahmen früher oder später den Weg in eines ihrer nächsten Hörspiele.

Heikedine Körting aus Hamburg ist die deutsche Hörspielkönigin. Sie produziert seit Jahrzehnten all die beliebten Serien, die Kinder genauso wie Erwachsene mit Begeisterung hören: "TKKG", "Hanni und Nanni", "Fünf Freunde", "Hexe Lilli" und natürlich "Die drei ???". Mehr als 3000 Hörspiele hat sie für das Label "Europa", das heute zu Sony gehört, aufgenommen. Sie wurden millionenfach verkauft. Körting dirigiert die Aufnahmen, regelt den Sound, betüdelt die Sprecher, behält den Überblick. Körting ist 73, wirkt aber eher wie – sagen wir – 43.

Die schlanke Frau mit dem hellen, aschblonden Haar, in dem sich nur wenig Grau entdecken lässt, versprüht so viel Energie, dass sie kaum stillsitzen kann. Sie trägt knallrote Ballerinas an den Füßen. Die flachen Sohlen müssen sein, da das Studio im zweiten Stock des Gebäudes liegt, aber auch im Souterrain noch Utensilien und ein Büro untergebracht sind. Treppen hoch, Treppen runter. "Ich lebe auf der Treppe", sagt die Hörspielproduzentin. "Das ist meine Fitness." Früher ist sie auch gesegelt und spielte Tennis, heute hält sie sich mit Golfspielen fit. "Wenn ich mal Zeit habe", fügt sie hinzu.

Und die hat sie selten. Denn Körting ist täglich im Studio, und auch, wenn sie eigentlich frei hat, hat sie die Arbeit immer im Kopf. In den Urlaub nimmt sie immer einen Packen neuer Drehbücher mit, über denen sie brütet. "Viele Freunde schenken mir so schöne Bücher", sagt sie. "Aber ich komme kaum zum Lesen." Geht sie ins Kino oder ins Theater, achtet sie dort automatisch auf die Stimmen der Darsteller, um neue Sprechtalente zu entdecken.

Eine gute Stimme ist für Körting wie ein Schatz

Für eine gute Stimme kann sich die 73-Jährige mit Eifer begeistern. Gordon Piedesack, der bei den "Fünf Freunden" den Onkel Quentin spricht, ist so jemand. "Der ist toll, oder?", fragt sie. "Den hätte ich ja gern irgendwann auch mal als Erzähler!" Piedesack, der den Kommentar aus dem Aufnahmeraum mitbekommen hat, muss lächeln. "Das ergibt sich ja vielleicht noch mal", sagt er und zwinkert. An ihre Sprecher hat Körting nicht viele, aber wichtige Ansprüche. Auf deren Umsetzung besteht sie mit Nachdruck: "Sie müssen top vorbereitet sein. Wenn die hier rumtüdeln, sage ich auch schon mal: Geh nach Hause, mach dein Pensum und komm dann wieder." Bei Rollen, die nicht konkret einen Dialekt erfordern, legt sie zudem Wert auf ein gutes Hochdeutsch. Sie selbst achtet darauf, dass in den Drehbüchern keine drastische Gewalt vorkommt, und sie vermeidet Modewörter. "Damit das Ganze auf eine gewisse Weise zeitlos wird."

Das Studio, in dem seit 1966 alle "Europa"-Hörspiele entstehen, ist überraschend klein und gemütlich. Wenn Aufnahmen stattfinden, so wie heute, sitzt Heikedine Körting hier am Mischpult, durch eine Glasscheibe vom kleinen Aufnahmeraum getrennt, in dem die Sprecher an den Mikros ihre Texte aufsagen. Gerade entsteht eine neue Folge der Reihe "Fünf Freunde". Hinter Körting sitzt Tontechniker Hans Joachim Dethlof, der ein Ohr dafür hat, wenn jemand eine Silbe verschluckt hat oder ein Detail nicht stimmt. Wenn Dethlof nicht da ist, übernimmt sein Kollege Helge Halvé.

Der Tonmann ist im Studio Körting der einzige, der an einem Apple-Computer arbeitet. Den hat das Label Sony mal gestiftet, aber die Studiochefin schwört auf die analoge Aufnahmetechnik. Deshalb wird noch immer alles auf Tonband aufgezeichnet – auf Rollen, groß wie Vinylplatten. Leise summend läuft das Band mit, während im Aufnahmeraum die "Fünf Freunde" gerade einen mysteriösen Stromausfall diskutieren.

Das Studio: klein und gemütlich

Neben Dethlof wartet heute die Mutter von Lina Demtröder und schaut gespannt zu. Die elfjährige Lina hat in einer der kommenden "Fünf Freunde"-Folgen ihre erste große Sprechrolle. Dafür sitzt sie jetzt zwischen den Profi-Sprechern, die teils seit 20 Jahren die Rollen der jungen Abenteurer Julian, George, Dick und Anne spielen. Und sie schlägt sich wacker. Auch die langen Sätze bekommt sie hin, ohne sich zu verheddern. Als Lina ihren letzten Text ins Mikro gesprochen hat, gibt es von den erwachsenen Kollegen Applaus.

Ihre erste große Sprechrolle: Lina Demtröder, 11, neben Theresa Underberg, 33, die die "Anne" spricht

Die erste große Rolle: Lina Demtröder, 11, neben Theresa Underberg, 33, die "Anne" spricht

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"Sie erinnert mich an meine Patentochter", sagt Heikedine Körting. Die Sprecher, "egal wie alt sie sind, das sind alles meine Kinder". Sie meint das so. Viele begleitet sie schon seit Jahrzehnten. Maud Ackermann etwa, inzwischen 54 und professionelle Synchronsprecherin (Demi Moore, Helen Hunt, Brooke Shields), saß schon mit zwölf Jahren in genau diesem Studio und sprach in einer ersten Version der "Fünf Freunde"-Reihe die "George". Inzwischen ist sie die "Tante Fanny". "Es macht immer noch Spaß", sagt sie. Nicht zuletzt wegen der Studiochefin.

Für die Aufnahmesessions kommen bei Heikedine Körting alle Sprecher zusammen. Natürlich könnte die Produzentin, wie es in anderen Studios oft üblich ist, auch jeden einzeln aufnehmen und im Schnitt alles zusammenfügen. "X-en", gesprochen "ixen", nennen sie das hier – und machen es nur im Notfall, wenn etwa ein Sprecher nur an einem bestimmten Termin kann. Ansonsten stecken alle gemeinsam im Studio die Köpfe über den Mikrofonen zusammen. "Ich liebe dieses Zusammenspiel", sagt Heikedine Körting. Auch, wenn es bei Szenen mit vielen Beteiligten schon mal recht kuschelig werden kann im kleinen Aufnahmeraum.

Bei Körting gehören alle zur Familie

Wenn Heikedine Körting am Mischpult sitzt, die rechte Hand an den Reglern, wirbelt die linke fast immer in der Luft, um parallel etwas oder jemanden zu dirigieren. "Denkst du dran, dir unten deine Gage zu holen?", "Herr Dethloff, wir müssten bitte einmal das Tonband wechseln!", "Ist Onkel Quentin schon da, kann mal jemand nachschauen?" Auch die Sprecher sind immer wieder perplex ob ihres unerschöpflichen Enthusiasmuses. "Diese unheimliche Energie – sie ist ja niemals müde und immer positiv", staunt etwa Maud Ackermann. "Sie steht morgens auch immer um vier oder fünf auf!"

Darauf angesprochen, sagt die Studiochefin:"Ich wache dann auf. Dann sause ich im Bademantel ins Studio und habe Ruhe bis neun, wenn die anderen kommen." Ihr Mitarbeiter André Minninger, Drehbuchautor und Assistent, verrät sie, "ist eigentlich Langschläfer, aber seit er mit mir zusammenarbeitet, ist er immer um sieben bei mir im Studio." Man könnte vermuten, dass der Kollege dem ausgedehnten Schlummer wohl nicht völlig abgeschworen hat, sich aber der mitreißenden Energie Körtings einfach nicht erwehren kann. Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis.

Zu Besuch im Hörspiel-Studio Körting
Die Produzentin in Aktion: Sie leitet die Aufnahmen für eine neue "Fünf Freunde"-Folge

Die Produzentin in Aktion: Sie leitet die Aufnahmen für eine neue "Fünf Freunde"-Folge

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Die Arbeit ist nie zu Ende, die Energie auch nicht

Heikedine Körting ist Hörspielproduzentin mit Leib und Seele. Ihr beurfliches Ziel war dieser Job aber nie. Journalistin wollte sie werden. Körtings Vater war mit Marion Gräfin Dönhoff zur Schule gegangen und konnte für seine Tochter einen Kontakt herstellen. Und so schrieb Körting der "Zeit"-Herausgeberin einen Brief mit Bitte um Ratschläge, wie sie ihren Wunschberuf am besten angehen solle. Dönhoff ließ direkt Heikedines eigentlichen Plan platzen, Publizistik zu studieren. Sie solle einen "richtigen" Beruf lernen, sich Spezialwissen aneignen, und währenddessen viel schreiben. Das sei die beste Vorbereitung auf den Journalistenberuf. Also begann Körting ein Jurastudium. "Ich habe einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn", sagt sie, "ich muss immer alle verteidigen."

Ihr Geld verdiente sie sich in den Semesterferien mit allen erdenklichen Jobs: Plakate kleben, Zeitungen austeilen. "In Frankreich habe ich sogar in einer Autowerkstatt gearbeitet." Während des Studiums steuerte ihr Vater etwas finanzielle Unterstützung bei. Nach Semester Nummer sieben jedoch sagte er plötzlich: "Das ist ja nun die letzte Zahlung, schön, du machst ja jetzt Examen!" Heikedine musste schlucken. Ja, Regelstudienzeit, und ja, es hatte da eine Abmachung mit den Eltern gegeben. Aber das erste Staatsexamen nach nur sieben Semestern – ein ehrgeiziges Vorhaben. Also machte sie sich daran, in wenigen Wochen all das zu büffeln, was sie während des bisherigen Studiums verpasst hatte. Und sie bestand das Examen. "Ist dann auch ganz schön geworden", murmelt sie.

Bis heute ist Körting zugelassene Anwältin

Bis heute übernimmt Körting auch noch gelegentlich einen Fall. Aber mit der Juristenkarriere wurde es genauso wenig etwas wie mit dem Journalistenleben. "Das zweite Staatsexamen habe ich, ehrlich gesagt, nur aus Respekt für meinen Vater gemacht", sagt Heikedine Körting. Denn sie hatte inzwischen Andreas Beurmann kennengelernt. Und "der Beurmann", wie sie sagt, hatte ein Studio, in dem er Schallplatten mit klassischer Musik und, nebenbei, auch Kinderhörspiele aufnahm. Sie begann damit, die Skripte für die B-Seiten der Platten umzuarbeiten. "Mach mal!", hatte Andreas Beurmann gesagt, wenn Körting Zweifel an ihren Fähigkeiten für den Job äußerte. "Mach mal!" Und diese Aufforderung fiel bei ihr auf fruchtbaren Boden – sie machte. Nur ein paar Jahre später übernahm sie die ganze Hörspielsparte. "Ich hatte den Beurmann da ja schon etwas näher kennengelernt", sagt sie, und lächelt verschmitzt. Geheiratet hat sie ihn, will sie damit sagen, 1979. Die beiden blieben ein Paar, bis Andreas Beurmann 2016 starb.

Ist ihr das Hörspiel-Geschäft jemals langweilig geworden? "Nee," ruft sie, und schüttelt den Kopf. "Ich hatte nur Angst, dass es irgendwann vorbei ist." Als ab Ende der 1980er Jahre Videospiele, VHS und dann DVDs die Durchschnittshaushalte eroberten, kamen Hörspiele eine Weile aus der Mode. Körting und ihr Mann hatten sich beinahe damit abgefunden, dass der Bildschirm eben "das nächste Ding" werde und sie sich diesem Trend ergeben müssten. Doch: "Die 'Kassettenkinder' sind erwachsen geworden", sagt Körting, und sie geben nicht nur ihren eigenen Kindern die Lieblinge von früher zu hören – sie hören sie auch selbst wieder. Allerdings immer seltener auf CD. "Fast die Hälfte des Verkaufs geht inzwischen über Streaming", sagt Körting. "Aber so ist das eben."

Heikedine Körting (2.v.l.) mit den "Fünf Freunden": Theresa Underberg ("Anne"), Ivo Möller ("Julian"), Alexandra Garcia ("George") und Jannik Endemann ("Dick"). Der fünfte Freund, Hund Timmy, existiert nur auf einer Tonspur.

Heikedine Körting (2.v.l.) mit den "Fünf Freunden": Theresa Underberg ("Anne"), Ivo Möller ("Julian"), Alexandra Garcia ("George") und Jannik Endemann ("Dick"). Der fünfte Freund, Hund Timmy, existiert nur auf einer Tonspur.

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Neue Trends und neue Technik kommen und gehen, das weiß Körtling nur zu gut. Nur eben in ihrem Studio setzt sie mit Leidenschaft auf Altbewährtes. Die Aufnahmegeräte und Mischpulte von Telefunken, an denen gearbeitet wird, "werden seit 1989 nicht mehr hergestellt", sagt Tontechniker Hans Joachim Dethlof – mit einer Mischung aus Unverständnis und Respekt für die Arbeitsweise seiner Chefin. "Und die Tonbänder müssen wir in Frankreich bestellen, weil sie nur noch dort von einer Firma vertrieben werden." Die Technik aus dem vergangenem Jahrhundert hat sie noch nie im Stich gelassen.

"90 Prozent Freude, zehn Prozent schwierig"

Seit 2004 gehört das Label "Europa" dem Major Label Sony, und die zuvor eigenverantwortliche Körting arbeitet seither in dessen Auftrag. Sie hat aber größtenteils freie Hand – schließlich liefert sie zuverlässig etwa fünf Folgen all der beliebten Reihen pro Jahr. "Eine sogenannte ASAP-Produktion schaffen wir in zwei bis drei Wochen", sagt sie. "In der Regel hat man aber mindestens ein Vierteljahr Zeit." Mit Stolz sagt sie, dass sie in 40 Jahren noch keinen Abgabetermin verpasst habe. Der ständige Zeitdruck ist aber einer der Punkte, der bei ihrem Beruf – "90 Prozent Freude, zehn Prozent schwierig" – in letztere Kategorie fällt. Dazu zählen auch gelegentliche Rechtsstreits, wenn es um Urheberrechte oder höhere Honorarforderungen geht. Auch wenn ein Sprecher nicht die Erwartungen erfüllt, belastet das die Produzentin: "Es ist unangenehm, jemanden auszuwechseln", sagt Körting. "Aber da muss man dann Entscheidungen treffen."

Vielleicht der schwerste Moment aber war eine Aufnahme für "TKKG" im Jahr 2009, während der die Sprecherin Veronika Neugebauer im Krankenhaus lag. Sie war an Krebs erkrankt. Körting und die übrigen Sprecher nahmen schon einmal das Grundgerüst einer neuen Folge auf und ließen den Part der "Gaby", den Neugebauer sprach, aus, bis sie sich besser fühle. Währenddessen rief Körting deren Mutter an und fragte, wie es Veronika ginge. "Sie ist gerade gestorben", sagte die Mutter. Die Produzentin muss schlucken, sagt: "Ich konnte es den anderen in diesem Moment noch nicht sagen." Bis heute hält sie Kontakt zu Veronika Neugebauers Mutter. Die Rolle der "Gaby" übernahm später Schauspielerin Rhea Harder.

Auch, wenn es manchmal schwierig ist, liebt Heikedine Körting ihren Beruf. "Früher war ich die Märchenfee, später die Märchentante, dann die Märchenkönigin", sie lacht. "Jetzt bin ich vermutlich die Märchenoma." Doch wenn sie auf Veranstaltungen unterwegs ist und dort jungen Menschen erzählt, dass sie "Die drei ???" macht, sagt sie nicht ohne Genugtuung, "dann bin ich ganz schnell der Mittelpunkt!"

In Rente gehen? Keine Option. Als Körting das letzte Mal mit Sony ihren Vertrag verhandelte, bekam sie vom Label-Giganten zu hören: "Machen Sie weiter, so lange Sie wollen!"

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