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Warum sich der Luxus-Skiort Sankt Moritz neu erfinden muss

Gibt es eigentlich auch eine alternative Wirklichkeit? Oh ja: Sankt Moritz. Manchmal wirkt das Dorf, als wär's nicht von dieser Welt. Doch der Skiort der Superreichen ist im Umbruch.

Von Ulrike Posche

Was hatte , der Sohn des berühmten Lebemanns, noch mal am Telefon gesagt? Warum wirkt dieser durch alle Zeiten hindurch funkelnde Ort noch immer so anziehend? Ist es das Seen-Band aus echtem Kristall, das sich durchs Tal schlängelt? Die High-End-Hotels mit ihren Türmchen-Suiten und Kalbsschnitzeln ohne alles zu 62 Franken? All die weißen Tausender-Gipfel über roten und perlmuttweißen Rolls-Royce mit Münchner Kennzeichen? Die tolle Ski-WM, die sie derzeit oben am Munt da San Murezzan austragen? Nein, nein, das alles hat er nicht erwähnt.

"Sport, Charme, Stil und alte Werte", sagte Sachs mit sanfter Stimme und in einem von Schweizer Internaten verfeinerten Ton. Diese vier seien die eigentlichen Säulen des Millionendorfs im Engadin. Geheimnis des Glaubens. Und während ihn irgendein Metropolen-Flughafen samt Handy verschluckte, legten sie daheim im Dorf auch schon los mit dem Charme und den alten Werten. Wolken über Sils Maria, Nachtleben über .

Vor dem Schulhaus setzen ein früherer Polizeipräsident, der ehemalige Kurdirektor, eine spezialisierte Ärztin und zwei weitere gut situierte Bläser ihre Alphörner an die Lippen und pusten einen dunklen Walzer über den Platz. An der Kirche postiert sich das hiesige "Jodelchörli". Pausbackige Herren, Damen im Samtmieder und mit Capadüsli auf dem Kopf bejuchzen die Natur und den Herrn und das riesige Pluszeichen, das weiß auf Rot von beinahe jedem Haus im Maloja-Wind flattert. Betet, freie Schweizer, betet!

Das Leben ist schön

Trotz der Horden von WM-Touristen, die nur gucken wollen, nicht kaufen. Es ist fantastisch, du dödl di. Immer noch! Egal jetzt, dass Sankt Moritz nach dem Franken-Schock vom Jahr 2010 an die 30 Prozent seiner Logiergäste verlor. Dass die großen Hotels so mit den Preisen heruntergingen, bis die mittleren und kleinen Hotels ihre Stammgäste verloren. Dass sogar der Spitzenkoch Reto Mathis seine berühmte Trüffel-Pizza-Bäckerei "La Marmite" auf der 2486 Meter hohen Bergstation der Corviglia nach 50 Jahren schließen muss, weil einfach nicht mehr genug Fränkli reinkommen.

Es ist auch tatsächlich so, dass man inzwischen Damen vor Schaufenstern sieht, deren bodenlange Daunenmäntel nicht einmal mehr mit billigerem Fell gefüttert sind als dem der Kronenzobel. Männer tragen ihre Moncler-Jacken aus dem Vorjahr auf! In der Chesa Veglia, wo sie vor 20 Jahren noch Schlange standen, um einen Tisch zu bekommen, passt heute manchmal der Pasta-Teller nicht mehr zum Unterteller, auf dem er steht. Egal!

Und egal auch, dass sie während der Weltmeisterschaft in der "Cow-Bar" an der Via Maistra Ballermann-Musik spielen und der mehr als vornehme "King's Club" im Hotel "Badrutt's Palace" freien Eintritt gewährt bei verminderten Preisen. Nebenbei: Wir sprechen hier von acht Franken fünfzig, die das kleine Glas Wein derzeit im Straßenausschank kostet. Sankt Moritz ist ja nicht so smart casual wie die drüben in Österreich, wo es an jeder Ecke einen "Bombardino" gibt oder eine "Heiße Hexe" für kleines Geld. Pommery heißt die Parole, oder Röteli. Aber dann ist es nicht einmal Glas, sondern Plastik!

Stil, Charme und alte Werte in Sankt Moritz

Nach dem Walzer trinken die Alphornbläser Rotwein. Und an der Art, wie sie das Glas am Boden nur mit Daumen und Zeigefinger halten, erkennen sie sich untereinander als Bruderschafts-Brüder. Stil, Charme und alte Werte. Ja, es stimmt schon. Auch das ist Sankt Moritz. Nur, dass es zu wenige Touristen gibt, die das noch zu schätzen wissen.

Wie so viele, die hier über lange Monate wohnen, war auch Rolf Sachs, der vor Jahren das historische Olympiastadion gekauft und zum Wohnhaus umgebaut hatte, während des WM-Rummels aus Sankt Moritz geflohen. Um Beachtung aus vielen Fenstern leuchtend, lag deshalb sein rotes Turmhaus nachts verlassen am Berg. Unterhalb leuchteten die Pagodenzelte auf dem zugefrorenen See magisch-blau. Und am Nordende des Eises gleißten neun meterhohe Stelen im Mondlicht, die der Künstler Heinz Mack aus Mönchengladbach geschaffen und der Milliardär Ralph Dommermuth aus Montabaur an den See geschafft hatte. 850.000 Plättchen aus 24-karätigem Gold bedecken die Stelen.

Von seiner Chesa am Berg – falls er sie überhaupt noch besitzt – müssten der "Bunte"-Verleger Hubert Burda und seine Frau Maria Furtwängler einen großartigen Blick auf das Kunstwerk haben. Es ist fantastisch. Alle sagen das. Im Tal die goldenen Stelen, auf dem Berg Olympia und dazwischen das Unesco-Weltkulturerbe "Rhätische Bahn". Es ist, wie wenn man beim Doppelkopf zwei Kreuzdamen und eine Herzzehn auf der Hand hat. Der Magie von Sankt Moritz, so sagt Rolf Sachs noch, während er nach New York eincheckt, bleibe jeder, der einmal da war, verfallen.

Dem Oberengadin verfallen

Sagen wir mal so: Man bleibt dem Tal verfallen. Dem Oberengadin. Von S-chanf über Silvaplana bis Sils. Wie Nietzsche und Hesse und Thomas Mann. Es kann auch das grandiose Hotel "Waldhaus" sein, einen Spaziergang südwestlich von Sankt Moritz, dem man auf ewig verfällt. Die Maler Gerhard Richter und Jonathan Meese, Architekten, Dichter und Sänger steigen hier ab, in dem zauberischen Kasten von 1908, in dem noch immer zum Tee dreistimmig musiziert wird und die Saaltochter (Kellnerin) fragt, ob sie "dem Herrn noch eine Stange anzapfen" darf.

Soeben haben die vierte und fünfte Generation der Hoteliersfamilie ein Spa in den Arvenwald gebaut, um in der Moderne mithalten zu können. Denn Urs Kienberger, "Direktor fürs Unpraktische", denkt in Krisenzeiten wie Michelle Obama: "When they go low, we go high." Als die anderen Hotels nach dem Franken-Schock in Panik gerieten und die Preise senkten, blieb das Waldhaus standhaft – und investierte in Größe. "Es wäre doch auch komisch", gibt Kienberger an, "wenn man in den Bergen ist und vergisst, dass es nicht nur bergauf, sondern auch einmal bergab geht."

Der jährliche Cresta-Run

Zurück über den See. Vorbei am "Suvretta House", am "Kempinski", in dem zur Ski-WM die US-Mannschaft wohnt, am Café Hanselmann und seinen Nusstorten. Rolf Sachs lebt meist in Rom und London. Von seinem verstorbenen Vater hat der Möbeldesigner die Liebe zum Schlittenfahren geerbt, den Kunstsinn und die legendäre Gaudibude "Dracula Club" an der "Piazza Gunter Sachs".

Rolf Sachs, 61, ist wie einst sein Vater Präsident des Bobsleigh- Clubs. Papa Sachs war sogar noch Chef des auf der anderen Straßenseite liegenden Skeleton-Clubs. Dessen jährlicher "Cresta-Run" ist eine Schlitten-Vergnügung, die risikoverrückte Briten vor etwa 130 Jahren erfanden. "Rosen, Lippen, Mädchen. Leichtfüßige Jungs!" So tranken sie sich in den Tweedzeiten des Wintersports zu. Heute wirken Bobbahn und Cresta-Run wenig haudegenhaft, was vielleicht an den Trikot- Pellen liegt, in die sich die Sportler zum Training zwängen. 

Julian Schnabel malt im Pyjama

Der "Dracula Club" dagegen hat – wenn er denn öffnet – noch immer Strahlkraft auf jene, die sich samstagnachts in Stiefel bis über die Knie und in Nerzjäckchen bis über den Po schmeißen, um auf Holzbänken und groben Tischen zu tanzen. Ilaria, zum Beispiel. Was sie sonst macht? Keine Ahnung. "Her father runs in Mailand irgendeine Company, die in erneuerbare Energy macht", sagt Ilarias Freundin Tamara, die ihrerseits in London irgendwas mit Kunst macht und sich für Partys nicht sehr interessiert, weshalb sie auch bei Ladina Florineth im stillen Weiler S-chanf absteigt und nicht hier in Moritz.

Das "Waldhaus" im Süden, die "Villa Flor" im Norden, das sind die beiden Seelenpunkte des Tals. Lerne: "S-chanf" spricht man, wie eine Dampflok macht, wenn sie bergan dschtampft. Von Sankt Moritz aus sind es bis dahin nur wenige Minuten mit dem roten Bähnli, aber es ist eine Reise in eine vergessene Welt. Und die Bahn hält hier auch nur "auf Verlangen", was immer ein bisschen unheimlich klingt, nach Exit-Strategie.

Ladina Florineth, 54, ist in Sankt Moritz aufgewachsen, kennt Rolf Sachs aus der Schule, ist Tochter eines berühmten Bergführers und Skilehrers der Region. Hochadel, Industrieadel, Tankerkönige und Malerfürsten haben mit Andrea Florineth Wedeln geübt, bis er vor 30 Jahren in einer Lawine umkam. Früher mussten Ladina und ihr Bruder noch die Kinderzimmer räumen, wenn Gäste zum Wintersport anreisten. Heute macht sie denen die Betten im eigenen mit Kunst und Literatur bestückten Hotel, dessen "herrschaftlich kosmopolitisches Flair" allseits gerühmt wird. Und als Ladina vor Jahrzehnten einmal einen ziemlich verirrten Mann neben der Piste auflas, war es der Maler Julian Schnabel, dem sie dann das Skifahren beibrachte.

Bis heute kommt der New Yorker Künstler ins Engadin. Seit sieben Jahren wohnt der Vater des Galeristen und Heidi-Klum-Gefährten Vito Schnabel in einem ihrer sieben Zimmer und pinselt in einem improvisierten Atelier an der Dorfstraße. Schnabel reist mit leichtem Gepäck. Er malt ja eh immer im Schlafanzug. Oder feiner, im Pyjama. Die Farben lässt er schicken. Am Abend kocht sie dann, und er trägt Sweatshirts. Manchmal kommt der britische Architekt Sir Norman Foster dazu. Der wohnt inzwischen auch hier und hat Sankt Moritz mit einem Lärchenholzhaus in Form einer Nierenschale verziert, weshalb ihn das britische Oberhaus aus seinen Reihen verwiesen hat. Wegen des Schweizer Steuerdomizils natürlich, nicht wegen der Nierenschale, der "Chesa Futura". Bitte unbedingt googeln!


Viele Väter machen hier irgendwas mit Energien

Oder mit der Kunst. Wir sind wieder in Sankt Moritz, Via Maistra. Vito Schnabel, 30, ist nicht da, seine Galerie in der No. 37 geschlossen. Und auch sein Vater reiste bereits vor der WM-Eröffnungsfeier ab. Schon als Kind befreundete sich Vito mit jenen Erben, die ihm, wenn er heute mit wechselnd weiblicher Begleitung anreist, ein Zimmerli im "Kulm" vermieten. Es ist das älteste der Luxushotels. Und es gehört der Familie Niarchos. Der griechische Reeder Stavros I. kaufte es 1970. Zwei seiner Söhne haben dazu ein Fünf-Sterne-Haus im Nachbarort, Grundstücke und Ländereien erworben und eine Bergbahn vorm Abriss gerettet. Das halbe Tal gehört den Niarchos. Es ist fantastisch. Niemand hasst sie. Die netten Milliardäre wollen Sankt Moritz groß machen!

Von Bismarck stammt der Spruch: Die erste Generation schafft das Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte. Zugegeben, ein bisschen trifft das hier in Sankt Moritz zu. Bei Familie Niarchos ist zum Glück noch die zweite Generation am Zug. Stavros III. und seine Geschwister lümmeln bislang eher in selbst designten Klamotten im familieneigenen "Country Club" rum – außerhalb der Saison natürlich. Jemand schrieb, es wäre alles nicht mehr so wie früher. Nicht mehr so exklusiv, so White Turf und Polo auf dem See. Nicht mehr so "Cartier" und "Chopard", wie es einmal war. Als Marie Gräfin von Waldburg, die Königin unter den VIP-Reporterinnen, vor den Events ihre Kippen ausdrückte und diskret in den Taschen ihres Seidenmantels verschwinden ließ.

Dabei ist alles noch genauso wie früher! Den kleinen Flughafen im Nachbardorf Samedan beispielsweise kann man bis heute ausschließlich bei schönem Wetter anfliegen. Gut, zum WM-Skitrubel ist ohnehin alles anders. Sport-Touristen kaufen keine teuren Bilder oder Maseratis oder Prada-Anoraks. Obwohl man das mal erlebt haben muss: Nur in Sankt Moritz verstehen es die Verkäuferinnen mit den Tom-Ford-Brillen, auf die arglose Frage, wie teuer der Pullover im Schaufenster sei, der mit dem Krickelkrakel- Herz von Keith Haring, nur hier verstehen sie es, die Antwort wie schmelzende Toblerone klingen zu lassen: "Zweitausendfünfhundertfünfzig, es isch auch ein sehr schönes Kaschmir, wollen Sie einmal anfühlen?" Ach, man sollte sich Geld leihen und für immer bleiben! Oder wenigstens Ski ausleihen. Obwohl – auch die kosten hier für einen einzigen Tag fast so viel wie im 60 Kilometer entfernten Livigno für die ganze Woche.

Geld, Geld, immer wieder Geld

Hans Peter Danuser von Platen, 69, bringt das richtig auf die Palme. Der Kurdirektor über drei Jahrzehnte gilt in der Schweiz als Marken-Papst, weil er das Dorf zur Weltmarke machte. "Top of the World" – seine Erfindung. Doch seit er in Rente ist, verwässern seine Nachfolger die Uniqueness des Ortes. Legen die Lady mit elf Gemeinden zu einem Tourismusverband zusammen, verkaufen sie über den Preis. "Eine Todsünde!", so Danuser. Doch seine Lachfalten verschwinden nicht einmal, wenn er schimpft. Allegra- Prinzip heißt das hier, Lebensfreude! Er weiß: "Eine starke Marke ist immer ihren Preis wert."

Danuser wohnt jetzt mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn oben am Berg. Die Gemeinde hat dort in einem Jugendstil-Juwel "bezahlbaren Wohnraum" für einheimische Familien ausgewiesen, 50.000 Franken pro Quadratmeter. "Wir leben ein bisschen über unsere Verhältnisse", charmiert Danuser. Dann federt er lächelnd und sportlich von dannen.

Der neue Direktor kommt übrigens aus Österreich.


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