
Als die Oper von Odessa 1887 Richtfest hatte, war sie nach der Mailänder Scala das zweitgrößte Opernhaus der Welt© Theodor Barth
Und abgesehen von den heimtückischen Gulagetten gibt es überall diese unglaublichen Odessitinnen, die ihrem Schicksal mit schwindelerregenden Frisuren und Lippenstiften trotzen. Auf dem Priwoz-Markt halten sie Schweinshaxen und Kalbsohren und manchmal auch einen frisch abgehackten Rinderkopf feil, mit blutbefleckten Schürzen am Leib und strahlend weißen Schleifen im blonden Haar. Am Grabmal des unbekannten Matrosen halten sie Wache, mit Holz-Kalaschnikows in der Hand, Schlitzen im Minirock und Pfennigabsätzen unter der Sohle. Vor den Kirchen halten sie ihre Säuglinge fest, die Haare rabenschwarz, die langen Beine in goldfarbenen Miniröcken, die Füße in grün schimmernden Stiefeln aus Schlangenleder. In Arkadia am Schwarzmeerstrand schieben sie Kinderwagen über den Sand, die Lippen blutrot, den Busen in knappe Glitzertops gepresst, die Stilettos versinkend; sie straucheln nie. An ihrer Seite wankt fast immer gleich einem überflüssigen Accessoire ein fahlfarbener Mann im Trainingsanzug.
So sind wir ein bisschen traurig, als wir nach drei Tagen in Odessa wieder die "Yuzhnaya Palmyra" besteigen. Aber nicht sehr lange, zu groß ist die Wiedersehensfreude mit Swetlana. Kaum in See gestochen, kreischt sie "O la paloma blanca", begleitet von ihrem Depri-Orchester. Im Spielcasino treffen wir unsere beiden Textil- Türken wieder, die offenbar gute Geschäfte gemacht haben, da sie ganze Bündel von Dollars am Baccaratisch verlieren. Wer fehlt, ist der türkische Israeli. Er wurde ersetzt durch fünf bekiffte israelische Amerikaner, die einen Wunderrabbi in der Bukowina getroffen haben und jetzt via Istanbul zurückreisen nach Safed in Galiläa, wo sie an einer Yeshiva Talmud und Thora studieren.
Das scheint ihnen ziemlich viel Spaß zu machen, denn sie trinken Unmassen von Wodka - "alles, was durchsichtig ist, muss einfach koscher sein" - , spielen Basketball, rauchen Joints und tanzen zu Swetlanas Darbietungen eine Kreuzung aus Hora und HipHop.
36 Stunden später sitzen wir in einem Restaurant in Beyoglu, dort, wo Istanbul am lautesten und lustigsten ist. Und stellen fest, dass diese Stadt mit Odessa ziemlich viel gemeinsam hat: Beide sind ein wenig verschlampte und kapriziöse Primadonnen, getrennt durch das Schwarze Meer, verbunden durch die "Yuzhnaya Palmyra". Gerade, als wir ihrer mit Wehmut gedenken wollen, blitzt uns von Weitem ein Mund voller Nirosta entgegen - es ist der Offizier. Er winkt uns zu. Sein Lächeln ist einfach bezaubernd. Besonders aus der Ferne.
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Stern
Ausgabe 17/2008