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1. Juli 2008, 10:51 Uhr

Von China nach Deutschland - zu Fuß

Anfang November 2007 nimmt Christoph Rehage seinen Rucksack, gibt seine Hausschlüssel ab und läuft in Peking Richtung Europa los. stern.de hat ihn nach 3000 Kilometern Fußmarsch durch die chinesische Provinz befragt.

Christoph Rehage trifft Xie Jianguang, der seit 25 Jahren durch China wandert© Christoph Rehage

Nach zwei Jahren Studium an der Pekinger Film Academy hat sich der 26-Jährige auf den Heimweg gemacht, nach Bad Nenndorf bei Hannover. Schritt für Schritt wandert er durch die halbe Welt. In seinem Blog www.thelongestway.com berichtet er täglich in Wort und Bild.

Was hat Sie zum langen Marsch bewogen?

Im Sommer 2003 bin ich von Paris nach Hause gelaufen. Damals hatte ich ein Jahr in Paris gelebt. Mein spontaner Entschluss zu laufen hatte etwas mit "Abschied von Paris und Ankommen daheim" zu tun. Am Ende meines Studiums in Peking hatte ich plötzlich diesen Tagtraum: "Kannst du nicht auch von Peking nach Hause gehen?"

Sie haben jetzt schon 3000 Kilometer Richtung Westen hinter sich. Was hat Sie am meisten überrascht?

Wie lahm ich bin! Mal im Ernst, abgesehen von den unzähligen Leiden meiner Füße nimmt einfach auch das Bloggen sehr viel Zeit in Anspruch. So komme ich bei weitem nicht so schnell voran, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Über die gemarterten Füße trösten vielleicht die Genüsse der Küche hinweg. Essen die Chinesen wirklich alles?

Die Chinesische Küche ist super. Es gibt allerdings starke Unterschiede. Im Nordwesten, durch den ich jetzt gerade komme, isst man viel Nudeln und kaum Reis. Insgesamt wirkt die Küche weniger raffiniert als im Süden. Allgemein essen Chinesen vielfältiger als Deutsche, da kann unter Umständen wirklich mal Hund, Hai oder Eselpimmel auf den Tisch kommen. Ist aber eher selten. Den meisten Chinesen dreht sich beim Gedanken an ein deutsches Hackepeterbrötchen der Magen um.

Sie sprechen Mandarin, können sich also auf Hochchinesisch verständigen. Wie weit kommt man mit Englisch?

In Städten wie Guangzhou und Shanghai ist Englisch kein großes Problem. Außerhalb ist man gut beraten, nach Studenten Ausschau zu halten. Die sind meist sehr freundlich und haben oft Lust, sich in Konversation zu üben. Auf dem Land spricht kaum einer Englisch. Da sollte man sich an die Kinder wenden oder an ihren Englischlehrer.

Wie reagieren die Menschen auf das überraschende Auftauchen eines schwer bepackten Europäers, der zu Fuß unterwegs ist?

Die Reaktionen auf mich bärtiges Ungetüm sind teilweise ziemlich lustig. Der Großteil der Leute, egal ob alt oder jung, ist sehr offenherzig. Viele machen auch gerne Späße. Die fragen dann zum Beispiel "Hey, warum nimmste nicht den Bus?" oder "Was machst'n mit den Stöcken da? Willste etwa Ski fahren?"

Chinas Aufbruch wird bei uns gern mit Bildern des spektakulären Wandels in den großen Glitzerstädten dokumentiert. Wie nimmt er sich in der Provinz aus?

Die Unterschiede zwischen den modernen Großstädten und dem Hinterland sind nach wie vor gewaltig. Aber man muss trotzdem sagen: Auch auf dem Land findet eine Entwicklung statt, wenn auch nicht so schnell wie in den Städten. Heute hat fast jeder Bauer ein Mobiltelefon. Auch Landfamilien schicken ihre Kinder auf die Universitäten in den Städten - das ist auch eine Kostenfrage.

In den Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen zeigt China seine Leistungsfähigkeit und den Stolz darauf. Wie viel davon ist im Hinterland zu spüren?

Die ganze Sache ist zwar nonstop im Fernsehen und die großen Marken haben die Spiele in ihre Werbung einbezogen, aber die Leute in der Provinz haben andere Sorgen. Ich habe schon einige sagen gehört, sie hätten keinerlei Vorteil davon. Das ganze "Beijing 2008"-Getue werde aus ihrem knappen Geldbeutel finanziert. Andererseits glaube ich, dass sich eben diese Leute doch sehr freuen, wenn ihr China tolle Olympische Spiele ausrichten kann.

Bei den verheerenden Erdbeben im Mai waren Sie einige hundert Kilometer vom Epizentrum in Sichuan entfernt. Nehmen die Menschen die Katastrophe als Schicksal hin?

Die Bevölkerung zeigte sich sehr betroffen, und es wurde nach Kräften Hilfe organisiert. Eine kritische Diskussion hat bisher nicht stattgefunden und würde auch als eher pietätlos wahrgenommen. Im Gespräch mit einzelnen Leuten bekommt man aber teilweise schon sehr differenzierte Urteile über die Politik der Lokalregierungen, zum Beispiel was die Qualität der öffentlichen Bauten angeht.

Sie sind durch Gebiete tibetischer Minderheiten gekommen, werden aber nicht durch Tibet selbst laufen. Hat das politische Gründe?

Nein, von der Route her wäre es dort noch unpraktischer zu laufen, als durch die Wüstengebiete, durch die ich im Nordwesten kommen werde. Die Berge und menschenleeren Gegenden würden zum Problem.

Meinen Sie, dass das im Westen angestimmte Mantra der Menschenrechtsverletzungen den Tibetern hilft?

Aus der Perspektive der Bevölkerung läuft der Westen leider Gefahr, unglaubwürdig zu erscheinen, wenn er aus einem Vielvölkerstaat mit 55 Minderheiten scheinbar wahllos eine einzelne zur Unterstützung herauspickt, deren mögliche Abspaltung ein Viertel der Gesamtfläche des Landes bedrohen würde. Ich persönlich wünsche mir für das ganze Land eine Fortführung der wirtschaftlichen und kulturellen Öffnung und eine Stärkung der Bildungsförderung. Ich glaube, nur das kann die Grundlage für eine allmähliche Demokratisierung sein.

Wie lange werden Sie noch unterwegs sein und durch welche Länder planen Sie Ihren Weg?

Eine gute Frage. Ich bin noch zwei Jahre unterwegs und werde dann durch Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Aserbaidschan, Armenien und die Türkei laufen. Dann wäre ich schon in Europa. Ich weiß aber wirklich nicht, wie es dann weitergeht. Das ist noch offen. Fragen Sie mich doch dann noch einmal.

Interview: Ludwig Moos

Wo läuft Christoph Rehage heute?
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www.thelongestway.com
 
 
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