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11. Juni 2008, 10:13 Uhr

Die deutsche Elf im Garten Eden

Ascona steht für Luxus und mondänen Lifestyle. Dabei war der Ort im Tessin, wo das Team von Joachim Löw während der Fußball-Europameisterschaft Quartier bezieht, einmal das Mekka der Aussteiger und Weltverbesserer. Von Ulrike Wiebrecht

Unterkunft mit fünf Sternen im Tessin: Ballack & Co residieren im Hotel Giardino© Picture Aliance/Pressefoto Ulmer

Hier grüßt ein Zitronenbäumchen, dort eine Zypresse, zwischen Rhododendren und blühendem Lavendel plätschern Fontänen in ein Wasserbecken, im Hintergrund lächelt eine halb entblößte steinerne Aphrodite: der Garten des "Giardino" in Ascona ist wahrlich keine x-beliebige Grünanlage. Wo sich das südliche Lebensgefühl des Lago Maggiore mit der von Schweizern perfektionierten Inszenierung eines toskanischen Landsitzes verbinden, sehen viele ihren Traum vom irdischen Paradies verwirklicht. Zumal sich inmitten der Blumenpracht ein römischer Badetempel und von Weinlaub überwachsene, terracottafarbenen Wohngebäude erheben, die mit Zimmern und Suiten in freundlichen Pastelltönen, Marmorbädern, Gourmetrestaurants und großzügigen Terrassen zu Genuss und Entspannung einladen.

Schon bald werden sie die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft bevölkern. Schließlich ist die Nobelherberge in der italienischen Schweiz im Juni ihr EM-Quartier. Auch wenn der Weg zu den Spielen im österreichischen Klagenfurt etwas weiter sein mag - der Charme des Giardino war offensichtlich stärker als jedes Gegenargument. Oder war es vielleicht der in Ascona aufgewachsene Oliver Neuville, der den Verantwortlichen den Tipp gab? Jedenfalls stand für Team-Manager Oliver Bierhoff irgendwann fest: "Wir haben im Tessin das Paradies gefunden."

Müslifraktion der freien Liebe

Nach dem Paradies haben hier bezeichnenderweise schon ganz andere gesucht. Lange Zeit war Ascona Refugium derer, die sich gegen Luxus und bürgerliche Werte auflehnten. Die nach anderen Lebensformen fernab der Zivilisation suchten und das Urchristentum verwirklichen wollten. Vor hundert Jahren zogen sie sich auf den Monte Verità, den Berg der Wahrheit, zurück, um den dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu beschreiten. Barfuß und nicht in sündhaften teuren Pumps wollten sie laufen und anstelle von getrüffeltem Lammrücken an Ruccolarisotto lieber vegetarisch essen. Um die Pianistin Ida Hofmann und den Industriellensohn Henri Oedenkoven, die um 1900 die "individualistische, vegetabilische Cooperative" gründeten, scharte sich eine frühe Müslifraktion. Die propagierte die freie Liebe und freie Körperkultur, überhaupt die Befreiung aus den "gesellschaftlichen Organisationen, die jede individuelle Regung im Menschen ersticken".

Auf alten Schwarzweißfotos in der Casa Anatta, einem Holzhaus im Bauhausstil, das heute Museum ist, sieht man, wie sie in langen Gewändern Händchen haltend auf dem Rasen tanzen. Mal orientierten sie sich am Sonnenkalender, mal an den "12 Geboten der Heidelbeere" und hatten überhaupt ganz unterschiedliche Ziele. Während Rudolf von Laban Mary Wigman im Ausdruckstanz unterrichtete, wollte Erich Mühsam aus Ascona eine "Republik der Heimatlosen, der Vertriebenen, des Lumpenproletariats" machen. Zu den ersten Aussteigern gesellten sich Bohemiens, Dadaisten, Expressionisten, Freudianer, Freimaurer, Anarchisten und Exzentriker. Prominente und weniger prominente Namen von Hermann Hesse über Hans Arp und Else Lasker-Schüler bis hin zu Walter Gropius. Zwar sind die Monte Verità-Gründer 1920 nach Brasilien weiter gezogen, aber die Invasion der Utopisten aus dem Norden hielt weiter an. Irgendwann kamen auch die ersten vermögenden Tessin-Touristen und leiteten die allmähliche Metamorphose Asconas zum mondänen Kurort ein. Zwischenzeitlich war Ascona wiederum Synonym für einen Opel-Mittelklassewagen. Offenbar teilten bzw. teilen die Bürgerlichen mit Rohkostlern, Barfüßlern und frühen Hippies die Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühen.

Für verwöhnte und gewöhnte Luxusreisende

Doch heute herrscht am Lago Maggiore anstelle von Anarchie und Experimentierfreude vor allem professionelles Management. Lifestyle hat die Reformgedanken, Wellness die Askese, Golf den Ausdruckstanz ersetzt. "Hier befindet sich alles, was der verwöhnte und gewöhnte Luxusreisende sich wünscht", heißt es in den Informationsblättern des Albergo Giardino. "Elegante Boutiquen, tolle Hotels, Restaurants von hohem Rang..." Wenn die einen hier vor hundert Jahren ihr Seelenheil suchten, wollen die anderen jetzt die Seele einfach nur noch baumeln lassen. Ein Verrat? Nein, vielmehr ist es Gesetz des Lebens, dass sich Ideen und Ideale verbrauchen und neuen Entwicklungen weichen müssen. Die Definitionen des Paradieses kommen und gehen. Was bleibt, ist die Schönheit der Landschaft: Wo karge Berge und wilde Täler auf Oleander und Kamelien treffen, harter Granit auf mediterrane Üppigkeit, muss das Herz einfach höher schlagen. Und vielleicht auch die deutsche National-Elf motivieren.

"Es ist eine große Ehre für uns, dass wir uns gegen viele andere Hotels durchgesetzt haben und der DFB sein EM-Quartier bei uns aufschlägt", erklärt Philippe Frutiger, General Manager des Fünf-Sterne-Hauses. Wie er würden es auch seine zu 45 Prozent deutschen Gäste empfinden, die im Juni hier nicht unterkommen können und stattdessen auf Mai und Juli ausgewichen sind. Das Personal bereitet sich währenddessen darauf vor, die Sportler nach Strich und Faden zu verwöhnen. Nach den Trainingseinheiten im Centro Sportivo von Tenero, wo sich auch das Pressezentrum des DFB befindet, können sie nicht nur im Spa mit der von Hoteldirektorin Daniela Frutiger entwickelten Treatment-Linie "dipiù" relaxen. Um das Essen kümmert sich im EM-Quartier der vom DFB engagierte Koch Holger Stromberg mit seinem Team.

Und wenn es die Spieler mal nach ganz bodenständiger Pasta gelüstet? Dann wird sie Oliver Neuville sicherlich ins siebzig Jahre alte "Antico Ristorante Borromeo" in der Altstadt führen, wo italienische Rezepturen mit Tessiner Spezialitäten wie Ossobuco mit Risotto kombiniert werden.

Infos

Hotel Giardino
Via Segnale 10, CH-6612 Ascona
Tel. +41 91 785 88 88
www.giardino.ch
Von Ulrike Wiebrecht
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
gsc777 (02.06.2008, 17:18 Uhr)
Der Trost
Sollten die Jungs von den bösen Gegnern wider Erwarten aus dem Turnier geworfen werden, haben sie immerhin die Möglichkeit gehabt, einen herrlichen Urlaub zu verbringen. Nach ein paar Wochen fragt sowieso keiner mehr danach, wie sie in der EM abgeschnitten haben. Da interessiert uns sowieso die Bundesliga mehr. Und dann mit Marco Marin und Patrick Helmes.
warumdennnicht (02.06.2008, 15:35 Uhr)
Da wollen ein paar Männer Fussball spielen ...
natürlich sind auch noch einige Funktionäre und wahrscheinlich kommen noch einige Politiker vorbeischauen, egal. Für diese Herren kann nichts teuer und luxuriös genug sein, und es geht doch nur um ein Spiel, ein Fussballspiel!
Gehen ein Chirurg und seine Mannschaft in den OP, Leben retten, vielleicht am offenen Herzen operieren oder Krebsgeschwüre entfernen. Sie kommen aus Asbest verseuchten Altbauten, haben bereits stundenlang vorher Formulare und Protokolle ausgefüllt und werden um einen 36 Stundentag nicht herumkommen.
Muss man sich da noch fragen, ob in Deutschland was schief läuft?
Gebt dem Volk Fussball als Opium und bereitet schon mal die nächsten Gesetze zum Wohle von Banken, Großindustrie und Arbeitgeberverband vor. Jetzt wäre auch die optimale Zeit um sich klammheimlich doch noch die Diäten zu erhöhen. Merkt ja niemand jetzt! Und dann lasst uns gemeinsam mit Stasi-Angie den Siegern zujubeln.
Dudu (02.06.2008, 15:33 Uhr)
hervorragende Wahl
schnell drei Spiele abliefern und anschließend kann man da herrlich Urlaub machen
kbnt42 (02.06.2008, 14:12 Uhr)
Eine gute Wahl.
Am Lago Maggiore lässt sich's immer gut
erholen. Hoffentlich überträgt sich der
tolle Gesamteindruck auch auf die Leistung unseres Teams, auf die noch schwere Spiele warten, denn der Erfolgs
druck ist enorm hoch angesetzt von den
Millionen "Besserwissertrainern".
malibuli (02.06.2008, 13:41 Uhr)
Warum Ascona
Ich frage mich, wie man auf die Idee kommt, ins Tessin zu ziehen, wo doch alle Spiele in Österreich sind. Das ist ewig weit weg. Was sich Bierhoff dabei nur gedacht hat? Wahrscheinlich ist es sein persönliches Lieblingshotel.
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