Histo-Monte Wo die alten Kisten schrubben


Schleudern, Schnee und Serpentinen. Jeden Winter juckt es ein paar Dutzend Oldtimer-Fans, ihre alten Autos über legendäre Routen der Rallye Monte-Carlo zu jagen. stern.de fuhr die Tour in einem 89er Subaru Legacy.
Von Michael Specht

Eigentlich ist es eine Spaßveranstaltung, diese Histo-Monte. Leiterin Gabriele Triefenbach jedoch muss die Teilnehmer schon im Vorfeld ermahnen, es nicht "all zu forsch angehen zu lassen" und den Gasfuß zu mäßigen. Heißt: keine Zweikämpfe, keine gefährlichen Überholmanöver und vor allem keine wilden Drifts in den schneebedeckten Serpentinen der französischen Seealpen. Doch eben auf das "Querfahren" freuen sich die 46 Teams, die dieses Jahr zur 16. AvD-Histo-Monte gemeldet und dafür knapp 3000 Euro gezahlt haben. Sich entlang der legendären Routen der berühmten Rallye Monte-Carlo zu schlängeln. Sich ein bisschen zu fühlen wie die Profis Walter Röhrl, Sandro Munari und Ari Vartanen zu ihren besten Zeiten.

Doch der Weg dorthin ist weit. Denn in historischer Anlehnung an einige Original-Rallyes erfolgt auch der Start der Histo-Monte in Hanau, einer Stadt, in der man sich fragt "Kommt Hessen eigentlich von hässlich?" Waschbeton, Aluminiumfenster, Sexclubs und der Lärm von startenden Flugzeugen lassen nur einen Wunsch aufkommen: Weg hier!

Kampf um hundertstel Sekunden

Vor den Rallye-Teilnehmern liegen knapp 1800 Kilometer. Ziel: der Hafen von Monaco. Gestartet wird stets im Minutentakt. Wohl klingende Namen automobiler Vergangenheit bilden den Tross gen Süden. Julia und Kadett, Pagode und Amazone, Fulvia und Ponton, Käfer und Ascona. Mitten drin rollt unser Legacy RS, der aus europäischer Sicht einzige Ausländer. Ein Rallye-Gerät alter Güte. In solch einem Modell fuhr einst Colin McRae für Subaru um Weltmeisterschaftspunkte. Doch bei der "Histo" hagelt es höchstens Strafpunkte. Denn jede historische Rallye ist gespickt mit Sonderetappen und Wertungsprüfungen. Auf ihnen wird auf Zeit gefahren, am besten auf die Hundertstel Sekunde genau. Also: Rechnen statt rasen. Ein Beispiel? "Fahren Sie die erste Runde von 4,38 Kilometern in exakt 6 Minuten und 23 Sekunden, die zweite Runde 15 Prozent schneller und die dritte exakt so wie Ihre zweite." Alles klar?

iPhone statt Tacho

Hierzu sollten Fahrer und Beifahrer ein eingespieltes Team sein. Manche, so ist zu hören, üben zu Hause mit Lichtschranke. Andere mimen den Voll-Profi, pellen sich morgens in ihren feuerfesten Renn-Overall und tragen Rennfahrer-Schuhe. Einst klassische Armaturenbretter gleichen Flugzeug-Cockpits. Mehrere Stoppuhren kleben dort neben Tripmaster (zählt die Strecke auf den Meter genau), digitalem Zusatztacho und Rundenzähler. In unserem Subaru muss ein kleiner Rallye-Computer reichen. Er zeigt die zurückgelegte Distanz und die Geschwindigkeit an. Als Stoppuhr zweckentfremden wir ein Apple iPhone. Der herkömmliche Tacho fehlt im Cockpit. Drehzahlmesser und Ladedruckanzeige für den Turbolader sind wichtiger im Motorsport. Auch sonst gibt sich der Innenraum im Legacy eher karg. Nacktes Blech statt Teppichboden, kein Airbag, kein ABS, keine Servobremsen, kein ESP. Schalensitze mit Hosenträgergurten sowie ein Käfig aus Stahlrohren sorgen für die nötige Sicherheit und etwas Rallye-Feeling - selbst auf langweiligen Landstraßen.

Durch die Pfalz geht es nach Frankreich und dort vorbei an Genf und Grenoble in die Ausläufer der Alpen. Gefahren wird stets nach Roadbook, in diesem Fall ein telefonbuchdicker Schinken voller Zahlen, Symbolen und Pfeilen (genannt: "Chinesenzeichen"). Wer sich exakt daran hält, bleibt auf Kurs. Wer sich verfährt, hat Probleme, wieder den Anschluss zu finden. Wer dadurch Umwege fahren muss und eine Stempelkontrolle verpasst, bekommt - Strafpunkte.

Traumduo: Allrad und Schnee

Glich die Histo-Monte auf den ersten 1200 Kilometern mehr einer Kaffee-Fahrt, beginnt im Gebiet um den Col de Grimone der wirkliche Fahrspaß. Breite Straßen, perfekte Kurven, feste Schneedecke, leicht bergauf und (fast) ohne Gegenverkehr. Das Paradies. Gegenüber den anderen Oldtimern hat unser Subaru Legacy einen riesigen Vorteil: Allradantrieb. Fast spielerisch lässt sich die alte Rallye-Lady die Serpentinen hoch treiben, drängt gelegentlich mit dem Hintern sanft nach außen, ist aber leicht wieder einzufangen. "Sheer driving pleasure" sagen die Rallye-Fahrer dazu. Das ist Adrenalin in seiner schönsten Dosierung. Kein Wunder, dass die meisten Teilnehmer der Histo-Monte Wiederholungstäter sind. "Sie werden auch im nächsten Jahr sie wieder dabei sein", freut sich Gabriele Triefenbach. Für sie startet die 17. Auflage allerdings schon diesen Sommer. "Dann fange ich an, nach neuen Traumstrecken zu suchen."


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