Das Ende der Herrlichkeit

28. Oktober 2012, 21:01 Uhr

Die Bundesliga ist wieder spannend: Der FC Bayern hat beim 1:2 gegen Leverkusen die erste Saison-Niederlage kassiert. Sicher, das lag auch am Gegner - aber vor allem an den Bayern selbst. Von Klaus Bellstedt

Bayern, München, FCB, Bundesliga, Robben, Alaba, Mandzukic

Unfassbar: Kurz vor Schluss köpft Leverkusens Sidney Sam (vorn) Jerome Boateng an - und der Ball fliegt ins Bayern-Tor. Das war der Siegtreffer zum 2:1 für Leverkusen.©

Pfiffe in der Allianz-Arena hat es lange nicht gegeben. Pfiffe für die eigene Mannschaft. Jetzt also war es mal wieder soweit. Als der Schiedsrichter beim Spiel der Bayern gegen Leverkusen beide Teams zur Pause bat, stand es zur Überraschung aller 1:0 - für die Gäste. Und es lag wirklich nur am nackten Ergebnis, dass das Publikum ein bisschen Unmut äußerte. Sie sind verwöhnt, die Münchner. In dieser Saison gab es dahoam bis zum diesem neunten Spieltag nur Siege zu feiern. Auch gegen Leverkusen lief zunächst vieles nach Plan.

Die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes attackierte früh, kreierte auch ohne den verletzten Franck Ribéry viele Torchancen und drängte auf die Führung. Alles schien nur eine Frage der Zeit. Aber dieses Mal wiederholte sich die Geschichte nicht. Leverkusen siegt am Ende mit 2:1. Was einerseits an Münchner Nachlässigkeiten lag - aber vor allem auch mit dem Gegner zu tun hatte. Nach 20 Minuten verstand es Leverkusen nämlich immer besser, die Zwischenräume zu schließen. Bayer verteidigte nicht nur enorm diszipliniert, sondern auch etwas höher. Und: Sie konterten brillant. Kurz vor der Pause wurde Leverkusen für diese Spielweise belohnt. Einen überfallartigen Angriff schloss Stefan Kießling zum überraschenden 1:0 ab. Vorausgegangen war allerdings eine allzu laxe Abwehraktion von Philipp Lahm, der den Ball im Grunde nur ins Aus schieben musste, stattdessen aber ein halbes Luftloch schlug.

Eine Szene für jeden Saisonrückblick

Der Kapitän nahm im Anschluss an die erste Saisonpleite der Bayern in der Bundesliga auffallend oft das Wort "blöd" in den Mund: "Wir haben uns blöd angestellt, das waren blöde Gegentore", sagte Lahm. Er hatte natürlich Recht. Damit wir uns richtig verstehen: Es war kein schlechtes Spiel der Bayern. Der FCB presste auch in der zweiten Hälfte permanent und kam ja auch durch Mandzukic zum verdienten Ausgleich (77.). Trotzdem wurde man das Gefühl nie los, dass das letzte bisschen Explosivität, die letzte Zielstrebigkeit, fehlten. Franck Ribéry hätte den Bayern an diesem Winterabend im Herbst jedenfalls sehr, sehr gut getan.

Den Siegtreffer der Leverkusener hätte aber wohl auch der kleine Franzose, der in den vergangenen Wochen so famos aufspielte, nicht verhindern können. Es war eine Szene für jeden Saisonrückblick. Sidney Sam stieg drei Minuten vor dem Ende der Partie zum Kopfball hoch. Es war der zweite Angriff der Leverkusener in der zweiten Hälfte. Der Ball wäre vermutlich rechts am Tor vorbei gegangen, aber da war ja noch Jerome Boateng. Der fälschte ab und verlieh so dem Spielgerät eine völlig andere Flugbahn. 2:1 für die Gäste. Ende, Aus, vorbei. Schluss mit der Herrlichkeit.

Der HSV wartet

"Wir haben uns die Tore selber reingehauen", schimpfte hinterher Manuel Neuer. Der Torwart legte bei seiner Analyse den Finger in die Wunde. "Wir müssen und vorwerfen, dass wir nicht in Führung gegangen sind." Neuer, der sich kurz vor Schluss noch selber mit vorne ins Getümmel warf, um wenigstens noch einen Punkt zu retten, wirkte hinterher der Verzweiflung nahe. Jupp Heynckes war da schon deutlich entspannter: "Diese Niederlage wird uns nicht umwerfen", so der Bayern-Trainer. Was allerdings noch zu beweisen wäre.

In der Tabelle liegen die Bayern natürlich immer noch mit einem komfortablen Vorsprung von vier Punkten in Führung. Mal so ausgedrückt: Die Verfolger, vor allem die Schalker, können das Fernglas aber jetzt bei Seite legen. Die Münchner sind wieder in Sichtweite. Und wer weiß, wenn der HSV am nächsten Spieltag ähnlich diszipliniert auftritt, wie Leverkusen in der Allianz-Arena, wird es vielleicht doch wieder schneller spannender, als alle dachten.

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