Viel Glanz und ein bisschen Elend

27. März 2013, 02:12 Uhr

Und täglich grüßt Kasachstan: Auch das zweite Duell gegen den Fußballzwerg gewann die deutsche Elf hochüberlegen. Nur in der zweiten Hälfte wurden kurz böse Erinnerungen wach. Von Tim Schulze

DFB-Elf, Löw, Kasachstan, Neuer, Nationalelf

Vier Tore durch das Dortmunder Trio: Ilkay Gündogan (l.), Marco Reus (m.) und Mario Götze zeigen sich bei Minusgraden in Nürnberg treffsicher.©

Manuel Neuer zeigte Größe. Nach dem zweiten WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan innerhalb von fünf Tagen fand der deutsche Nationalkeeper deutliche Worte: "Geschenke verteilt man normalerweise nicht. Das habe ich heute gemacht und dafür möchte ich mich entschuldigen. Das war wohl die Initialzündung dafür, dass wir eine schlechte zweite Halbzeit hatten." Neuer hatte kurz nach der Pause einen Ball vertändelt. Bundesliga-Profi Heinrich Schmidtgal von Greuther Fürth war zu Stelle und erzielte das heiß ersehnte Tor für den krassen Außenseiter. Ein Ehrentreffer für die Kasachen, die wie schon im Spiel am Freitag in Astana meist gnadenlos unterlegen waren.

In der ersten Halbzeit hatten sich die Deutschen mit schnellem Kombinationsspiel gegen die mauernden Gäste einen 3:0-Vorsprung herausgespielt. Da war der Gegentreffer wie ein Tiefschlag in einem Boxkampf, der wie aus dem Nichts kommt. Die Stimmung wurde zusätzlich vermiest, weil die Nürnberger Zuschauer ab diesem Zeitpunkt bei jedem Ballkontakt von Manuel Neuer pfiffen oder abwechselnd höhnisch Beifall klatschten. Das kam in dieser Phase ziemlich oft vor, weil Neuer häufig von seinen Abwehrspielern mit einem Rückpass angespielt wurde. Das Offensivspiel der DFB-Elf war für eine Weile ins Stocken geraten. Doch Neuer leistete sich nach seinem Aussetzer keine Fehler mehr, wahrscheinlich weil er jetzt endlich am Spiel teilnehmen durfte. Die Kombinationsmaschine der Deutschen sprang wieder an. Reus setzte in der 90. Minute nach zahlreich vergebenen Torchancen mit seinem Treffer zum 4:1 den Schlusspunkt unter diese Partie. Alles in Ordnung also.

DFB-Elf kombiniert, rochiert und marschiert

Bundestrainer Joachim Löw machte schon während des Spiels mit deutlichen Gesten klar, was er von den Reaktionen der Zuschauer hielt. Nämlich gar nichts: "Den Fehler vor dem 3:1 muss man Manuel Neuer natürlich ankreiden. Was ich aber nicht gut finde, ist, dass man ihn danach auspfeift", sagte Löw. Damit lag der Bundestrainer vollkommen richtig, die Reaktionen der Fans waren peinlich, vor allem auch angesichts des Spiels, das sie bis dahin gezeigt hatte. Aber die Geschichte um Neuer war nur ein unschöner Randaspekt des Abends. Wichtiger waren die Erkenntnisse, die der Bundestrainer aus beiden Spielen gegen Kasachstan ziehen kann. Und die sind erfreulich. Die deutsche Nationalelf wird wohl auch in Zukunft häufiger ohne klassischen Mittelstürmer spielen. Der Tiki-Taka-Fußball hat jetzt auch eine germanische Variante. Und wenn Bastian Schweinsteiger fehlt, gibt es mit Ilkay Gündogan eine echte Alternative.

Wie schon im Hinspiel kombinierte, rochierte und marschierte die Mannschaft gegen einen Gegner, der wie im Handball alle Spieler in der Strafraumgrenze versammelte. Teilweise sah es aus wie beim Kinderfußball, wenn sich alle Kids auf den Ball stürzen und ein wildes Durcheinander entsteht.

Die Deutschen, wieder mit Mario Götze vorn im Sturmzentrum und mit Marco Reus auf der linken Angriffsseite schufen sich mit ihrem Kurzpassspiel dennoch die Räume für ihr Spiel. Das war, wie schon am vergangenen Freitag, phasenweise große Spielkunst und gab Joachim Löw erneut Recht, wenn er auf eine Formation ohne echten Stoßstürmer wie Mario Gomez pocht. Götze, Reus, Özil, Müller, Khedira und Gündogan wirbelten ohne Unterlass, bis sie die Lücke in der Abwehrmauer fanden. Reus war es, der mit einem Beinschuss durch einen Abwehrspieler hindurch den Ball flach im linken Eck versenkte. Dem Führungstreffer (23. Minute) folgten schnell zwei weitere durch Götze (27.), den Philipp Lahm mit einem sehenswerten Solo vorbereitete, und Gündogan (31.), dessen Tor wie das von Reus durch den erneut starken Özil aufgelegt wurde.

Die Diskussionen werden leiser

Nicht nur bis dahin war die Partie gegen die Nummer 139 der Weltrangliste ein Abziehbild des Duells am Freitag. Erneut gab es einen Bruch im deutschen Spiel. Begünstigt durch Neuers Patzer ließen die Deutschen den Gegner ins Spiel kommen – und die Kasachen nutzten den Nachlässigkeiten der Gastgeber für ein einige gelungene Offensivaktionen. Schmidtgal und Korobkin scheiterten jedoch an Lahm und am Pfosten. In diesen Momenten wurde zwangsläufig die Erinnerung an das unglaubliche Spiel gegen Schweden wach, als die Deutschen einen 4:0-Vorsprung verspielt hatten. Die Kasachen hätten zu diesem Zeitpunkt auf 2:3 verkürzen können. Und kurz tauchten die bekannten Fragen auf. Ist die deutsche Elf mit all ihren brillanten Ballkünstlern zu verspielt? Wie stabil ist die Defensive? Die Fragen werden bleiben, auch das ist eine Erkenntnis nach den Duellen gegen Kasachstan.

Löw gestikulierte angesichts der Darbietung seiner Elf in der zweiten Halbzeit wild an der Seitenlinie. Der Bundestrainer war überhaupt während der gesamten 90 Minuten sehr engagiert in der Coachingzone unterwegs. Offensichtlich mit Wirkung. Seine Mannschaft drehte wieder auf, auch weil ihnen die Gäste jetzt mehr Räume boten. Das Ergebnis waren zahlreiche Torchancen – und wahrscheinlich ein Rekord von Pfosten- und Lattentreffern. In der ersten Halbzeit waren schon Götze und zweimal Gündogan an Pfosten und Latte gescheitert. In Hälfte zwei verhinderte Aluminium Tore durch Khedira und Özil. Müllers Lupfer wurde von Kasachstans Keeper Andrei Sedelnikow an die Latte gelenkt, der mit einigen Paraden seine Mannschaft vor weiteren Gegentreffern bewahrte. Erst Reus beendete in der letzten Spielminute die mangelnde Torausbeute mit seinem zweiten Treffer.

Die Deutschen führen die Tabelle in der Gruppe C jetzt souverän mit 16 Punkten an. Die Siege gegen Kasachstan waren Pflicht. Die Grundsatz-Diskussion um falsche Neuner und echte Torjäger wird in Zukunft ein wenig leiser werden. Außerdem betont Löw geradezu gebetsmühlenartig, dass er keinesfalls auf die klassische Variante verzichten wird. Im Juni findet das nächste WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich statt. Mal sehen, auf welche Formation der Bundestrainer dann setzt. Neuer bleibt auf jeden Fall die Nummer eins im deutschen Tor. So viel ist sicher.

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