Warum Khediras Verletzung so fatal ist

18. November 2013, 15:00 Uhr

Er ist kein Edel-Techniker wie Özil und auch kein Lenker wie Schweinsteiger. Dafür besticht Sami Khedira wie kein anderer mit Beständigkeit und Leader-Qualitäten. Warum sein Ausfall so schwer wiegt. Von Klaus Bellstedt

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Für Joachim Löw unverzichtbar: Sami Khedira, der wegen eines Kreuzbandrisses mindestens ein halbes Jahr ausfällt.©

Nein, zu den geringen Chancen auf eine WM-Teilnahme gibt es vom schwer verletzten Sami Khedira klugerweise keine Kommentare. "Alles ist gut verlaufen, ich fühle mich gut und brauche jetzt einfach Geduld." Mehr war nicht vom Nationalspieler, der nach seinem Kreuz- und Innenbandriss im rechten Knie bereits am Samstag in Augsburg operiert wurde, zu vernehmen. Ein halbes Jahr Pause veranschlagen Mediziner normalerweise bei einer derart schweren Knieverletzung. Die WM in Brasilien beginnt in sechs Monaten und drei Wochen. Dann ist ja alles gut, könnte man meinen. Aber das ist ein Trugschluss.

Denn das halbe Jahr bedeutet ja nicht, dass Khedira bis zum Start topfit ist und schon wieder wochenlang mit der Mannschaft trainiert hat. Wenn alles glatt läuft, wird der 26-Jährige nach der langen Pause ohne Probleme wieder Fußball spielen können. Aber - und das macht die Sache für Bundestrainer Joachim Löw so kompliziert und eigentlich auch aussichtslos - Khedira wird im Sommer ein halbes Jahr ohne Spielpraxis sein, ohne Wettkampfhärte - und auch ohne Einfluss auf die Mannschaft. Löw muss die WM ohne einen seiner wichtigsten, vielleicht sogar den wichtigsten Spieler planen. Der Trainer sprach in diesem Zusammenhang von einem "Genickschlag". Und er traf mit dieser Formulierung den Nagel auf den Kopf.

Nicht mehr nur der Kämpfer

Seit der WM 2010 gehört Khedira zur Stammformation der Nationalmannschaft. Angesprochen auf seine Rolle im Team sagte er einmal in Südafrika zu stern.de: "Ich reiße mir den Hintern auf, um mit der Mannschaft Erfolg zu haben, mache gerne Drecksarbeit. Das war schon bei der U21-Europameisterschaft so. Ich renne für Mesut Özil, er entscheidet das Spiel. So sieht das im Idealfall aus. Ich muss nicht in den Vordergrund." Zwei Jahre später bei der EM in Polen und der Ukraine stand Khedira bereits im Vordergrund. Sein Ansehen stieg damals von Spiel zu Spiel. Er und Manuel Neuer waren die beständigsten Spieler im DFB-Kader.

Aber Beständigkeit und unerschütterliche Einsatzbereitschaft allein sind es längst nicht mehr. Khedira kann mittlerweile ein Spiel lesen. Er ist bei Real Madrid zu einem intelligenten Fußballer gereift, der genau weiß, in welchem Moment er für seine Mannschaft wie und wo am wichtigsten ist. Löw teilt seine erste Elf oft in Drittel auf. Das mittlere Drittel muss beides können: verteidigen UND angreifen. Khedira beherrscht diese Kunst perfekt. Das macht ihn so wertvoll – und auch so unverzichtbar.

Zahlen belegen das: Mit ihm kassierte das DFB-Team in den vergangenen dreieinhalb Jahren im Schnitt 0,95 Gegentore, in den zwölf Spielen ohne den Profi von Real Madrid waren es durchschnittlich mehr als doppelt so viele. Ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Khedira auch für die Stabilität der Nationalmannschaft ist, liefert ein Blick zurück auf das legendäre 4:4 gegen Schweden im Oktober 2012, als er nicht mit dabei war. Als Schweden aufdrehte, ging auch Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger mit unter. Mit dem stets konstanten, bissigen und laufstarken Khedira an dessen Seite wäre das nicht passiert, darüber waren sich hinterher alle einig.

Herz der Mannschaft auseinandergerissen

Der defensive Mittelfeldspieler ist im DFB-Team schon lange nicht mehr nur der Adjutant von Schweinsteiger auf der Doppelsechs. Er ist ein Leader, gerade auch wenn der Bayern-Profi schwächelt, was zuletzt immer mal wieder vorkam. Die Führungsqualitäten hat er sich in Madrid unter José Mourinho erworben. 2012 gewann Khedira mit den Königlichen den Titel in Spanien. Sein Selbstbewusstsein ist dadurch noch einmal gestiegen. Im DFB-Team schauen gerade die jungen Spieler zu ihm auf. Wer mit Casillas und Ronaldo zusammen Meister wird, ist eine Nummer.

Diese Nummer Sechs wird nun aller Voraussicht nach nicht dabei mithelfen können, den WM-Pokal nach Deutschland zu holen. Das Herz der Mannschaft mit Schweinsteiger, ihm und Özil ist auseinandergerissen worden. Andere müssen es nun richten. Ilkay Gündogan zum Beispiel, oder die Bender-Zwillinge, vielleicht auch Toni Kroos. Alle talentiert, alle gut und alle jung, aber keiner von ihnen interpretiert die Rolle auf dieser so eminent wichtigen Position im Fußball so perfekt und modern wie Sami Khedira. Ab sofort spielt das Risiko mit.

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