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Aufmarsch in der Arktis - Putins Griff nach dem Nordpol

Russland setzt auf die Arktis. Gigantische Rohstoffvorkommen und lukrative Handelsrouten sollen den Norden von Putins Reich voranbringen. Die USA sind alarmiert, doch dem militärischen Aufmarsch in Eis und Schnee kann derzeit keine Macht etwas entgegensetzen.

Die russischen Soldaten proben den Einsatz unter extremen Bedingungen: Wenn Motoren in der Kälte versagen, laufen Schlittenhunde weiter.

Die russischen Soldaten proben den Einsatz unter extremen Bedingungen: Wenn Motoren in der Kälte versagen, laufen Schlittenhunde weiter.

Wladimir Putin und das Militär. Da denken viele an das russische Engagement in Syrien, einige an den verworrenen Krieg im Osten der Ukraine oder an eine mögliche Bedrohung der baltischen Staaten. Dorthin schickt die Nato - auch Deutschland - jetzt Truppen, sogar eine zusätzliche Panzerbrigade ist aus den USA angekommen. Dabei findet der eigentliche russische Aufmarsch ganz woanders statt. Hoch im Norden, in der baut Putin eine enorme wirtschaftliche und militärische Macht auf.

Russland blickt zum Pol

Jahrzehntelang hat Russland die Arktis vernachlässigt, zumindest stand sie nicht im Zentrum der Politik. Der letzte große Besiedelungsversuch geschah unter Stalin in der Ägide der Straflager. Aber seit einigen Jahren ist die Arktis wieder im Fokus des russischen Interesses, und so wie die USA im 19. Jahrhundert ihre Grenze nach Westen verschoben haben, drängt Moskau nun nach Norden.

Für den Zug Richtung Nordpol sind zwei Gründe verantwortlich: Rohstoffe und Klimawandel. Unter dem Eis der Arktis und an den Küsten des Nordmeeres liegen schier unerschöpfliche Vorkommen an Gas, Öl und anderen Rohstoffen. Technischer Fortschritt und die Erwärmung der Welt machen es leichter und rentabler, diese Vorkommen abzubauen. Doch entscheidend ist es, dort überhaupt Stationen und Städte aufzubauen, die man ganzjährig erreichen kann.

In der Nähe von Murmansk trainieren russische Soldaten mit Rentieren.

In der Nähe von Murmansk trainieren russische Soldaten mit Rentieren.

Eisbrecher sind der Schlüssel zur Arktis

Erschlossen wird das Gebiet durch die russische Eisbrecherflotte. Zu 40 existierenden Schiffen werden derzeit elf neue Eisbrecher gebaut, drei davon mit nuklearem Antrieb - die größten und modernsten ihrer Art. Zum Vergleich: Die USA verfügen gerade einmal über einen Eisbrecher in dem Gebiet, der zweite ist defekt. Diese mächtigen Schiffe sollen die Routen in dem Gebiet vom Eis freihalten. Der russische Traum: Es soll eine permanente Seeverbindung zwischen der Beringsee und der norwegischen See möglich sein. Das wäre wie ein gigantischer Suez-Kanal, ein Seeweg, der die Strecke von Asien und Europa drastisch verkürzen würde. Eine Grundvoraussetzung für die nachhaltige Erschließung des Gebiets.

Gelingt es, wird der wirtschaftliche Aufschwung unweigerlich folgen. Jobs und die Aussicht auf Wohlstand sollen die Russen in die Kälte locken. Gleichzeitig meldet Moskau weitere Gebietsansprüche in der Arktis an. Dafür wurde der gesamte Meeresboden unter dem Eis neu vermessen. Wie jeder Anlieger erhebt Russland wirtschaftliche Ansprüche auf den sogenannten Festlandsockel vor seinen Küsten. Den Messungen zufolge reicht der russische Sockel bis zum Nordpol.

Atemraubender Aufmarsch 

Diese wirtschaftliche Erschließung wird von einem militärischen Aufmarsch begleitet. In unglaublicher Geschwindigkeit militarisiert Russland seine Nordgrenze. Völkerrechtlich ist dagegen nichts einzuwenden. Alle Operationen finden auf unbestritten russischem Territorium statt. Es gibt nicht einmal Nachbarn, die sich ängstigen können. Der Aufbau gelingt so schnell und reibungslos, weil das Militär die alten, nach Ende des Kalten Krieges aufgegebenen Basen, Flughäfen und Radarstationen in der Arktis nur renovieren und neu besetzen muss. Mikhail Barabanov, Chefredakteur des Moscow Defense Brief, sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Die Modernisierung der Streitkräfte und Basen in der Arktis geschieht mit einem unerhörten Tempo. Das kann schon provokativ aussehen."

Zwei Brigaden sind bereits für eine potenzielle Kriegsführung in der Arktis aufgestellt worden. Eine weitere soll folgen, ebenso eine Division zur Küstenverteidigung in der Arktis. Für Operationen in dem unwirtlichen Gebiet wird spezielles Material benötigt. Altertümliche Transportmittel wie Schlitten gelten als verlässlicher unter den extremen Temperaturen als moderne Technik. Erstmals seit Langem trainieren russische Soldaten daher wieder mit Schlittenhunden und Rentieren. Russlands Plan, die eingemottete Flotte von T-80 Panzern umfassend zu modernisieren, wurde unter anderem damit begründet, dass der Antrieb des Panzers für den Einsatz in der Arktis geeignet sei.

Raketenabwehrschirm im Norden

Sechs Basen wurden bereits jenseits des Polarkreises eingerichtet. Dazu kommen 13 Flughäfen und 16 Tiefwasserhäfen. Sie werden von gefürchteten Raketensystemen abgeschirmt. S-400 Luftabwehrbatterien und weitreichende Anti-Schiffsraketen vom Typ Bastion sind bereits vor Ort. Anzunehmen ist, dass auch die neue S-500 S Triumfator-M folgen werden. Das wäre dann Putins Antwort auf den US-Raketenabwehrschild.

In der Arktis sind keine großen Truppenmengen, auch die großen Basen beherbergen nur 250 bis 300 Mann. Allerdings sind andere Länder überhaupt nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Lage, militärische Operationen unter den klimatischen Bedingungen der Arktis durchzuführen. Der neue US-Verteidigungsminister James Mattis ist besorgt. "Die Arktis ist ein strategisches Schlüsselgelände. unternimmt aggressive Schritte, die eigene Präsenz zu verstärken. Wir werden eine neue Strategie für die Arktis entwerfen."

Die Arktis wird russisch

Die Befürchtung der USA: Die ganze Arktis wird zum Heimatmeer Putins. Anders als Russland verfügen die USA nur über einen kleinen Abschnitt des Gebiets nördlich von Alaska. Die großen Anrainer – neben Russland – heißen Kanada, Grönland und Norwegen. Aber keines diese Länder verfügt auch nur ansatzweise über die Möglichkeiten Russlands – schon die russische Flotte an Eisbrechern ist einzigartig in der Welt. Senator Dan Sullivan aus Alaska stellt fest: "Eisbrecher sind die Straßen in der Arktis. Russland besitzt mehrspurige Autobahnen und wir haben Feldwege mit Schlaglöchern."

Eisbrecher diesen Typs sollen 29 Knoten laufen und zwei Meter dickes Eis brechen können.

Eisbrecher diesen Typs sollen 29 Knoten laufen und zwei Meter dickes Eis brechen können.

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