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Krieg in der Ukraine Kampf um die Bodenschätze: Putin plündert die Ukraine aus

Von den Separatisten kontrollierte Mine im Donbass.
Von den Separatisten kontrollierte Mine im Donbass.
© Alexander Rekun/ / Picture Alliance
Russland hat ein Fünftel der Ukraine besetzt, Kiew aber den Großteil der Rohstoffreserven genommen. Ein Raubzug mit einer milliardenschweren Beute.

Immer wieder wird betont, wie gering die russischen Eroberungen eigentlich sind. Tatsächlich hält Moskau etwa ein Fünftel des Landes besetzt und dieser Anteil steigt, anstatt zu sinken. Die Konzentration der Russen auf den Osten und den Süden des Landes wird mit dem Anteil der russischsprachigen Bevölkerung erklärt, oder dem Abschneiden der pro-russischen Parteien vor dem Maidan.

Mythos plus Rohstoffe

Beides ist sicher richtig, doch es gibt noch einen ganz anderen Faktor, der diese Gebiete so begehrlich macht, das sind die Bodenschätze und die Agrarfläche. Der Donbass gehört zu den zentralen identitätsstiftenden Mythen der Sowjetunion. In einer gigantischen und menschenverachtenden Kraftanstrengung ließ Stalin hier in einem zuvor ehre agrarisch geprägten Gebiet eine Art von Ruhrgebiet in XXL-Größe aus dem Boden stampfen. Im Donbass sollte der neue Sowjetmensch entstehen, das Gebiet war das industrielle Herz von Stalins Reich. Noch heute prägen die Minen und großen Werke die Region – etwa das riesige Azovstahlwerk in Mariupol, in der die letzten Verteidiger der Stadt sich zurückgezogen hatten.

Und diese Fabriken sitzen direkt über den Rohstoffen. Inzwischen kontrolliert Moskau eines der mineralienreichsten Gebiete in Europa. Neben den riesigen Kohlevorkommen gibt es Titan- und Eisenerzvorkommen, die zu den größten Reserven der Welt zählen. Dazu kommen nicht ausgebeutete aber schon entdeckte Lithiumfelder und Gasvorkommen und Seltene Erden. Eine Schatztruhe. Insgesamt hat Russland Kiew 80 Prozent seiner exportfähigen Wirtschaftsleistung genommen, entweder durch direkte Besetzung oder weil der Export durch den Krieg blockiert wird. Direkt kontrollieren Russlands Truppen etwa zwei Drittel der Rohstoffvorkommen. Bei der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist es weniger.

Wirtschaft der Ukraine wird gelähmt

"Das schlimmste Szenario ist, dass die Ukraine Land verliert, keine starke Rohstoffwirtschaft mehr hat und eher wie einer der baltischen Staaten wird, eine Nation, die nicht in der Lage ist, ihre industrielle Wirtschaft aufrechtzuerhalten", sagte Stanislav Zinchenko, Geschäftsführer von GMK, einem in Kiew ansässigen Thinktank zur "Washington Post". Eine Analyse der Spezialisten von SecDev für die "Wapo" zeigt, dass Russland schon jetzt Energievorkommen, Metalle und Mineralien im Wert von mindestens 12,4 Milliarden US-Dollar kontrolliert. Die Zahl gibt nur die erschlossenen Vorkommen, die derzeit mit Lizenzen abgebaut werden, an. Der tatsächliche Wert aller Schätze unter der Erde ist weit höher. SecDev listet die Beute auf: 63 Prozent der Kohlevorkommen, 11 Prozent des Erdöls, 20 Prozent des Erdgases, 42 Prozent der Metalle und 33 Prozent der Vorkommen an Seltenen Erden und anderen wichtigen Mineralien wie Lithium. Weitere Vorkommen stehen noch unter der Kontrolle Kiews, liegen aber in der Nähe des Frontverlaufs. Verschiebt sich die Front weiter zugunsten Russlands, wird die Beute nur noch größer.

Durch den Krieg gingen sogar 89 Prozent der Windparks verloren. Alle Pläne Kiews, neue Rohstoffvorkommen wie Lithium auszubeuten, sind nun auf Eis. Die Vorkommen liegen in der Nähe der Front, an eine Erschließung ist so nicht zu denken. Dazu kommt der Verlust der Häfen, auf sie ist die ganze Exportwirtschaft des Landes ausgerichtet. Von der Küste ist Kiew nur noch das Gebiet von Odessa geblieben. Sollten die Russen nicht gestoppt werden, werden sie versuchen, die gesamte Küste einzunehmen und den ganzen Süden und Osten des Landes abzutrennen.

Schwächung ist das Ziel

Diese Eroberungen wirken sich schon heute aus. Der Ukraine fehlt das Geld der Exporte, die Rohstoffe für die heimische Industrie, Kohle und Gas für die Erzeugung von Strom und Heizwärme. Putin hat dem Land den Geldhahn zugedreht. Die substanziellen Hilfen aus dem Westen reichen kaum aus, diese Ausfälle auszugleichen, die Hilfsgelder führen jedenfalls nicht dazu, das Kiew volle Kassen hat. Auf lange Sicht und für den Fall, dass Moskau seinen Zugriff auf diese Gebiete nicht wieder verliert, stärkt die Beute Russlands ohnehin schon starke Position auf dem Weltmarkt von Rohstoffen und Lebensmitteln. Russland muss die Förderung nicht einmal wieder aufnehmen. Der Wegfall der Produktion aus den besetzen Gebieten kann zunächst durch Minen in Russland kompensiert werden. Die Kriegsbeute könnte dann als strategische Reserve dienen, die irgendwann in der Zukunft erschlossen wird. Für Putin reicht es vollkommen aus, Kiew die Rohstoffe zu entziehen, um das Land dauerhaft zu schwächen.

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Dazu vertreibt der Krieg ausländische Investitionen im ganzen Land. Wenn der Krieg nicht mit einer Niederlage Russlands endet, sondern in einem eingefrorenen Konflikt, wird die freie Rest-Ukraine wirtschaftlich erdrosselt. Auch ein Grund, warum ein Waffenstillstand für Kiew nicht in Frage kommt. "Die Ukraine hätte dann nicht nur einen großen Teil ihres Territoriums und ihrer Ressourcen verloren, sondern sie wäre auch ständig der Gefahr weiterer Angriffe Russlands ausgesetzt", sagte Jacob Kirkegaard, Mitarbeiter am Peterson Institute for International Economics in Washington, zu dem Blatt. "Niemand, der bei klarem Verstand ist, kein privates Unternehmen, würde in den Rest der Ukraine investieren, solange der Konflikt eingefroren wird."

Quelle: Wapo

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