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Undichtes Delfinarium vergiftet die Böden

Nürnberg investierte 31 Millionen Euro in eine Delfin-Lagune, doch das Becken ist undicht. Salzwasser tritt aus und vergiftet die Böden. Die Zeche dafür könnte beim Steuerzahler landen. Eine Groteske.

Von Helmut Reister und Johannes Röhrig

  Delfine faszinieren - doch das undichte Schwimmbecken der Meeressäuger sorgt nun in Nürnberg für einen grotesken Streit.

Delfine faszinieren - doch das undichte Schwimmbecken der Meeressäuger sorgt nun in Nürnberg für einen grotesken Streit.

Nicht erst seit der TV-Serie "Flipper" faszinieren Delfine. Das anscheinend ewige Lächeln, die vermeintlich menschlichen Züge, die eleganten Sprünge aus dem Wasser. Kein Wunder, dass Shows mit Delfinen in US-Freizeitparks jedes Jahr Millionen Besucher anziehen – trotz aller Kritik von Tierschützern.

Was in Florida oder Kalifornien funktioniert, muss doch auch in Deutschland klappen, dachten die Verantwortlichen des Nürnberger Tiergartens und bauten 2010 ein neues Delfinarium. Doch Flipper brachte den Franken kein Glück. Vor allem, weil der künstlichen Lagune eine für Schwimmbecken gemeinhin übliche Eigenschaft fehlt: Sie ist nicht dicht.

Psychopharmaka für Delfine

Es ist mehr als eine Provinzposse. Denn das Leck hat erhebliche Umweltschäden angerichtet: Große Salzwassermengen vergifteten ein Wäldchen in der Nähe. Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth ermittelt wegen Bodenverunreinigung. Für den Steuerzahler kann der Flop teuer werden, denn die Lagune muss in Teilen neu gebaut werden. Hinter den Kulissen, das zeigen die Ermittlungsakten, die der stern nun einsehen konnte, ist zwischen der Stadt und dem Planungsbüro ein grotesker Streit entbrannt, wer für den Schaden aufkommt.

Die Delfinhaltung in Nürnberg hat Tradition und steht von jeher unter keinem guten Stern. Seit 1971 starben mindestens 33 Tiere. Um die Delfine bei Laune zu halten, werden zudem Psychopharmaka verabreicht, was Tierschützer regelmäßig in Aufruhr bringt. "Empty the tanks", fordern die Aktivisten: Leert die Becken. Das ist in den meisten Zoos tatsächlich geschehen: Von einst neun Tierparks stellten sieben die Delfinhaltung ein. Nur noch in Duisburg und Nürnberg werden die Tiere vorgeführt.

Prestigeobjekt mit Mängeln

In Nürnberg stand das Delfinarium ebenfalls auf dem Prüfstand. Doch statt das veraltete Hallenbecken zu schließen, entschied sich der Stadtrat parteiübergreifend für das Gegenteil – den Ausbau zu Deutschlands fulminantester Delfinanlage. 24 Millionen Euro wurden veranschlagt, aber natürlich wurde es teurer: Am Ende kostete das städtische Prestigeobjekt 31 Millionen Euro.

Im Sommer 2011 war Eröffnung. Zehn Tümmler und neun Seelöwen leben nun dort. Die sechs Becken fassen 5,4 Millionen Liter Salzwasser. "Hier wird auf vorbildliche Art der natürliche Lebensraum der Delfine nachempfunden", jubelte der CSU-Politiker Markus Söder, damals Bayerns Umweltminister.

Umweltschäden durch versickertes Salzwasser

Delfine – so will es die Natur – schwimmen gern wild umher. Das führt zu Wellenbewegungen. Wasser spritzt und schwappt. Nur in Nürnberg darf das nicht so sein. Im oberen Beckenrand ist zwar eine Rinne eingelassen, die Wasser auffangen und zurückleiten soll. Die Planer unterschätzten jedoch den Druck, der durch die Schwimmbewegungen der Tiere am Beckenrand entsteht. "Das Prinzip hat völlig versagt", sagt Tiergarten-Direktor Dag Encke. Zudem ist das Material der Fuge porös.

So floss Salzwasser in das umliegende Erdreich, und davon nicht gerade wenig: Bis die Schadstelle Wochen nach Inbetriebnahme endlich identifiziert wurde, waren schon bis zu 6400 Kubikmeter versickert. Mehr als 80 Tonnen Salz, so ein Gutachter, drangen in die Umwelt. Dass die Zooleitung zunächst nicht bemerkte, wie mehr als eine Lagunenfüllung abhandenkam, liegt nach Tiergarten-Angaben an der automatischen Wasserzufuhr der Anlage, die den Pegelstand immer auf einem Niveau hält. Eine Wasseruhr hätte geholfen, doch die gibt es nicht.

Probleme bei der Sanierung

Als Notmaßnahme senkte der Zoo den Wasserspiegel ab. Die Beckenfuge werde nicht mehr "durchspült" , gibt Tiergartenchef Encke an. Allerdings können sich die Tiere in den seichten Bereichen der Lagune nun nicht mehr aufhalten. Versuche, den Beckenkopf abzudichten, scheiterten bislang.

Letztlich, so fordern es Gutachter des TÜV Rheinland wie auch das Hochbauamt, muss der Rand komplett erneuert werden. Das Problem: Für eine Totalsanierung müsste der Zoo seine Attraktion für eine Saison sperren. Zudem findet sich kein Ausweichplatz für die Tiere. Auch der Disput zwischen Hochbauamt und dem Architekturbüro des Delfinariums, wer denn nun für den Bauflop geradesteht, hat groteske Züge. "Eine vollständige Dichtigkeit im Bereich des Beckenkopfes" , so schreibt das Büro an das Amt, "war zu keiner Zeit Planungsgrundsatz."

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