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14. Juli 2008, 10:13 Uhr

Warten auf die nächste Pleite

Mit der Pleite der Hypothekenbank IndyMac hat die Immobilienkrise in den USA einen neuen Höhepunkt erreicht. Es wird nicht der letzte sein. Experten rechnen mit einer Welle von Zusammenbrüchen, die Regierung versucht bislang vergeblich gegenzusteuern. Von Matthias Krause, New York

"Haus zu verkaufen" steht auf einem Schild vor einem Haus in Staten Island, New York - immer mehr US-Bürger sind gewzungen, ihr Eigenheim zu veräußern© Justin Lane/dpa

Die Banker an der Wall Street in New York und die Finanzpolitiker in Washington spielen dieser Tage ein Spiel, auf das sie liebend gerne verzichten würden. Es trägt den schlichten Titel: "Who is next?" - Wen erwischt es als nächsten? Die Pleite der US-Hypotheken- und BausparbankIndyMac in Pasadena, Kalifornien gilt ihnen als Vorbote für eine Welle von Banken-Pleiten, die jetzt droht. Und noch weiß niemand, wie lange sie anhalten wird. Die amerikanische Bankenaufsicht FDIC, die am Freitag die Geschäfte bei bei Indymac-Bank übernommen hatte, führt eine Liste mit 90 Wackelkandidaten. Ihre Namen hält sie allerdings geheim.

Kosten in Milliardenhöhe

Andere gehen davon aus, dass von den 7500 Banken in Amerika bis zu 150 die aktuelle Krise nicht überstehen werden. Bei letzten großen Kollaps Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre waren mehr als 1000 Finanzinstitute in den Abgrund gerissen worden. Damals musste die Regierung in Washington 125 Milliarden Dollar locker machen, um für die staatlich garantierten Einlagen gerade zu stehen.

Der Untergang der IndyMac wird die FDIC nach eigener Schätzung zwischen vier und acht Milliarden Dollar kosten und wäre damit eine der teuersten Bankenpleiten in der Geschichte der USA. Im Augenblick hat die Bankenaufsicht 53 Milliarden Dollar in der Kasse, um für garantierte Einlagen gerade zu stehen. Niemand kann sagen, ob das reicht. FDIC-Chefin Sheila Bair versichert: "Es wird eine erhöhte Anzahl von Pleiten geben, aber sie bleiben in einem Bereich, mit dem wir fertig werden."

Fünf Banken bislang pleite

Seit Beginn des Jahren mussten in den USA fünf Banken dicht machen, jedes Mal war die geplatzte Blase auf dem Immobilienmarkt Schuld. IndyMac hatte sich auf die Vergabe so genannter "no-doc loans" spezialisiert, also Hypotheken, bei denen die Antragssteller nur ein Minimum an Dokumenten vorlegen mussten, manchmal nicht einmal einen Einkommensnachweis. Was ursprünglich geschaffen worden war, um zum Beispiel Freiberuflern den Hauskauf zu erleichtern, nutzten die Banken im Immobilienboom, um Leuten einen Kredit zu vermitteln, den sie sich unter normalen Umständen nicht hätten leisten können. Ein überdurchschnittlich hoher Prozentsatz dieser Hypotheken platzt nun.

Über ein Jahr nach Beginn der amerikanischen Immobilienkrise sind es längst nicht mehr nur die hoch riskanten Kredite, die den Banken schwer im Magen liegen. Mittlerweile geraten auch die solventeren Hausbesitzer in den Strudel der sinkenden Immobilienpreise. Das in vielen Regionen bestehende Überangebot an Häusern wird nun dadurch verschärft, dass die Bank Immobilien von säumigen Zahlern zu Spottpreisen auf den Markt werfen und so das Niveau noch weiter drücken. Hinzu kommt die schlechte wirtschaftliche Gesamtwetterlage. Der Benzinpreis hat sich in Amerika dauerhaft auf über vier Dollar pro Gallone eingependelt. Das sind rund 70 Euro-Cent pro Liter, nach deutschen Verhältnissen ein Spottpreis, in Amerika ein historisches Hoch. Die Lebensmittelpreise steigen ebenfalls rasant, die Arbeitslosenzahlen schnellen nach oben.

"Der freie Fall der Hauspreise ist die Wurzel aller unserer finanziellen und wirtschaftlichen Probleme", sagt Mark Zandi, Chefökonom bei Economy.com. "die Investoren wissen nicht, wann die Talsohle erreicht ist und wie viele der Hypotheken abgeschrieben werden müssen." Der Index der landesweiten Preise für Häuser ist seit seinem Hoch im zweiten Quartal 2006 um 16 Prozent gefallen. In der letzten Immobilienkrise Anfang der 90er war nach einem Minus von 2,8 Prozent die Talsohle erreicht. Die Zahl der Zwangsversteigerung hat sich in Juni mit 681.000 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.

Paulsen versucht zu beruhigen

Mittlerweile trifft es nicht mehr nur die kleinen Banken. Nach einem hektischen Wochenende mit Dauersitzungen von Vertretern der Federal Reserve Bank, der Wall Street-Bosse und des US-Finanzministeriums sah sich Minister Henry Paulson gezwungen, einen Notfall-Plan für die Branchenriesen Fannie Mae und Freddie Mac zu verkünden - pünktlich vor der Öffnung der zitternden Börsen in Asien. Die vom Staat gegründeten und subventionierten, aber in den Händen von privaten Aktionären befindlichen Institute verwalten rund 40 Prozent aller privaten Immobilienkredite in den USA. Ihr Wert wird auf 5,2 Billionen Dollar geschätzt. Noch befänden sich die beiden nicht in Schieflage, versicherte Paulson in einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Sonntag. Aber er wolle den staatlichen Kreditrahmen von derzeit 2,25 Milliarden Dollar vorsorglich anheben. Außerdem solle der Kongress Grünes Licht für einen Aktienkauf der Regierung geben, um notfalls die Kapitalbasis der beiden Banken kurzfristig zu stärken.

Ihr Aktienwert war seit Anfang des Jahres um mehr als 80 Prozent gefallen. Freddie Mac will am Montag kurzfristige Anleihen in Höhe von drei Milliarden Dollar versteigern. Dann wird sich zeigen, ob der Markt Paulsons Beteuerungen glaubt. Bert Ely, Bankexperte und langjähriger Kritiker der beiden Geldinstitutionen, sagte: "Paulsons Plan geht weiter, als ich gedacht hätte. Was darauf schließen lässt, dass die Sorgen ebenfalls größer sind." Eine kleine positive Nachricht gibt es ob all der ökonomischen Hiobsbotenschaften übrigens trotzdem: Bei der Bankenaufsicht FDIC suchen sie händeringend neue Mitarbeiter.

Von Matthias Krause, New York
 
 
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